Grenzen

Video: Eine kurze Geschichte des NATO-Drahts

von Moritz Gottsauner / 16.11.2015

Er ist das furchteinflößende Symbol für die neue europäische Grenzzaun-Politik: der mit Klingen bestückte „NATO-Draht“. Wo kommt er auf einmal her? Ein Video-Rückblick auf seine lange Geschichte. 

Video-Redaktion: Lukas Wagner

Viktor Orbán hatte es im September plötzlich ganz eilig. Angesichts der Eskalation der Flüchtlingskrise befahl er, die Grenze zu Serbien schnellstmöglich mit einem Zaun zu schließen. 175 Kilometer waren abzudecken. Im Grenzschutz Unkundige fragten sich: Wie sollte das in so kurzer Zeit gehen?

Wenig später lieferten dramatische Bilder die Antwort. Fernsehteams filmten Flüchtlingsfamilien dabei, wie sie über aufgetürmte Drahtspiralen kletterten, die aus der Ferne wie überdimensionale Slinky-Spielzeuge aussahen.

Der NATO-Zaun entfaltet seinen Schrecken erst bei näherer Betrachtung: scharfe Klingen, je nach Modell mit Widerhaken, sollen Menschen nicht nur aufhalten, sondern ihnen auch tiefe Verletzungen zufügen. Seit der Flüchtlingskrise ist der Nachfolger des klassischen Stacheldrahts auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.


Credits: EPA/Balazs Mohai

Es ist sein Abschreckungspotenzial, das dem NATO-Zaun zu seinem Erfolg verholfen hat. Seine dichte Spiralenform macht ihn zu einem physischen Hindernis, die Angst vor den Klingen bringt Menschen dazu, vorsichtiger vorzugehen. Sie brauchen länger, ihn zu überwinden als herkömmlichen Stacheldraht. Zeit, die Grenzschutzbeamte oder Gefängniswärter benötigen, um rechtzeitig zur Stelle zu sein.

Aber nicht nur an Grenzen oder im Militärischen, auch in Gefängnissen und im Privatgebrauch hat der Klingenzaun, den das Bundesheer „SB-Draht“ nennt, den Stacheldraht abgelöst. NATO-Zaun wird er deshalb genannt, weil er über das US-Militär nach Europa kam.

Seine Geschichte beginnt aber weit früher. Schon im Ersten Weltkrieg tauchten die ersten Zäune mit Klingen auf. Damals handelte es sich allerdings nur um einen Behelf. Richtiger Stacheldraht war damals aufwendiger zu produzieren und der Draht an sich nicht selten Mangelware.

Der Klingendraht hingegen ließ sich billig und schnell aus Blech herausstanzen. Dass er damals noch nicht den Durchbruch schaffte, lag auch daran, dass er relativ leicht mit Zangen zu durchtrennen war. Seither kam das Prinzip aber in weiterentwickelter Form vor allem militärisch zum Einsatz. Seit den Achtziger Jahren hat sich sein Anwendungsgebiet ausgeweitet.

Die Bundesregierung hat vergangene Woche einen Grenzzaun an der slowenischen Grenze bei Spielfeld angekündigt. Am Zaun selbst soll kein NATO-Draht angebracht sein. Doch im Bereich dahinter könne man binnen kürzester Zeit einen Wall aus Klingen aufziehen. Die NATO-Draht-Rollen liegen in Containern gelagert bereit.