Slavica Djurdjevic

Erinnerungen an die Gastarbeiterzeit

von Lisa Rieger / 24.07.2016

Sie wollten nur eine Zeit lang nach Österreich, um ein wenig Geld zu verdienen – aber sie blieben ein Leben lang. Eine Gastarbeiterin und ihre österreichische Arbeitskollegin erinnern sich.

1966 wurde der Vertrag über das Anwerbeabkommen mit dem ehemaligen Jugoslawien abgeschlossen. Sieben Jahre später erreichte die Zuwanderung ihren Höhepunkt. 230.000 Menschen aus Ex-Jugoslawien und der Türkei waren zum Arbeiten nach Österreich gekommen. Der Großteil – 180.550 – stammte aber aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.

Max Frisch, Schriftsteller

Zu jener Zeit kam auch Familie D. nach Österreich. Mutter Jela erinnert sich: „Auslöser für den Umzug war der Besuch bei meiner Schwester in Wien zu Neujahr 1972. Da habe ich gesehen, wie einfach es ist, hier Arbeit zu finden und dass man hier viel besser verdient.“ Noch im selben Jahr zog der Familienvater – vorerst alleine – von Serbien nach Wien.

Männer gingen alleine vor

Es war typisch, dass zuerst die Männer alleine vorgingen. „Sie haben oft zuerst in Heimen gelebt und waren dort unter sich. Die Frauen sind dann erst später nachgekommen. Die Kinder sind oft noch länger bei den Großeltern geblieben und erst nach Österreich gekommen, als sie sechs Jahre alt waren. Es ist die sogenannte Generation eineinhalb, die die ersten Lebensjahre vater- oder elternlos aufgewachsen ist“, sagt der Soziologe Kenan Güngör vom Beratungs- und Forschungsbüro „think different“, der ebenfalls zu dieser Generation zählt.

Jela folgte ihrem Mann mit ihren Töchtern bereits ein halbes Jahr später. Zu Beginn wohnten sie alle bei Jelas Schwester. „Es war aber keine dauerhafte Lösung, wir konnten nur zu Besuch sein“, sagt Jela. Während sich die Arbeitssuche einfach gestaltete – der Mann hatte schnell eine Stelle als Schlosser in einer Firma gefunden – war die Wohnungssituation prekär.

Deutschkurse waren nicht angedacht

Nicht selten lebten mehrere Menschen gemeinsam in einer Substandardwohnung. „Es war nicht leicht, was Billiges zu finden. Wir haben lange gesucht, bis wir unsere Wohnung in der Taborstraße gefunden haben. Die hatte ein kleines Zimmer, ein Kabinett und eine Küche. Das war perfekt für uns“, sagt Jela. In der neuen Nachbarschaft fühlte sich Familie D. gut aufgehoben. Besonders gut verstand sich Jela mit einer Nachbarin, die Kinder im gleichen Alter hatte.

Jelas Töchter waren drei und sechs Jahre alt, als sie nach Österreich zogen. Die Ältere begann gleich im ersten Jahr mit der Schule. „Wir konnten damals keine 20 Wörter Deutsch“, erinnert sich Jela. Jeden Tag saßen sie vor den Deutschbüchern und weinten gemeinsam, weil sie dachten, dass sie es nicht schaffen würden. Da nicht geplant war, dass die Gastarbeiter und ihre Familien langfristig in Österreich bleiben, gab es – so Güngör – auch keine organisierten Deutschkurse. Wer die Sprache lernen wollte, musste sich selbst darum kümmern.

Positive Stimmung

Um den Kindern vor allem zu Beginn zu helfen, blieb Jela zu Hause. Erst acht Jahre nach ihrer Ankunft begann sie zu arbeiten. Bis zur ihrer Pensionierung war sie dann im Haus der Begegnung in Floridsdorf tätig. „Jela hat als Reinigungskraft gearbeitet. Es waren noch zwei Gastarbeiter aus der Türkei angestellt. Sie waren Hausarbeiter und haben den Saal hergerichtet, wenn Veranstaltungen waren“, sagt Susi K., eine ehemalige Arbeitskollegin von Jela im Haus der Begegnung. Susi, die im Sekretariat arbeitete, und Jela wurden enge Kolleginnen und gute Freundinnen. Sie stehen bis heute in Kontakt miteinander.

„Jela war gut aufgenommen in der Firma. Ich denke aber, dass das normal ist, wenn man fleißig ist und nie einen Konflikt heraufbeschwört. Sie ist manchmal von ihren Kollegen ausgenützt worden, die ihr mehr Arbeit zugeschanzt haben. Aber sie hat sich nie beschwert“, erzählt Susi. Manchmal gab es natürlich auch im Haus der Begegnung in Floridsdorf Konflikte. Die wurden aber meist durch Aussprachen zwischen den Parteien geklärt.

„Es war der Leitung des Hauses überlassen, das Miteinander zu gestalten. Bei uns war die Stimmung den Gastarbeitern gegenüber insgesamt immer sehr positiv. Wir waren froh, Menschen für die Arbeit gefunden zu haben, die sie noch dazu sehr gut gemacht haben. Das Gehalts war eher dürftig, trotzdem haben sie gerne für das Geld gearbeitet“, sagt Susi. Diese Einstellung entsprach der generellen Stimmung in der Bevölkerung zu Beginn der Gastarbeiter-Anwerbung.

Stimmung in der Bevölkerung schlug um

„Viele Zeitzeugen haben erzählt, dass sie gerade in den Anfangsjahren der Arbeitsmigration von der Bevölkerung durchaus wohlwollend empfangen wurden. Die Wirtschaft war sogar eher besorgt, dass Österreich nicht attraktiv genug ist und die Menschen lieber nach Deutschland oder in die Schweiz gehen”, sagt die Historikerin Vida Bakondy, die das Projekt „Migration sammeln“ im Wien Museum leitet. Denn Deutschland war auch damals – vergleichbar mit der Flüchtlingssituation heute – das Hauptzielland.

Während im Haus der Begegnung die Stimmung nicht umschlug, passierte das sehr wohl in der Bevölkerung: „Die steigende Zahl der Migranten zu Beginn der 1970er Jahre und die einsetzende wirtschaftliche Rezession hat Diskussionen rund um die folgenden Fragen angefacht: Wächst uns das ‚Gastarbeiter-Problem‘ über den Kopf? Nehmen sie uns die Arbeit weg? Wie sollen wir sie integrieren? Plötzlich sah man die Migranten nicht mehr nur als Arbeitskräfte, sondern als Menschen mit Bedürfnissen, die nicht nur temporär hier bleiben, sondern langfristig„, sagt Bakondy.

„Fühle mich noch immer wie eine Serbin“

Familie D. merkte nie etwas davon, dass die Stimmung in der Bevölkerung schlechter wurde. Aber auch sie hatte den Plan, nach fünf Jahren wieder nach Serbien zurückzukehren. Der Mann hielt daran fest. Da die Töchter aber in der Schule gut integriert waren, stellten sich die Frauen der Familie gegen diesen Plan. Nach ein paar Jahren kaufte die Familie eine Eigentumswohnung in Wien. Susi erinnert sich: „Wir haben das damals lange gemeinsam besprochen. Ich habe ihr zum Kauf geraten. Und es war eine gute Entscheidung, heute würde so eine Wohnung das x-Fache kosten.“

Jela und ihr Mann wohnen heute noch in der Wohnung. Beide sind jetzt in Pension. Nach Serbien fahren sie nur noch selten – noch seltener, seit ihre Eltern gestorben sind. Jelas Töchter haben studiert und Österreicher geheiratet. „Sie fühlen sich stärker mit Österreich verbunden. Ich fühle mich noch immer wie eine Serbin. Ich weiß halt, woher ich komme“, sagt Jela.

Wie Familie D. ist der Großteil der Gastarbeiter in Österreich geblieben. So leben heute noch 370.000 ehemalige Gastarbeiter aus Ex-Jugoslawien und deren Kinder und Enkel in Österreich, sowie 160.000 ehemalige türkische Gastarbeiter und deren Nachkommen.