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Religion im Kindergarten

Die seltsame Welt der Kindergärten: Salafisten, Kreuze, Landeshauptleute

von Moritz Gottsauner / 07.12.2015

Wie viel Religion in die Kindergartengruppe darf, ist in jedem Bundesland anders geregelt. Was ist wo erlaubt? Ein Überblick. 

Nicht nur, dass Wien bereits als Drehscheibe für Dschihadisten gilt. Jetzt soll es einer „Vorstudie“ zufolge sogar salafistische Kindergärten in der Stadt geben. Das Papier stammt vom Leiter des Instituts für Islamische Studien der Uni Wien, Ednan Aslan, und wurde am Wochenende geschickt vom Außenministerium lanciert, dem das Thema am Herzen liegen dürfte. Die Stadt Wien verteidigt sich damit, dass man die religiöse Ausrichtung der Kindergärten nicht erhebe. Das werde vom Wiener Kindergartengesetz auch nicht verlangt.

Das stimmt. Und bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass das Wort „Religion“ im gesamten Gesetz kein einziges Mal vorkommt. Aber wie ist die Rolle der Religion in Österreichs Kindergärten gesetzlich geregelt?

Grundsätzlich hat jedes Bundesland ein eigenes Kindergarten- oder Kinderbetreuungsgesetz verabschiedet. In ihnen sind pädagogische Grundprinzipien geregelt, Gruppengrößen, Öffnungszeiten und dergleichen. Oft enthält es auch einen eigenen „Bildungsplan“, der pädagogische Details behandelt.

In den Gesetzen selbst beziehen sich zwar alle Bundesländer außer Wien in den Präambeln auf die religiöse Bildung als Teil der Kindergartenpädagogik. Generell lässt sich aber sagen, dass es in diesem Bereich viel Spielraum und kaum Verbote gibt. Viel mehr Wert legen die Länder auf Gebote. Im Osten des Landes ist es zum Beispiel populär, Kreuze in Gruppenräumen vorzuschreiben. Und als staatliches Pendant muss dort hin und wieder auch das Bild des Bundespräsidenten hängen. In einem Fall sogar jenes das Landeshauptmanns. 

Wie Religion und staatliche Symbole in Österreichs Kindergärten geregelt sind:

Wien: Nein, nein, nein

Kreuz-Pflicht: Nein
Religiöse Bildung: Nein
Religionsstunde: Nein
Bild des Landeshauptmanns: Nein
Bild des Bundespräsidenten: Nein
Wappen: Nein

Wie gesagt, in Wien wird das R-Wort ziemlich konsequent gemieden. Weder kommt es im Kindergartengesetz noch in zugehörigen Verordnungen noch im Wiener „Bildungsplan“ vor. Stattdessen ist von Werten die Rede. Wien nimmt damit in Österreich eine Sonderrolle ein. Auch, weil in Wiener Kindergärten keine Kreuze an der Wand hängen müssen. Und Bilder des Landeshauptmanns schon gar nicht. Das ist eher den Nachbarn vorbehalten.

Niederösterreich: Für Gott und Erwin

Kreuz-Pflicht: Ja
Religiöse Bildung: Ja
Religionsstunde: Ja
Bild des Landeshauptmanns: Ja
Bild des Bundespräsidenten: Ja
Wappen: Nein

Wien und Niederösterreich trennen Kindergartenwelten. Nicht nur, dass überall im weiten Land Kreuze hängen müssen, wenn die Mehrzahl der Kinder christlich ist. Im Gegensatz zur Bundeshauptstadt gibt es im niederösterreichischen Kindergartengesetz auch einen eigenen Paragrafen für „Religiöse Erziehung“. Darin steht festgeschrieben, dass öffentliche Kindergärten die religiöse Erziehung der Kinder für höchstens eine Stunde in der Woche gewähren müssen.

Außerdem müssen jeweils ein Bildnis des Landeshauptmanns sowie des Bundespräsidenten in den Gruppenräumen an der Wand hängen, eine in Österreich einzigartige Regelung. Eine weitere Besonderheit: Sogar die Raumtemperatur ist gesetzlich geregelt. Sie hat in Kindergärten mindestens 20 Grad zu betragen.

Burgenland: Vatikanische Außenstelle

Kreuz-Pflicht: Ja
Religiöse Bildung: Ja
Religionsstunde: Nein, aber Besuchsrecht
Bild des Landeshauptmanns: Nein
Bild des Bundespräsidenten: Ja
Wappen: Ja

Das Burgenland versteht ebenfalls keinen Spaß, wenn es um den Staat und seine Symbole geht. Der Landeshauptmann gehört zwar offenbar nicht dazu. Dafür aber das Bundeswappen und das Landeswappen. Sie müssen in jedem Raum hängen. Das gilt auch für das Kreuz, das im Gesetz gar als „staatliches Symbol“Als staatliche Symbole sind zumindest in jedem Gruppenraum ein Kreuz sowie das Bundes- und Landeswappen und in jeder Kinderbetreuungseinrichtung ein Bild des Bundespräsidenten anzubringen. bezeichnet wird.

In einem Punkt haben die Burgenländer dann doch Gnade walten lassen: Das Bild des Bundespräsidenten muss zwar irgendwo hängen, aber nicht in jedem Gruppenraum.

Zwar sind im Burgenland im Unterschied zu Niederösterreich keine Religionsstunden vorgesehen. Dafür haben anerkannte Religionsgemeinschaften ein „Besuchsrecht“ in Kindergärten. Diese Besuche müssen aber im Einvernehmen mit der Kindergartenleitung geschehen.

Steiermark: Der Halbmond an der Wand

Kreuz-Pflicht: Ja, aber
Religiöse Erziehung: Ja
Bild des Landeshauptmanns: Nein
Bild des Bundespräsidenten: Nein
Wappen: Nein

Die Steiermark nimmt das mit den staatlichen Symbolen eher locker. Wappen oder Bilder von Landeshauptmann und Bundespräsident sind nicht vonnöten, um einen richtigen Kindergarten zu betreiben. Im Einvernehmen mit den Eltern kann die Erziehung aber nach ethischen oder religiösen Werten stattfinden.

Überhaupt sei es die Aufgabe von Kindergärten „zu einer grundlegenden religiösen und ethischen Bildung beizutragen“. Die steirische Besonderheit: Hat die Mehrzahl der Kinder dieselbe Religion, können religiöse Zeichen in den Gruppenräumen angebracht werden – dabei muss es sich aber nicht unbedingt um ein Kreuz handeln.

Kärnten: Kein Bild vom Kaiser

Kreuz-Pflicht: Nein
Religiöse Bildung: Ja
Religionsstunde: Nein
Bild des Landeshauptmanns: Nein
Bild des Bundespräsidenten: Nein
Wappen: Nein

Wer hätte gedacht, dass in Kärntner Kindergärten nicht einmal der Landeshauptmann von der Wand lächelt? Tatsächlich ist laut Gesetz die „Familienerziehung ist nach sozialen, ethischen und religiösen Werten zu unterstützen und zu ergänzen.“ Das war es aber auch schon mit der Religion und staatlichen Symbolen. Keine Kreuze, kein Bundespräsident. Gar nichts.

Oberösterreich: Bescheidener Wandschmuck

Kreuz-Pflicht: Ja
Religiöse Bildung: Ja
Religionsstunde: Nein
Bild des Landeshauptmanns: Nein
Bild des Bundespräsidenten: Nein
Wappen: Nein

Oberösterreich hat sich im Gegensatz zu Niederösterreich für die Minimalvariante entschieden. Kreuz ja, wenn die Mehrheit christlich ist. Aber Landeshauptmann und Bundespräsident müssen nicht sein. Auf eine religiöse Erziehung wird nur insofern am Rande eingegangen, als dass auf die „Entwicklung grundlegender ethischer und religiöser Werte Bedacht genommen“ werden soll.

Salzburg: Ihr könnt aufhängen, was ihr wollt (solange es ein Kreuz ist)

Kreuz-Pflicht: Ja
Religiöse Bildung: Ja
Religionsstunde: Nein
Bild des Landeshauptmanns: Nein
Bild des Bundespräsidenten: Nein
Wappen: Nein

Kreuz oder nicht Kreuz? Man muss sich als Landesgesetzgeber nicht unbedingt für eines entscheiden. Salzburg hat die Frage auf seine ganz eigene Art beantwortet: „In öffentlichen Kindergärten und in öffentlich zugänglichen Privatkindergärten ist in jedem Gruppenraum ein religiöses Symbol (Kreuz) anzubringen.“

Man hat also die Wahl, welches religiöse Symbol das sein soll, bis man sie nicht mehr hat (Kreuz). Im Übrigen hat der Salzburger Kindergarten die Aufgabe, „zu einer grundlegenden charakterlichen, religiösen und sozialen Bildung beizutragen“. Mehr ist zum Thema Religion nicht zu finden.

Tirol: Unheiliges Land

Kreuz-Pflicht: Nein
Religiöse Bildung: Ja
Religionsstunde: Nein
Bild des Landeshauptmanns: Nein
Bild des Bundespräsidenten: Nein
Wappen: Nein

Es ist „auf die Entwicklung grundlegender ethischer und religiöser Werte Bedacht zu nehmen“, sagt das Tiroler Kinderbetreuungsgesetz. Damit ist das Thema erledigt. Keine Kreuze, Wappen, Bundespräsidenten. Was ist los, Tirol?

Vorarlberg: Etwas anders

Kreuz-Pflicht: Nein
Religiöse Bildung: Ja
Religionsstunde: Ja
Bild des Landeshauptmanns: Nein
Bild des Bundespräsidenten: Nein
Wappen: Nein

Vorarlberg ist besonders. Kein anderes Bundesland ermöglicht eine wöchentliche Religionsstunde, ohne gleichzeitig das Aufhängen eines Kreuzes zu verlangen. Wie in den anderen westlichen Bundesländern: Bilder von Politikern kommen nicht infrage.