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Refugee Guide

Drei Wege, sich Flüchtlingen vorzustellen

von Moritz Gottsauner / 25.12.2015

Mit dem „Refugee Guide“ will die Regierung Flüchtlinge auf Österreich einstimmen und die Grundprinzipien des Landes vorstellen. In Deutschland und der Schweiz gibt es bereits ähnliche Projekte, die sich stark voneinander unterscheiden. Ein Broschürencheck.

Andere Länder, andere Sitten. Das gilt nicht nur für Flüchtlinge, die in Europa in einer anderen Lebenswelt ankommen. Auch die Art und Weise, wie Asylländer ihre Sitten verständlich machen wollen, variiert. Vergangenen Samstag hat das Innenministerium seinen sogenannten „Refugee Guide“ veröffentlicht, einen Folder, der Asylwerbern kurz und knapp einen Überblick über Grundprinzipien des Zusammenlebens in Österreich bietet. Das soll die Integration in den ersten Wochen erleichtern und Missverständnisse und Probleme mit der einheimischen Bevölkerung vermeiden.

Österreich ist nicht das erste Land in Europa, das sich mittels Folder oder Broschüre bei seinen Asylwerbern vorstellt. In der Schweiz und den Niederlanden gibt es bereits ähnliche Projekte. Bei näherer Betrachtung ergeben sich aber große Unterschiede in Ansatz und Umsetzung. So spiegeln die Broschüren nicht nur die Haltung gegenüber Zuwanderern und Flüchtlingen wider. Sie geben auch einiges über das Selbstbild eines Landes preis.

1. Österreich: Belehrung statt Bescherung

Die meisten Asylwerber werden als Muslime vermutlich nicht Weihnachten feiern. Wenn es aber so wäre, hätte ihnen das Innenministerium vergangenen Samstag ein Weihnachtsgeschenk gemacht: den sogenannten „Refugee Guide“, einen zweiseitigen Folder, der sie auf das Leben in Österreich vorbereiten soll.

In kleinen Kästchen mit Illustrationen und wenig Text geht der Folder verschiedene Themengebiete durch, die zu den „Grundregeln“ gezählt werden. Im weitesten Sinne sollen sie wohl so etwas wie ein Wertesystem bilden: Menschenwürde, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und Rechte der Kinder.

Unter Menschenrechte fällt etwa das Verbot, Gewalt anzuwenden. Mit dem Nachsatz: „Auch in der Familie darf es keine Gewalt geben!“ Als Beispiel für Höflichkeit wird die Begrüßung per Händedruck angeführt. Und: „Zivilcourage ist in Österreich sehr wichtig.“

Ansonsten spannt das Papier einen weiten Bogen. „Der Staat schützt Kinder besonders“, heißt es an einer Stelle ohne weitere Erklärung. Als Beispiel für Kinderrechte folgt dann der Hinweis, dass Mädchen und Buben gemeinsam in den Schwimmunterricht gehen müssen.

Wenn es ein Weihnachtsgeschenk wäre, dann wohl kein besonders freundliches. Die Anweisungen sind knapp gehalten und daher nahe am Befehlston. Der Folder ähnelt mehr einer Belehrung oder einer Hausordnung als einem Leitfaden für das Zusammenleben in Österreich, wie der Name „Guide“ vermuten ließe.

Es ist auch fraglich, ob die beschriebenen Problemfelder unter Asylwerbern tatsächlich so verbreitet sind, dass es gleich nach der Einreise ihrer expliziten Ansprache bedarf. Zum Beispiel der Hinweis, dass es verboten ist, Familienmitglieder zu schlagen. Die Auswahl reflektiert wohl auch ein wenig die Ängste in der Bevölkerung.

2. Deutschland: Willkommen, aber besser pünktlich


Credits: www.refugeeguide.de

Deutschland hat keinen Asylwerber-Leitfaden für den Alltag, zumindest keinen offiziellen. Deshalb hat vergangenen September eine Privatinitiative selbst eine Orientierungshilfe zusammengestellt. Sie heißt ebenfalls „Refugee Guide“, was erklären könnte, woher das Innenministerium den Namen hat. Abgesehen vom Namen haben die beiden „Guides“ wenig miteinander gemein. Da sich um ein privates Projekt handelt, unterscheidet sich vor allem die Schwerpunktsetzung grundlegend. Bemerkenswert ist der deutsche Ansatz trotzdem.

Die Broschüre versucht ebenfalls, Grundprinzipien und Verbote zu kommunizieren, tut das aber auf praxisnahe Weise. Die Broschüre ist umfangreicher und textlastiger. Wie in Österreich kommen Religionsfreiheit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau zur Sprache, allerdings nicht die Grundprinzipien des Rechtsstaats, was wohl zu erwarten wäre, hätte die deutsche Regierung die Broschüre in Auftrag gegeben. Der deutsche Refugee-Guide konzentriert sich vielmehr auf die ungeschriebenen Gesetze des täglichen Zusammenlebens, die für Einheimische selbstverständlich sind.

Lächeln wird üblicherweise nicht direkt als Flirten interpretiert, auch dann nicht, wenn man mit Fremden spricht. Die Menschen versuchen normalerweise einfach nur, freundlich zu sein.

Einige der Hinweise könnten sich auch Touristen in Österreich zu Herzen nehmen:

Auf Rolltreppen stehen die Menschen meistens auf der rechten Seite und gehen auf der linken Seite.


Credits: www.refugeeguide.de

Der Refugee-Guide verrät einiges über die deutsche Mentalität. Offene Kritik im persönlichen Gespräch ist ein Charakteristikum, das in Österreich bekanntlich nicht so gut ankommt und als Unhöflichkeit interpretiert wird. Dieser Culture-Clash kann offenbar auch Asylwerbern zu schaffen machen:

Deutsche sagen oft direkt, was sie denken. Sie möchten damit nicht unhöflich sein, sondern ehrlich. Konstruktive Kritik wird als hilfreich erachtet, um sich selbst und andere zu verbessern.

Um wie viel darf man sich zu einem Treffen verspäten, bevor es als unhöflich angesehen wird? Auch innerhalb Europas wird das von Land zu Land unterschiedlich gehandhabt. In Österreich gilt diesbezüglich die „akademische Viertelstunde“, in verschiedenen Varianten mit SMS oder ohne. In Deutschland ist man, wie zu erwarten war, ein bisschen strenger:

Wenn man zu spät zu einem Termin oder Treffen kommt, können fünf Minuten bereits als Mangel an Respekt angesehen werden. Sollte man zu spät kommen, empfiehlt es sich, die andere Person anzurufen und über die Verspätung zu informieren.

Der praxisnahe Charakter der Broschüre rührt auch daher, dass bei ihrer Erstellung unter anderem Asylwerber um ihre Erfahrungen in Deutschland gebeten wurden. Sie ist inzwischen in 15 Sprachen übersetzt worden. Was allerdings fehlt, sind grundlegende Informationen zu Staatssystem, Arbeitsmarkt und Bürokratie.

Darauf legt die Schweizer Bundesregierung mehr Wert.

3. Schweiz: Viele Berge, aber herzlich

„Willkommen in der Schweiz“ heißt die 18-seitige Broschüre des Bundesamts für Migration, und weil das noch nicht genug ist, setzt man in der Überschrift des Vorworts noch einen drauf: „Herzlich willkommen in der Schweiz.“

Mit der Broschüre hat die Schweiz einen Mittelweg zwischen den ersten beiden Beispielen gewählt. Sie richtet sich auch ausdrücklich nicht nur an Asylwerber, sondern auch an reguläre Zuwanderer.

Die Sprache ist höflich, aber bestimmt. Zwischen Kurzporträts samt Fotos von erfolgreichen Migranten hat das Bundesamt im Fließtext alles zusammengefasst, was man auf die Schnelle über die Schweiz wissen, beziehungsweise worauf man als richtiger Schweizer stolz sein muss. Natürlich heißt eines der Kapitel „Föderalismus und direkte Demokratie“. Die anderen befassen sich mit den Themen Zusammenleben, Arbeit und Bildung, Gesundheitsversorgung und kulturelle Vielfalt.

Diese Selbstständigkeit der Kantone ist eine wichtige Eigenheit der Schweiz. Sie wird Ihnen im täglichen Leben immer wieder begegnen.

Je nachdem, in welchem Kanton sich ein anerkannter Flüchtling niederlässt, können sich Steuersätze oder Lehrpläne in der Schule unterscheiden. Vielleicht macht es der Schweizer Föderalismus an sich schon notwendig, Zuwanderer über das System vorab aufzuklären. Aber auch die Topografie des Landes kann herausfordernd sein. In der Schweiz gibt es viele Berge. Das ist für das Zusammenleben in der Eidgenossenschaft von zentraler Bedeutung, erfährt man:

Mehr als die Hälfte des Landes besteht aus Bergen. Dort leben nur gerade zehn Prozent der Bevölkerung. Wir leben also auf kleinstem Raum miteinander zusammen. Dies erfordert von allen Rücksichtnahme.

Deutschkurse sind in Österreich ein großes Thema. In der Schweiz ist die Sache komplizierter, kommt doch zu Hochdeutsch, Französisch und Italienisch auch der lokale Dialekt hinzu. Was die Sprache betrifft, sind die Schweizer sanftmütig. Aber zumindest einen Dialekt sollte man schon können: „Es muss nicht sein, dass Sie perfekt Mundart sprechen lernen, aber Sie werden es im Alltag wesentlich leichter haben, wenn Sie den Dialekt verstehen lernen.“

Besonderen Wert legt die Broschüre mit einem eigenen Kapitel auch auf die Arbeitsmoral.

Damit das gemeinsame Zusammenleben auch gelingt, wird von allen Bewohnerinnen und Bewohnern unseres Landes erwartet, dass sie sich verständigen können und bemüht sind, finanziell selbstständig zu sein.

Wie in Deutschland gibt es auch in der Schweiz ungeschriebene Regeln. Während sie im privaten „Refugee Guide“ penibel ausformuliert und in Österreich vom Innenministerium nur am Rande behandelt werden, setzt man in der Schweiz, wie kann es anders sein, auf Eigenverantwortung:

Man erwartet von Ihnen, dass Sie sich an solche geschriebenen oder ungeschriebenen Regeln des Zusammenlebens halten. Informieren Sie sich. Fragen Sie beispielsweise nach der Hausordnung oder nehmen Sie mit Ihren Nachbarn Kontakt auf.

Die Stimmung macht die Broschüre

In jedem Land erhalten Flüchtlinge also grundlegend unterschiedliche Broschüren, die ihnen ein Gefühl für Land und Leute geben sollen. Sie reflektieren auf ihre Art auch die Grundstimmung, die im jeweiligen Land gegenüber Flüchtlingen und Zuwanderung herrscht. In der Schweiz macht sich eine höfliche, verständnisvolle, aber auch etwas kühle und distanzierte Haltung bemerkbar.

Das offizielle Deutschland hat sich abwartend dem Broschüren-Trend noch nicht hingegeben, während sich eine private Initiative mit dem „Refugee Guide“ der Willkommenskultur verschrieben hat. Womöglich auch, weil das Thema innenpolitisch gerade heikel ist. In Österreich hingegen ist das Innenministerium unter ÖVP-Federführung mit einem Folder vorgeprescht, der „Law and Order“ in den Mittelpunkt stellt. Auch das ist, vermutlich, vor dem Hintergrund einer gewissen Stimmung im Land zu verstehen.