AP Photo/Vadim Ghirda

Randnotiz

Die zweideutige Macht zu eindeutiger Bilder

Meinung / von Georg Renner / 15.03.2016

Darf man mit solchen Fotos Politik machen? Kinder, die sich durch den Schlamm zwischen den Zelten in Idomeni schleppen. Ein Neugeborenes, das von seinem Vater in einer Lacke gewaschen wird. Ein ertrunkener Bub, angeschwemmt am Strand von Bodrum.

Die Migrationskrise produziert inzwischen fast täglich Bilder, bei denen einem schlecht werden kann, bei denen man sich wünscht, dass es einfach nur noch möglichst schnell aufhört. Und zwar nicht irgendwo, in fernen Kriegsgebieten, sondern teilweise mitten in Europa – oder zumindest dort, wo eine europäische Flüchtlingspolitik durchaus etwas bewirken könnte.

Und natürlich gibt es Politiker, die einen das nicht vergessen lassen: Am Wochenende war es der grüne EU-Parlamentarier Michel Reimon, der unter anderem das Bild eines im September bei der Überfahrt nach Europa ertrunkenen und in der Türkei angespülten Kindes nutzte, um auf Facebook Stimmung gegen die Politik der Regierung zu machen:

Reimon stellt dieses und andere Bilder in Kontext eines Zitats von Sebastian Kurz, der in einem Interview mit der Welt für eine eigenständige europäische Grenzsicherung eingetreten ist und dabei auch sagte, hässliche Bilder werde man in Kauf nehmen müssen.

Das Posting sorgte am Sonntag für einen kleinen Schlagabtausch: Ein Kurz-Sprecher nannte es „verabscheuungswürdig, den Tod von diesem kleinen Buben für Parteipolitik“ zu nutzen, Reimon bezeichnete den Außenminister als „menschenverachtenden Zyniker“.

Jetzt kann man durchaus in Frage stellen, was ein solches sonntägliches Hickhack in der Sache bringen soll – aber es wirft jedenfalls eine interessante Frage auf, die uns in den kommenden Wochen, je nachdem, wie lange die mazedonische Grenzschließung dauern wird, wohl noch öfter beschäftigen wird: Darf man mit den Bildern leidender Migrantenkinder Politik machen?

Und die Antwort kann nur lauten: Warum nicht.

Bilder machen die Folgen der Politik greifbar

Niemand, der einigermaßen mit einem Herzen gesegnet ist, wird bestreiten, dass es sich bei den Zuständen in Idomeni eindeutig um Missstände handelt. Natürlich greift es zu kurz, allein den Außenminister und die österreichische Regierung dafür verantwortlich zu machen – da spielen noch viele andere Faktoren mit, etwa die griechische Regierung, die trotz einer großzügig finanzierten Armee nicht in der Lage ist, menschenwürdige Zustände herzustellen.

Aber ja, wenn mitten in Europa Babys in Lacken gewaschen werden und wenn im Mittelmeer noch immer regelmäßig Menschen ertrinken, muss sich jeder Bürger – und noch mehr, jeder Politiker – die Frage gefallen lassen: Kann man da wirklich nicht mehr tun? Und nichts hält einem solche Fragen so konkret vor Augen wie emotionale Bilder von Kindern, Familien, den Gesichtern und Schicksalen, die in dem Wort „Flüchtlingsstrom“ oft untergehen.

Wer sich hier mehr darüber entrüstet, dass solche Bilder in Umlauf kommen, muss sich – wie damals, als die Krone Bilder aus dem Lkw mit dutzenden Toten zeigte – die Frage gefallen lassen, ob er nicht eher durch wohliges Nichtwissen (und Nicht-Wissen-wollen) sein Gewissen schonen möchte, als dass es ihm tatsächlich um die Würde von Kindern und Toten ginge.

Das ist die eine Seite: Ja, es ist gut, dass einem auch Politiker – gerade die Opposition kann ja wenig mehr tun, als Dinge aufzuzeigen – die Folgen der europäischen (Nicht-)Politik konkret vorführen.

Die andere Seite ist: Natürlich zeigen solche Bilder eben auch immer nur einen Teil der Wirklichkeit.

Bilder zeigen immer nur einen Ausschnitt

Genauso wie Grüne auf Bildern Kinder und Familien in den Vordergrund rücken, zirkulieren von rechter Seite andere Bilder: von Migranten, die die mazedonische Polizei mit Steinen bewerfen bis zu den Polizeiaufgeboten, die aggressive Flüchtlingsmobs in Österreich davon abhalten müssen, in Straßenschlachten aufeinander loszugehen.

Auch das ist Teil der Realität dieser Migrationsbewegung – und braucht genauso politische Lösungen wie die Tatsache, dass die Zustände in dem griechischen Lager für Familien untragbar sind. Aber wer sich immer nur darauf fokussiert, einen Teil des Problems herauszustreichen, trägt nicht dazu bei, dass das Thema in seiner Gesamtheit erkannt wird, sondern multipliziert nur die (Vor-)Urteile seiner Klientel.

Natürlich ist es Aufgabe der Politik, komplexe Sachverhalte für die Bürger auf verdauliche Brocken herunterzubrechen, diffizile Entscheidungsprozesse und ihre Auswirkungen nachvollziehbar zu machen – Bilder, auch emotionale, sind da ein wichtiges Kommunikationsmittel. Aber wer nur mit Schwarz-Weiß-Bildern arbeitet und die bösen Politiker rügt, die die armen Kinder sterben lassen, ohne die Probleme aufzuzeigen, tut der Sache langfristig nichts Gutes.