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Ein Funken Vorarlberg

Meinung / von Moritz Moser / 25.03.2016

Die Vorarlberger sind Österreicher für sich. Das beginnt bei ihrer Sprache und endet bei ihren Bräuchen.

Wer an ein Volk denkt, das rituelle Hexenverbrennungen praktiziert, archaische Sprachformen beherrscht und dessen Jugend sich kollektiv mit Ruß beschmiert, dem werden eher Gegenden weit außerhalb Europas in den Sinn kommen. Tatsächlich leben 4,4 Prozent der österreichischen Bevölkerung unter solchen Bedingungen – in einem Land, das Vorarlberg heißt.

Ein Funken Kultur

Jedes Jahr wird, unbemerkt von vielen Wienern, auf dem Cobenzl eine Frauenpuppe verbrannt. Tausende Schaulustige wohnen dem rituellen Menschenopfer bei, das den Winter austreiben soll. Die Wiener Linien erhöhen den Takt der Buslinie 38A, die die Gäste zum Scheiterhaufenspektakel bringt. Wenn die Hexe aus Stoff nicht in Flammen aufgeht, muss sie am Sonntag darauf in Schimpf und Schande beerdigt werden.

In Vorarlberg findet der sogenannte „Funken“ am Sonntag nach Aschermittwoch statt. Er ist ein gesellschaftliches Großereignis. Am „gumpiga Dunnschtig“ und „ruaßiga Fritig“, also dem Donnerstag und Freitag davor, hat man traditionell bereits den Festtagsbraten des Nachbarn gestohlen und sich in der Schule mit angerußten Korken die Gesichter beschmiert. Doch selbst wer diese Bräuche verpasst oder vergessen hat, bleibt dem Funken nicht fern; denn wer nicht hingeht, über den wird geredet.

Vorarlberg unterscheidet sich in Brauchtum und Kultur stärker vom Rest Österreichs als so manche Volksgruppe mit anerkannter Minderheitensprache. Wie viele Österreicher tun sich auch manche Vorarlberger schwer mit dem Hochdeutschen. Die im Westen beheimateten alemannischen Dialekte gehen auf das Mittelhochdeutsche zurück. Vorarlberger Germanistikstudenten sind zwar beim Erlernen dieser etwa 700 Jahre alten Sprachstufe im Vorteil, anderen macht es Schwierigkeiten.

Manche Verhandlungen müsse er im Dialekt führen, gab der Vorsteher des Bezirksgerichts Bezau beispielsweise einmal zu. Einige Angeklagte seien ihrer formalen Muttersprache nicht mächtig. „Wir tun einen Funken bauen“, reimt ein Vorarlberger auf der Bühne am Cobenzl. Klassisch sei das, meint eine Besucherin. Sie kenne Menschen, die auf Hochdeutsch auch „lugen“ statt „schauen“ sagen würden.

Zusammenhalt und Kontrolle

In Wien brennt der Funken immer erst einige Wochen später als im Ländle. Er wird unter den wachsamen Augen der Berufsfeuerwehr entzündet. Der Sicherheitsabstand zum Publikum ist ungewöhnlich groß, im Hintergrund stehen ein Löschzug und ein Rettungswagen bereit. Es scheint so, als würden die Wiener dem Brauch aus dem Westen nicht trauen.

Die Vorarlberger stört das wenig. Sie sind vor allem füreinander gekommen. Man kennt sich schließlich. Obwohl zwei Drittel der etwa 384.000 Vorarlberger im Rheintal leben, werden weite Teile des Landes nach wie vor von einer dörflichen Siedlungsstruktur dominiert. Jeder Ort hat seine Feuerwehr, seine Musik, seine Faschings- und seine Funkenzunft. Das stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt, aber auch die soziale Kontrolle.

Vorarlberg ist das einzige Bundesland, bei dem nach dem Fall der Rezeptpflicht für die „Pille danach“ eine verstärkte Nachfrage nach dem Produkt registriert wurde. Der Absatz stieg sogar um 30 Prozent an. Vorbei sind zumindest die Zeiten, in denen der Swingtanz in Vorarlberg als unsittlich verboten war. Prostitution ist im Ländle hingegen nach wie vor de facto illegal.

Wer nach Innsbruck oder Wien zieht, kann sich dort auf eine Infrastruktur aus Autochthonen verlassen. Die über 100 Jahre alte Vorarlberger Landsmannschaft ist die am längsten existierende Vertretung ihrer Art in der Bundeshauptstadt. Es gibt einen Ball der Vorarlberger und den besagten Funken. Alle zwei Jahre organisiert das Land ein Fest für Studenten. Ansonsten läuft man sich bei anderen Gelegenheiten über den Weg. Als Vorarlberger kennt man sich oder ist verwandt, im schlimmsten Fall beides.

Auch auf dem Wiener Funken begegnet man sich gewollt oder zufällig. Hubert Gorbach war die Welt in Vorarlberg bekanntlich schon „too small“. Dabei hat die Kleinheit auch ihre Vorteile. Vor allem die alemannischen Expats sind untereinander gut vernetzt. Man kennt sich von zu Hause, oder hat dort gemeinsame Bekannte und Freunde. Dass Harald Walser, der grüne Bildungssprecher im Parlament, der Schwager des zweiten Nationalratspräsidenten Karlheinz Kopf ist, gehört ebenso zu dieser Vernetztheit wie die Schulfreundschaft zweier langjähriger österreichischer Lebensmittelmanager. Als Vorarlberger entkommt man einander nicht.

Klischee und Wirklichkeit

Zu Vorarlberg gehört auch das zwischensphärische, das Naheverhältnis zu West und Ost, Burgenland und Genf. Nach wie vor kommt man mit dem Zug von Bregenz aus etwa gleich schnell nach Paris wie nach Wien. Die Kleinheit im Ländle ist seltener mit der Kleingeistigkeit durchwürzt, die man in der Bundeshauptstadt immer wieder findet.

Aber auch die Vorarlberger sind Österreicher. Sie leben von und mit ihren Klischees. Fleiß, Sauberkeit, Ehrlichkeit. Das sind die Werte, die man vor dem Arlbergpass predigt. Vorarlberg hat zwar das höchste Bruttoregionalprodukt pro Erwerbstätigem, aber auch seine Schattenseiten. Dass Aufrichtigkeit und Respekt vor dem Eigentum anderer nicht überall beachtet werden, weiß man nicht erst seit den Testamentsfälschungen in Dornbirn und dem exzessiven Bruch des Wahlrechtes in Bludenz und Hohenems.

Prosaisches Alemannentum und Katholizismus mit protestantischem Arbeitsethos: Auch der Funken passt eigentlich nicht in dieses Konzept. Diente er früher noch als willkommene Möglichkeit zur Sperrmüllentsorgung, wird heutzutage kubikmeterweise bestes Feuerholz zu Türmen verbaut, nur um sie dann anzuzünden. Dem notorisch sparsamen Vorarlberger sollte das eigentlich zuwider sein. Doch im Westen wie in Wien greift das Klischee zumindest einmal im Jahr nicht. Mittlerweile steht die Hexe in Vollbrand. Die LED-Augen der Puppe verlöschen im Licht der Flammen. Die Musikanlage spielt „I am from Austria“, die Vorarlberger singen etwas holprig mit.