Michael Gaderer

Hypo-U-Ausschuss

Josef Pröll: Ein Mehl-Magnat im U-Ausschuss

von Moritz Gottsauner / 17.12.2015

Seit seinem Rücktritt hat sich Josef Pröll nicht mehr öffentlich zur Politik geäußert. Heute muss er vor dem Hypo-U-Ausschuss aussagen. Auf der Zeugenbank wird einer sitzen, der mit der Politik abgeschlossen hat. 

Es gibt zwei Phänotypen von Ex-Politikern: Die einen mischen sich noch Jahre später in die Tagespolitik ein, verteilen öffentlich gute Ratschläge oder beißende Kritik von der Ehrenloge aus. Die anderen halten still, und wenn sie politisieren, dann nur im Privaten. Ex-Vizekanzler Josef Pröll zählt zu den anderen. In den vergangenen viereinhalb Jahren hat er wenig von sich hören lassen. Doch gerade bei ihm war zu erwarten, dass ihn die Vergangenheit einholt.

Für vier Stunden wird der ehemalige Finanzminister am Donnerstag vor Weihnachten vor dem Hypo-U-Ausschuss aussagen und damit wieder in den Fokus der Innenpolitik rücken. Pröll war maßgeblich an der Verstaatlichung der Hypo Alpe Adria beteiligt. In den vergangenen Jahren musste er sich dafür Kritik anhören, redete aber nie zurück. Was ist aus ihm geworden?

Im Raiffeisen-Netz

Noch bevor sich die Verstaatlichung als möglicher Fehler herausstellte, stießen sich viele an der Wahl seines neuen Arbeitgebers. Pröll wechselte Mitte 2011 fast nahtlos in den einflussreichen Raiffeisen-Komplex. Er wurde Vorstandssprecher der Raiffeisen-Firma Leipnik-Lundenburger Invest AG.

Der ehemalige Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad hat mit der Raiffeisen Holding NÖ-Wien in seiner Zeit ein kleines Finanz- und Wirtschaftsimperium aufgebaut. Mittendrin im Netzwerk der Firmen und Genossenschaften sitzt Leipnik-Lundenburger. Ursprünglich ein Betreiber von Getreidemühlen, fungiert das Unternehmen heute als Holding für das größte Mühlenunternehmen der EU, GoodMills. Auch im Portfolio: der Kaffeeautomatenhersteller café+co. Josef Pröll verantwortet als Vorstand der Mutterfirma die strategische Ausrichtung der beiden Unternehmen.

Bis zum vergangenen Jahr erregte seine Tätigkeit kaum Aufsehen. Dann wurde bekannt, dass Leipnik-Lundenburger im Geschäftsjahr 2013/2014 bei einem Umsatz von einer Milliarde Euro einen Verlust von 124,2 Millionen Euro abgeliefert hatte. Als Begründung wurden Konsolidierungsschritte im Mühlenbereich genannt.

Land der Mühlen zukunftsreich?

Das Mühlengeschäft ist ein hartes Pflaster, aber Josef Prölls neue Welt. Er hat sich eine ebenso alte wie unruhige Branche ausgesucht. Die Getreidepreise sind volatil, die Gewinnspannen sehr niedrig und der technische Anspruch mittlerweile hoch. Kein ernstzunehmender großer Mühlenbetrieb kommt etwa ohne Labor aus, das die Getreide- und Mehlqualität kontinuierlich kontrolliert.

Nirgends in Europa gibt es pro Kopf noch mehr Getreidemühlen als in Österreich. In absoluten Zahlen sind es noch knapp über 100. In Deutschland sind es nicht einmal mehr ein Dutzend. Größe ist entscheidend und die kapitalstarken Raiffeisenmühlen sind der Marktführer in Österreich. Neben dem Großkundengeschäft hat man sich vor allem mit den Mehlmarken Fini’s Feinstes und Farina ein großes Standbein im Handel aufgebaut. Viel zu holen ist hierzulande aber nicht mehr.

Östliche Versprechungen

Der Fokus der Raiffeisianer liegt daher auf dem Ausland. Josef Pröll kam in den vergangenen Jahren die Aufgabe zu, die bestehenden Engagements in Osteuropa zu konsolidieren. In Deutschland kaufte er die Anteile am Mühlenbetreiber VK Mühlen zur Gänze auf und übernahm auch die Dependancen der Firma in Polen. Den Vorstand der GoodMills tauschte er 2013 komplett aus. Die Leitung des Unternehmens konzentrierte er in Wien. Die Anteile von Leipnik-Lundenburger an den Casinos Austria verkaufte er vergangenen Oktober an die Novomatic. Die Geschäftsfelder der Holding sind nun mit Mühlen und Vending klarer abgesteckt.

Die Verluste des Jahres 2013/2014 werden hinter vorgehaltener Hand als „Altlasten“ beschrieben. Wie in der Politik werden seine Entscheidungen erst Jahre später zu beurteilen sein. Der Unterschied ist, dass dies vorgesetzte Manager übernehmen werden und nicht, wie im Fall der Hypo-Verstaatlichung, die Öffentlichkeit, die Medien, der politische Mitbewerber – oder ein Untersuchungsausschuss.

Metamorphose

Der Josef Pröll, der im Budgetsaal des Parlaments Platz nehmen wird, ist nicht mehr der Politiker Pröll, der jahrelang als Zukunftshoffnung in der Volkspartei galt. „Er tickt jetzt eher wie ein Unternehmer“, sagt Christoph Stadlhuber, Geschäftsführer der Immobilienfirma Signa Holding und enger Freund Prölls. Gespräche mit ihm drehten sich jetzt um Mehlpreise und Entwicklungen auf dem Mühlensektor. Und noch ein Unterschied sei zu bemerken: „Man kann mit ihm reden, ohne dass er ständig auf das Handy schaut.“ Pröll begründete seinen Rücktritt vor allem mit der Belastung durch die Politik, die er nach seiner Lungenembolie nicht mehr zu tragen bereit war. „Er ist ruhiger geworden“, sagt Stadlhuber. Die Hektik in der Privatwirtschaft sei eine andere als in der Politik.

„Die Umstellungsphase hat etwa ein Jahr gedauert“, sagt ein anderer aus seinem Bekanntenkreis. „Aber jetzt hat er mit der Politik abgeschlossen.“ Gut möglich also, dass der politische Auftritt im Hypo-U-Ausschuss ein Einzelfall bleiben wird.