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Ein Komiker bedrängt die FPÖ

von Wolfgang Rössler / 09.10.2016

In Österreich mischt ein Kabarettist mit seiner neuen Protestpartei die etablierte Politik auf. Wohl zum Leid der Rechtspopulisten.

Bis jetzt galt der Aufstieg der rechtspopulistischen FPÖ zur stärksten Kraft in Österreich als unaufhaltsam. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wähnt sich bereits als künftiger Kanzler. Doch der neue Regierungschef Christian Kern und sein junger Außenminister Sebastian Kurz machen der FPÖ gleich zwei ihrer Lieblingsthemen streitig: Der Sozialdemokrat und Bundeskanzler Kern erntet Applaus der europäischen Linken für seine Ablehnung des Freihandelsabkommens CETA. Außenminister Kurz von der konservativen ÖVP positioniert sich auf europäischem Parkett mit harscher Kritik an Angela Merkels Flüchtlingspolitik.

Wie es aussieht, wird es 2018 vorgezogene Neuwahlen geben. Nicht nur das Duell Kern gegen Kurz könnte FPÖ-Chef Strache alt aussehen lassen: Das Chaos um die Wiederholung der Wahl des Bundespräsidenten hat eine neue Bewegung hervorgebracht, die der FPÖ mit unkonventionellen Mitteln Proteststimmen abluchsen könnte. „Gilt“, die im September gegründete Partei des Kabarettisten Roland Düringer, erinnert an die Fünf-Sterne-Bewegung des italienischen Komikers Beppe Grillo. Laut einer ersten Umfrage käme sie auf Anhieb auf bis zu 13 Prozent.

Einer der Auslöser für die Gründung der neuen Bewegung war die Pannenserie rund um die Präsidentschaftswahl im Mai. Mit nur 30.000 Stimmen Vorsprung hatte sich der ehemalige Vorsitzende der Grünen, Alexander Van der Bellen, gegenüber FPÖ-Kandidat Norbert Hofer durchgesetzt. Doch die unterlegenen Rechtspopulisten sammelten Beweise für formale Fehler bei der Auszählung der Stimmen und erhoben Einspruch beim Verfassungsgericht. Die Richter ordneten eine Wiederholung an. Der zunächst fixierte Termin Anfang Oktober wurde aufgrund schadhafter Briefwahl-Kuverts auf den 2. Dezember verschoben. Diese erneute Schlampigkeit brachte für viele das Fass zum Überlaufen. Einer der Empörten war Düringer.

Der Parteiname Gilt steht für „gültige Stimme“. Unter diesem Slogan leitet Düringer eine populäre TV-Talkshow in einem Privatsender. Er unterhält sich jede Woche mit einem Gast über den Sinn des Lebens. Zu seinen Gästen gehörten in der Vergangenheit neben Politikern und Künstlern auch krude Verschwörungstheoretiker, die vor Impfungen warnten und über Chemtrails fabulierten. Es gehört zu Düringers Konzept, jede noch so abwegige Meinung weitgehend unkritisch im Raum stehen zu lassen.

So will er es auch als Politiker halten. Die neue Partei soll kein formales Programm haben, sondern die individuellen Anliegen ihrer Mitglieder repräsentieren. Sich selbst sieht Düringer bloß als Zugpferd.

Sollte er den Einzug in den Nationalrat schaffen, möchte er anderen den Vortritt lassen. Der 52-jährige Kabarettist wurde vor zwanzig Jahren mit Blödeleien über Autos und die Tücken des Eigenheimbaus bekannt. Politische Themen umschiffte er lange. 2012 vollzog er eine Kehrtwendung: Aus dem Komiker, der im Fernsehen Werbung für Kreditkarten machte, wurde ein politischer Aktivist, der Konsumverzicht predigt. Düringer lebt in einem Wohnwagen und weigert sich, ein Handy zu benutzen. Den Umgang mit den sozialen Netzwerken im Internet beherrscht er allerdings. Über Youtube-Videos kommuniziert Düringer mit seinen Anhängern, auf Facebook hat er fast so viele Fans wie Bundeskanzler Kern.

Leute, die ihn näher kennen, attestieren dem Neo-Politiker Ernsthaftigkeit und Idealismus. Im Unterschied zur FPÖ operiert er nicht mit Feindbildern. Einen Teil seiner TV-Gage spendet Düringer für Flüchtlinge. Dennoch könnte der Komiker am ehesten den Rechtspopulisten schaden, glaubt der Meinungsforscher Peter Hajek. „Angesichts der Frustration über die etablierte Politik hat er alle Chancen.“ Auch Strategen der anderen Parteien beobachten den Neuzugang mit Interesse. Gilt dürfe nicht unterschätzt werden, warnt ein Sozialdemokrat. Die FPÖ liegt in Umfragen wenige Prozentpunkte vor der SPÖ, da könnte die neue Partei über Platz eins entscheiden.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein unkonventioneller Parteichef in Österreich Erfolg hat. Prominentestes Beispiel ist der betagte Gründer des Magna-Konzerns, Frank Stronach. Der Ex-Unternehmer trat 2013 mit einer nach ihm benannten Partei zu den Nationalratswahlen an. Seine Aussagen waren widersprüchlich und skurril. Einmal forderte er die Wiedereinführung der Todesstrafe – dies allerdings nur für Auftragskiller. Dennoch bekam seine Partei kurz darauf immerhin 5,7 Prozent.