Lukas Wagner

Riad vs. Teheran

Die Qual der Wahl

Meinung / von Christoph Zotter / 12.01.2016

Zwischen dem Iran und Saudi-Arabien kriselt es. Wem steht Österreich näher?

Das Jahr begann blutig. Am 2. Jänner richteten saudische Henker 47 Menschen hin, sie alle sollen Terroristen gewesen sein. Ihre Namen hatte die Welt bald vergessen, bis auf einen: Nimr al-Nimr, er war ein saudischer Staatsbürger.

Aber nicht nur. Nimr al-Nimr war ein schiitischer Geistlicher, er trug den Titel eines Scheichs. Das macht ihn zu einer bedeutenden Figur für die Elite des Gottestaates Iran, wo mehrheitlich Schiiten leben. Teheran reagierte scharf, das fundamental-sunnitisch regierte Saudi-Arabien ist einer seiner Erzfeinde.

Seitdem eskaliert der Konflikt zwischen den Regionalmächten Iran und Saudi-Arabien. Die europäische Diplomatie verurteilte die Hinrichtung, der österreichische Außenminister schloss sich an. Sonst hielt er sich zurück.

Österreich betrachtet keines der beiden Länder als direkten Verbündeten, muss sich in diesem Streit also nicht positionieren. Trotzdem hat das Land seine Interessen. Geht es nach den Wirtschaftsdaten, sollten die in Riad liegen.


Credits: Gerald Gartner, Lukas Wagner

Dass die Österreicher mit den Saudis lieber und öfter wirtschaften, hat einen einfachen Grund: Der Iran wurde durch ein Embargo abgeschottet. Besonders deutlich sieht man das bei heiklen Geschäften: So löste eine Lieferung Steyr-Scharfschützengewehre nach Teheran im Jahr 2004 einen mittleren Skandal aus.

Die jährlichen Lieferungen von lizenzierungspflichtigem Kriegsmaterial aus dem neutralen Österreich mit Saudi-Arabien scheinen hingegen kaum zu stören – auch wenn das Land seit den Arabellions im Jahr 2011 immer wieder seine Soldaten über die Grenze schickt und Waffen nach Syrien geschmuggelt haben soll.

Geht es nach Kurz’ Wortmeldungen, dürfte ihm aber der Iran in jüngster Zeit etwas mehr am Herzen liegen. Nachdem in Wien der sogenannte Iran-Deal ausgehandelt wurde, reiste er mit der GröWaZgrößten Wirtschaftsdelegation aller Zeiten nach Teheran. Dort sprach er sich dann prompt dafür aus, mit dem syrischen Dikator Baschar al-Assad zu verhandeln.

Der ist ein Freund der Mullahs. Für die Saudis wiederum ist der Alawit Assad ein rotes Tuch. Sie haben sich im syrischen Gemetzel auf die Seite der sunnitischen Rebellengruppen gestellt, die Iraner finanzieren schiitische Milizen. Mit seinem Verhandlungsaufruf deutete Kurz an, wo seine Sympathien liegen könnten.

Noch dazu überschattete im vergangenen Jahr das öffentliche Gerangel um das von den Saudis finanzierte „King Abdullah Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue“ die jahrelange Sonnendiplomatie mit dem Wüstenreich. Die Iraner scheinen in der Gunst zu steigen, die Saudis eher zu sinken.

Das zeigt sich auch an der Wirtschaft, die dem sich öffnenden iranischen Millionenmarkt entgegenfiebert. Deutschland, aber auch Österreich gelten dort als Sehnsuchtsländer. Konzerne wie die OMV wiederum hoffen, den Mullahs mit europäischer Technologie unter die Arme greifen zu können.

So richtet sich Österreich am Ende wohl wieder nach seiner Wirtschaft. Viel anderes bleibt einem Land ohne machtpolitischem Interesse in der Welt auch nicht. Moralisch ist mit den beiden Gottesstaaten ohnehin kein Blumentopf zu gewinnen.