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Fußball-Länderspiele

„Die Polizei tut alles, was in ihrer Macht steht“ – Was heißt das?

von Gerald Gartner / 24.11.2015

Fußballspiele sind schon immer eine Herausforderung für Sicherheitskräfte, seit den Terroranschlägen von Paris noch mehr: „Wie ernst ist die Bedrohung wirklich? Sagen wir die Veranstaltung ab? Geben wir dann den Extremisten nicht genau das, was sie wollen?“ Ein Überblick, wie die Vorbereitungen der Polizei bei gefährdeten Spielen ablaufen und was im Ernstfall passiert.

Wie wird echte Terrorbedrohung von Trittbrettfahrern unterschieden?

Der Verfassungsschutz liefert der Polizei Hinweise. Die Polizei erstellt nach diesen Informationen ein Lagebild für Gefährdungen. Für die Beurteilung der Gefahr ist der Hintergrund der potenziellen Tat wichtig. Gibt es beispielsweise eine Bombendrohung einer jugendlichen Stimme an einer Schule, lässt sich herausfinden, welche Klasse gerade Schularbeit hat. Wenn Führer der nordirischen IRA in Bombendrohungen gewisse Codewörter fallen ließen, wussten die Behörden um den Ernst der Lage. Aber der Dschihadist von heute ruft nicht mehr an. Dafür ist er meistens schon polizeibekannt. Die Behörde geht vorab auf „Gefährder“ zu und vermittelt ihnen, dass sie unter Beobachtung stehen. Wie diese Beurteilungsprozesse für Hinweise in ein Lagebild zusammenfließen und so die Zahl und Positionierung von Sicherheitskräften festgelegt wird, behält das Innenministerium für sich. Islamisten sollen das ja nicht wissen.

Absage des Freundschaftsspiels Deutschland – Niederlande: Polizisten sperren den Bereich ab. Das bereits geöffnete Stadion wurde evakuiert.
Credits: dpa / Stratenschulte

Welche Folgen haben die Anschläge für die Kontrollen an Stadion-Eingängen?

Die Attentäter von Paris versuchten mit ihren Sprengstoffgürteln relativ spät in das Stadion zu gelangen – wohl in der (falschen) Hoffnung auf laxere Personenkontrollen. Als Reaktion darauf haben die Einsatzteams bei Fußballspielen in Österreich die Kontrollen an den Eingängen verlängert. Zusätzlich wurde auch personell aufgestockt. Vergangene Woche waren beim Spiel der Nationalmannschaft gegen die Schweiz mehr Securitys im Einsatz als üblich. Die Sicherheitsleute werden außerdem darauf trainiert, noch viel kleinere Gegenstände als Sprengstoffgürtel an Personen zu ertasten, etwa pyrotechnische Gegenstände und kleine Flaschen.

Was verhindert eine Massenpanik?

Wer wie zum Verlassen des Stadions aufgefordert wird, ist ein Schlüsselpunkt. In Wien ist bei Länderspielen Stadionsprecher Andy Marek dafür verantwortlich. Für Ernstfälle gibt es vorgefertigte Texte, die die Anwesenden beruhigen sollen. Pläne für Evakuierungen selbst sind vorab festgelegt, wie es das Veranstaltungsgesetz vorschreibt.

Bei der Europameisterschaft 2008 wurde die Fanzone vor dem Wiener Rathausplatz wegen eines Unwetters geräumt. Das verlief ohne Probleme. Ob das bei einem Selbstmordanschlag ebenso wäre, ist allerdings fraglich.

Ist eine Evakuierung des Stadions immer die richtige Konsequenz?

Nein. Die Fußballfans blieben auch nach dem Anschlag vor dem Stade de France in Paris auf ihren Plätzen. Nach dem Schlusspfiff strömten sie auf das Fußballfeld. Der Veranstalter hatte überall Fluchtraum geschaffen, wo es möglich war. Deshalb gab es in der Arena keine Panik.

Für die Polizei ist nicht auszuschließen, dass eine Evakuierung das Ziel der Attentäter ist. Möglich, dass sich ein zweiter Täter erst in den Menschentrauben einer Evakuierung selbst in die Luft sprengt und damit die zahlreichen Menschen in der Nähe mitreißt. Dieses Muster war bei Anschlägen auf Märkte in Afghanistan und dem Irak erkennbar.

Wären nach einem Anschlag in Wien Polizei und Armee ebenso schnell auf der Straße wie in Paris?

Nein. In Paris gilt seit dem Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Jänner höchste Alarmbereitschaft. Deshalb sind viele Sicherheitskräfte auf Abruf verfügbar. Anders in Österreich: Die Reaktionszeit unterscheidet sich je nach Anschlagszeitpunkt. Um drei Uhr morgens würde das Anfordern von Polizisten länger dauern als zu regulären Dienstzeiten tagsüber. Aber: Bei geplanten Ereignissen wie Länderspielen ist es üblich, eine Sicherheitsreserve bereit zu halten.

Würde man in Österreich ebenso das Bundesheer einsetzen?

Ja. Die Polizei könnte die Sicherung aller wichtigen öffentlichen Gebäude, Verkehrsknotenpunkte und kritischer Infrastruktur allein nicht übernehmen. Für einen längeren Zeitraum würde sie das Militär anfordern. Darf die Polizei das ohne weiteres? Ja, bei kurzen Einsätzen reicht eine Anfrage. Dauert es länger, muss der Ministerrat einen sogenannten Assistenzeinsatz beschließen. So passiert das aktuell beim Grenzeinsatz in Spielfeld. Das wäre auch eigentlich Aufgabe der Polizei.

Polizisten während einer Streife durch die Kärntner Straße in Wien
Credits: APA / Fohringer

Würden gleichzeitig überall an wichtigen Stellen Beamte positioniert werden?

Nein. Wer alles schützt, schützt gar nichts. Was geschützt wird, richtet sich nach der Gefährdungseinschätzung der Verfassungsschutzbehörden. Liegen keine Hinweise auf einen Angriff vor, dann greift die Exekutive auch nicht ein. Betreiber von Kraftwerken und Erdgasfeldern haben selbst eine Verpflichtung, ihre Anlagen zu schützen.

Welche Rolle spielen Hinweise der Bürger für die Polizei?

Nach Anschlägen gehen bei der Polizei mehr Hinweise auf verdächtige Objekte oder über Personen ein. Ein Problemfaktor könnte sein, dass es in den Städten weniger Vertrauen zu den Beamten gibt als im ländlichen Raum. Generell ist das Vertrauen der Österreicher in die Polizei sehr hoch.

In den USA setzt Homeland Security massiv auf Hinweise der Bevölkerung. Lautsprecherdurchsagen in Bahnhöfen, Hinweise in U-Bahn-Stationen – der öffentliche Raum ist gepflastert mit der Aufforderung, auffällige Personen zu melden. Für Außenstehende mag das befremdlich und paranoid wirken, für US-Bürger ist es Normalität.


Credits: dhs.gov

Wie sah das Bedrohungsszenario für die EM 2008 aus?

Gewaltbereite Hooligans waren das größte Sicherheitsrisiko. Sie sollten vom Eintritt in das Stadion abgehalten und im besten Fall schon an der Grenze aufgehalten werden. Dafür wurde das Schengen-Abkommen außer Kraft gesetzt. 214 Personen wurden abgewiesen. Der Großteil, weil die Identität nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnte. Zehn bekannte gewaltbereite Fußballfans haben die Grenzbeamten so gefunden – sie waren in der Hooligan-Datenbank gelistet. Dafür haben zwischen 400 und 800 Grenzschützer fast 3.000 Autos kontrolliert.

Gab es auch Bombendrohungen?

Ja, vier. Evakuierungen hat es deshalb nicht gegeben. Es waren leere Drohungen. Für jedes Gruppenspiel war ein Bomben-Entschärfungskommando vor Ort. Bei Hochrisikospielen waren es zwei. Im Umfeld der vier Fanmeilen in Wien, Klagenfurt, Innsbruck und Wals-Siezenheim haben die Beamten zwölf verdächtige Gegenstände gefunden und untersucht. Keiner war explosiv.

Wie sicher haben sich die EM-Besucher 2008 gefühlt?

Sehr. Nur etwa einer von fünf Besuchern hatte subjektiv nicht das Gefühl, „sicher“ zu sein.

Wird Frankreich für die Europameisterschaft 2016 wie Österreich 2008 das Schengen-Abkommen aussetzen?

Ja, davon ist auszugehen. Ein gleiches Vorgehen gab es von der deutschen Behörde erst beim G7-Treffen im Schloss Elmau in Bayern. Die Polizei kontrollierte an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland.

Werden österreichische Polizisten in Frankreich im Einsatz sein?

Ja, weil sich die österreichische Nationalmannschaft für die Endrunde qualifiziert hat. Die Beamten sollen die Sicherheit des Teams garantieren und als Ansprechpartner für österreichische Fans dienen. Ihnen kommt eine Vermittlerrolle zwischen französischen Sicherheitskräften und österreichischen Fans zu.

Die Sicherheitsvorkehrungen werden in Frankreich ungleich höher sein. Bei der EM 2008 waren in Österreich 28.000 Polizisten im Einsatz. Auf der Suche nach den Attentätern hat Frankreich in der Woche nach dem Anschlag 115.000 Sicherheitskräfte mobilisiert.