Foto: Thomas Renger

Es kann nur besser werden

Meinung / von Michael Fleischhacker / 04.01.2016

Kurz vor dem Jahreswechsel wurde eine IMAS-Studie präsentiert, aus der hervorgeht, dass die Österreicherinnen und Österreicher so pessimistisch in das neue Jahr gehen wie seit 1982 nicht mehr. Man könnte, wenn man die Ergebnisse liest, durchaus den Eindruck gewinnen, dass es sich dabei um die einzige Meinungsumfrage des Jahres 2015 handelt, die einigermaßen korrekt das Stimmungsbild der österreichischen Bevölkerung wiedergibt.

Außerdem waren in der Agenturmeldung über die Studie einige wunderschöne Details zu lesen: „Am wenigsten Grund zur Freude sehen Frauen, die Generation 60+ sowie untere soziale Schichten“, hieß es da, „Männer, junge Leute und jene aus höheren Bildungsschichten sind hingegen eher frohen Mutes.“ Tja. Und für all jene, deren Neujahrsvorsätze gerade dabei sind, gnädig im Neuschnee zu versinken: Sie sind nicht allein. „Für viele ist der Jahreswechsel auch Anlass, etwas im Leben zu ändern“, lässt uns die Austria Presse Agentur in ihrer Interpretation der Optimismus/Pessimismus-Studie wissen. Denn „fast jeder Dritte hat Vorsätze gefasst, vor allem Frauen, Personen unter 60 und Menschen mit höherer Bildung.“

An dieser Stelle wird es sozialwissenschaftlich wirklich interessant. Wer neigt eher zu Veränderungsvorhaben – Pessimisten oder Optimisten? Für den Veränderungswillen der Pessimisten spricht, dass sie erstens einen gewissen Veränderungsdruck verspüren und also zweitens durch Veränderungen Schlimmeres verhindern wollen könnten. Die Optimisten könnten sich sagen, dass es schon so passt, wie es ist, sonst hätten sie für sich nicht so gute Aussichten. Andererseits sind es gerade die Optimisten, die auch daran glauben, dass sie es schaffen, ihren Fleischkonsum einzuschränken und ihr Gewicht zu reduzieren. Warum sollte ein Pessimist versuchen, mehr Sport zu machen? Er schafft es ja ohnehin nicht.

Jenseits der individuellen Erwartungen und Befürchtungen erklären die Meinungsforscher das düstere Stimmungsbild mit der Lage der Welt im Allgemeinen und Österreichs im Besonderen: Kriege überall, immer mehr Flüchtlinge bei uns, kein Ende der Wirtschaftskrise in Sicht. Und dann auch noch Faymann und Mitterlehner. Da fragt sich wahrscheinlich der eine oder andere, ob es sich überhaupt auszahlt, mit dem Rauchen aufzuhören.

Wenn die IMAS-Studie die Stimmung im Lande korrekt wiedergibt – und es spricht viel dafür, dass dem so ist –, dann muss man wohl zunächst feststellen, dass die Österreicherinnen und Österreicher über ein günstigstenfalls ambivalentes Verhältnis zur Realität verfügen. Und zwar durchaus auch mit Blick auf die Detailergebnisse. Die sagen letztlich nicht viel Anderes, als dass all jene, die willens und in der Lage sind, selbst etwas an ihrer ökonomischen und sozialen Situation zu ändern, immer noch einigermaßen optimistisch sind, während all jene, die aus unterschiedlichen Gründen – überwiegend wegen des Angewiesenseins auf Transferleistungen – vom Agieren der Politik abhängig sind, eher pessimistisch sind.

Das entspricht durchaus dem von den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten dominierten Meinungs-Mainstream im Land: Männer, Junge und gut Gebildete können es sich im darwinistisch-neoliberalen Dschungel Österreich als die Stärkeren richten, während Arme, Alte, Sieche, Frauen und Kinder im Mahlstrom des Austeritätswahns unterzugehen drohen. Wahr ist das Gegenteil: Österreich war noch nie so weit von einem Austeritätsprogramm entfernt wie heute, die Regierung hat sich entschieden, den Erhalt und Ausbau des Sozialstaates mit billigen Krediten und dem weiteren Auspressen des angestellten Mittelstandes und der Selbstständigen zu finanzieren.

Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist bei näherem Hinsehen so etwas wie die Lebensversicherung der Republik: Diejenigen, die von der Politik geknechtet, verachtet und ausgebeutet werden, bleiben optimistisch, während die Mehrheit der vom Staat Alimentierten das Vertrauen in die Wohltäter verliert. Darin liegt die Chance, dass sich einzelne Politiker oder vielleicht sogar Gruppen von ihnen ein Herz fassen und beginnen, das zu tun, von dem seit Langem bekannt ist, dass es getan werden muss. Sehr wahrscheinlich ist das allerdings nicht.

Die Kronen Zeitung, das österreichische Zentralorgan des sekundären Analphabetismus, hat die Ergebnisse der IMAS-Studie auf unnachahmlich knappe Weise zusammengefasst: „Es kann nur besser werden“. Die Frage ist: Weiß es das?