Christoph Zotter

Reportage

Eine gute Nacht in Spielfeld

von Christoph Zotter / 30.10.2015

Die südsteirische Grenze ist zum Flaschenhals der Flucht nach Österreich geworden. Zwölf Stunden in einem Lager, das es so nicht geben sollte. 

Als Benjamin Gürtl an diesem Abend die B67 hinunterfährt, deutet alles daraufhin, dass es wieder einmal Ärger geben wird. Am Kreisverkehr beim Gasthaus Sternad blinken die blauen Lichter der Polizeiautos, die olivgrünen Geländewagen des Bundesheeres sind schon auf dem Weg.

Doch wie jeden Abend fährt der 23-Jährige an ihnen vorbei, die letzten zwei Kilometer der vierspurigen Straße hinunter. Vorbei an den Souvenirshops, die mit Absperrgittern umzäunt sind. Zu seiner Rechten das alte Zollamt Graz-Spielfeld, links die Pension Grenze, vor ihm die in den Nebel leuchtenden Scheinwerfer. Darunter das Grenzhaus Spielfeld, riesige Zelte, das Lager.

Rot-Kreuz-Einsatzleiter Benjamin Gürtl vor einem Lagercontainer mit Decken
Credits: Christoph Zotter

Es ist Mittwoch, und um 19 Uhr beginnt Benjamin Gürtl in einem blauen Metallcontainer seinen zwölfstündigen Dienst. Kurze braune Haare, fester Händedruck, schüchternes Lächeln. Zum fünften Mal streift sich der steirische Student die Einsatzleiter-Jacke des Roten Kreuzes über die Schultern. Essen, Medizin, das alles muss er koordinieren.

Als er das Lager betritt, hat er bereits gehört, dass am Nachmittag wieder einmal tausende Flüchtlinge nervös geworden sind. Sie haben gegen das Schleusensystem aus Metallgittern gedrängt, das sie passieren müssen, wenn sie von Slowenien nach Österreich kommen wollen. Wie fast jeden Tag gab es dabei Probleme.

Kurz vor sieben befürchtet die Polizei noch immer, dass rund 3.000 Menschen die B67 hinaufmarschieren. Das Bundesheer steht jetzt am Kreisverkehr beim Gasthaus Sternad, um alle mit einer Menschenkette aufzuhalten.

Benjamin Gürtl kennt diese Tage. Sie machen ihm keine Angst. Aber sie können seine Nacht hier um vieles schwieriger machen.

Der Dienst beginnt

Das Lager Spielfeld von der A9 aus gesehen.
Credits: Christoph Zotter

Hier, das ist das Grenzsammellager Spielfeld. Zwischen 4.000 und 6.000 Menschen befanden sich im Schnitt in den vergangenen Tagen auf dem schmalen asphaltierten Stück, das von zwei kleinen Hügeln eingegrenzt wird. Auf der einen Seite geht es hinauf zur A9, auf der anderen zu den Zuggleisen. Immer wieder gehen dort Flüchtlinge, die nicht mehr warten wollen.

Den Rot-Kreuz-Einsatzleiter sorgt etwas anderes. Das Thermometer ist in den vergangenen Nächten fast bis zum Nullpunkt gefallen. Es gibt zu wenig Wolldecken, nicht genug Winterkleidung, vor allem die Männerschuhe im Spendenlager der Caritas werden rar. Der Sprecher des Roten Kreuzes Steiermark sagt, er befürchte, dass eines Morgens der Anruf kommt, dass in der Nacht das erste Kind erfroren ist. Es liegt auch an Benjamin Gürtl und seinem Team, das zu verhindern.

500 Behandlungen am Tag

In einem der großen beheizten Zelte haben sie ein Lazarett aufgebaut. Fünf Feldbetten, rundherum mit schwarzen Planen verkleidete Baustellenabsperrgitter, davor ein paar Regale voller Medikamente. Draußen schreien zwei Polizisten mit weißem Mundschutz, dass sich alle brav in einer Reihe anstellen sollen. Dann erst lassen sie einen nach dem anderen zu den Sanitätern durch. Zwei Dolmetscher in weißen Caritas-Westen sollen klären, wo es drückt.

Kurz nach acht sind vier von fünf Betten voll. Ein Baby in zerschlissener Daunenjacke hat Durchfall, zwei junge Mädchen röcheln leise unter dünnen Wärmefolien aus Alu. Mütter und Väter sitzen mit fragenden Gesichtern daneben auf Heurigenbänken. Ein Mittzwanziger in schwarzer Jogginghose lässt sich seine zerschundenen Füße verbinden. Ein Heißluftgebläse drückt warme, nach muffigem Gewand riechende Luft durch das Zelt. Duschen gibt es in Spielfeld nicht.

Ein Baby mit seiner Mutter im Lazarett des Roten Kreuzes
Credits: Christoph Zotter

Ein paar Medikamente, eine Salbe, ein paar Minuten auf dem warmen Bett, dann geht es meistens wieder in die Dunkelheit, zu den anderen Tausenden, die versuchen, sich in eines der beheizten Zelte zu drängen, auf dem Parkplatz kauern, damit sie ja keinen Bus versäumen, oder auf einem kleinen Stück Wiese ein paar Feuer angezündet haben. 500 Menschen behandelt das Rote Kreuz an einem durchschnittlichen Tag, das ist jeder Zehnte, der hier in Spielfeld durchkommt.

Vom Check Point zum Lager

„Das ganze Lager ist schnell gewachsen, aber es kommen zu viele Leute“, sagt Benjamin Gürtl im blauen Container gegenüber des Lazaretts. „Das hebt die positiven Effekte wieder auf.“

Er ist im nahen Leibnitz aufgewachsen und war schon hier, als es aus ein paar kleinen Zelten bestand, in denen die Menschen sich nur kurz ausruhten. Das war vor einem Monat, es kamen pro Tag rund 50 Flüchtlinge, die Sonne schien. Der Steirer tollte mit den Kindern zwischen den Zelten herum.

Das Bundesheer versucht, die Flüchtlinge in geordnete Bahnen zu bringen.
Credits: Christoph Zotter

„Dann war zwei, drei Wochen nichts“, sagt Gürtl. Bis die slowenischen Behörden begonnen haben, tausende Menschen von der kroatischen Grenze mit Zügen und Bussen hier nach Spielfeld zu bringen. Die österreichische Polizei wollte sie kurz zählen, registrieren und dann weiter nach Deutschland schicken. Das Rote Kreuz wollte sie schnell aufpäppeln, ein paar Medikamente, Äpfel oder Bananen verteilen.

Nicht länger als eine Stunde hätten sie hier sein sollen, das war der Plan. Gürtl kennt Fälle, die ganze zwei Tage im Lager warten mussten. Denn Deutschland lässt seit Wochen weniger Menschen hinein. Die wenigen Notquartiere in Graz oder Salzburg sind voll. Und aus dem Check Point Spielfeld wurde ein Lager.

Dreimal die Woche zwölf Stunden

Statt mit den Kindern zu spielen, muss Benjamin Gürtl nun die ganze Nacht wach bleiben, Freiwillige zur Essensausgabe registrieren, die Sanitäter und Ärzte zuteilen, durch das von Scheinwerfern erhellte Lager hetzen, schauen, dass alles läuft. Seine ehrenamtliche Stelle beim Roten Kreuz wurde in einen Vollzeitposten umgewandelt, dreimal die Woche für zwölf Stunden.

An den Vormittagen schläft er, an den Nachmittagen studiert er. Wenn man ihn fragt, wie lange das noch gut geht, zuckt er mit den Schultern.

Die gut gefüllten Schlafzelte werden mit Heißluft beheizt.
Credits: Christoph Zotter

Spielfeld, das heißt durch den Tag kommen und dann durch den nächsten und den übernächsten. So ist dieses Lager entstanden, in dem mehr als 4.000 Menschen die Nacht verbringen werden. Es gibt jetzt Zelte mit Holzboden. Es gibt Baustellenklos. Und seit Dienstag gibt es neben Wasser, Bananen, einem Schokoriegel und Toastbrot zum ersten Mal auch dampfenden Reis, Linsen oder Gemüsesuppe.

„Hier wird niemand registriert“

Es ist kurz nach acht, Benjamin Gürtl bespricht sich mit seinen Kollegen vor dem Container. „Na, geh da bitte nicht hin“, sagt er zu einem von ihnen, der nach vorne wollte, zur slowenischen Grenze. „Wenn die Leute dich in der Uniform sehen, kollabieren gleich wieder ein paar, weil sie glauben, es geht dann schneller.“ 2.000 Menschen sollen in dieser Nacht noch von Süden heraufkommen, sagt ein Polizist, der sich auf eine Absperrung lehnt.

Weil es so viele sind, wird die Polizei wohl wieder einmal darauf verzichten, sie in die kleinen weißen Zelte zu lotsen, um sie nach ihrem Namen und ihrem Herkunftsort zu fragen. „Hier wird niemand registriert“, sagt ein Soldat, der an den Absperrgittern auf dem Weg zur Grenze Wache schiebt, das Kinn in den Kragen geschoben. „Geht gar nicht, du musst die ja durchlassen. Wenn zweitausend Leute gegen die Zäune da drücken, dann sterben vielleicht die Kinder.“

Betreten darf die letzten hundert Meter zu Slowenien niemand außer dem Heer, der Polizei und zwei Mitarbeitern der Putzfirma Saubermacher, keine Journalisten. Wer versucht, auf dem Fußweg auf die slowenische Seite zu kommen, wird von einem slowenischen Soldaten mit schwarzer Skimaske und Hand an der Waffe aufgehalten.

Die erste Rauferei

Benjamin Gürtl war noch nie drüben. Er ist hier, damit die Essensverteilung und die medizinische Versorgung auf dieser Seite der Grenze funktionieren, für mehr bleibt keine Zeit. „Für das Rote Kreuz ist es eine Aufgabe wie jede andere“, sagt er.

Ein verlorener Kinderschuh hinter einem der Schlafzelte
Credits: Christoph Zotter

Seine Freunde würden ihn schon fragen, wie das so ist im Lager. Wie sie sind, die Menschen, vor denen so viele in der Gegend Angst bekommen haben. Viel sagt er dann nicht. Außer, dass er keine Probleme mit den Menschen hat. Dass sie sich hier ganz ruhig um Essen anstellen, zu ihm sehr freundlich sind, sehr dankbar.

Er weiß auch, dass das nicht immer so ist. Fünf Minuten nach neun gibt es dann auch die erste größere Rangelei der Nacht. Vor einem Schlafzelt treten mehrere Menschen aufeinander ein, warum genau wissen nicht einmal die bulligen Soldaten, die sich dazwischen werfen.

Die Nacht wird gut

„No Pushing! Come on now!“, schreit einer von ihnen mit rotem Kopf zum sechsten Mal in ein nur fünf Zentimeter entferntes Gesicht. Die Männer und Frauen in Uniformen müssen hier ihre Rolle spielen, sollen möglichst hart erscheinen.

Hunderte warten eingehüllt in Aludecken auf den ersten Bus, der erst in Stunden kommen wird.
Credits: Christoph Zotter

Erst weit nach Mitternacht werden die Berufssoldaten den leise dem nächsten Bus entgegenzitternden Menschen mit ihren Kindern und Babys ein paar Alufolien um die Leiber zurren, sie immer wieder aufmuntern. Auch aus ihren müden Augen kann man lesen, dass es niemanden gibt, der gerne hier in Spielfeld ist.

Es ist beinahe halb elf, als Benjamin Gürtl sich sicher sein kann, dass es doch noch eine ruhige Nacht wird. Über einen Stöpsel im Ohr hört er den Polizeifunk mit und es sieht nicht so aus, als würden die Slowenen heute noch mehr Flüchtlinge über die Grenze lassen. Es scheint, als könnte das ganze Lager einmal kurz Durchatmen.

Irgendwann kommt der Schnee

Am Ende sind es Entscheidungen wie diese, die in Spielfeld alles bedeuten. Wie viele Menschen kommen heute, wie viele fahren in den Bussen wieder weg?

Die Antwort auf diese Frage bestimmt, wie das Dazwischen aussieht. Spielfeld ist nur ein Teil in einem großen Puzzle, das für viele kein Bild mehr ergibt. Nicht einmal der Einsatzleiter der Polizei weiß im Voraus, wann wie viele der von Wien aus bestellten Busse eintreffen und abfahren können. Es gibt keine Fahrpläne.

Benjamin Gürtl weiß, dass ruhige Nächte wie diese seltener werden. Es wird kälter. Es wird zu regnen beginnen. Irgendwann wird der Schnee kommen.

Doch diese eine Nacht, sie ist gut, oder eben so gut es in Spielfeld geht.

Wer geht, der geht

Nach Mitternacht kommen ein paar Mütter mit unterkühlten Kindern im Arm, gegen eins nimmt die Schlange bei der Essensausgabe ab. Um zwei ist klar, das stundenlang kein Bus fahren wird. Rund 500 Menschen warten trotzdem im Freien „Bitte geht doch rein in die Zelte“, sagt eine Einsatzleiterin der Caritas mehr zu sich selbst als zu den Kinderaugen, die sie aus dem Dunkeln anleuchten.

Flüchtlinge werden in kleinen Gruppen zu den Bussen gelotst.
Credits: Christoph Zotter

Sie weiß, dass es nichts bringt. Die Dolmetscher sagen jede Nacht, dass es genug Busse für alle gibt. Jede Nacht schlafen hunderte Unbeirrbare auf dem Asphalt.

Gegen drei schleppt ein älterer Mann seinen Sohn in das Lazarett, er ist um die zwanzig und hat 40 Grad Fieber. Gerade einmal eine halbe Stunde werden sich die beiden gönnen, ein fiebersenkendes Mittel, ein bisschen unter die Decke, dann wankt der Sohn am Arm seines Vaters wieder in die Dunkelheit hinaus.

„Er müsste noch bleiben, aber wer gehen kann, der geht“, sagt Sanitäter Alex. Wenn sich die beiden in der Früh in einen der Busse setzen, wird er noch auf die Uni Graz fahren, weiter Medizin studieren, am Ende mehr als 24 Stunden wach sein.

Der Morgen kommt

Wer über Nacht ausgeharrt hat, sitzt in den Bussen. Die Gatter sind bereit für die Nächsten.
Credits: Christoph Zotter

Um halb fünf hat der beißende Qualm aus vier Feuern nahe dem Grenzübergang das ganze Lager eingehüllt. In Autos und LKW mit beschlagenen Scheiben schlafen Soldaten und Polizisten, aus den vollen, stickigen Zelten dringt Kinderweinen und Husten. Um fünf fahren die ersten Busse. Mit ihnen kommen die Kameramänner, um für die Morgennachrichten zu filmen.

Um sechs ist die Schlange vor dem Essenszelt mehr als hundert Meter lang, wer gegessen hat, drängt weiter. Die Dämmerung wird langsam zu Tageslicht, vor den Toren stauen sich jetzt die Busse, insgesamt 60 werden es am Ende gewesen sein.

Um 7.03 Uhr beendet Benjamin Gürtl seinen Dienst. Man sieht ihm die vielen Stunden nicht an, er ringt sich noch ein Lächeln ab. „So eine ruhige Nacht hatte ich nicht, seit wir hier vor einem Monat begonnen haben“, sagt er, dann fährt er schlafen. Es ging gut, irgendwie, bis hierher.

Um 7.53 Uhr beginnt es zu regnen.