APA/HERBERT P. OCZERET

Türkischer Botschafter im Außenministerium

Es wurde auch Zeit

Meinung / von Bernhard Schinwald / 21.07.2016

Die Einbestellung des türkischen Botschafters ins Außenministerium ist ein Skandal – weil sie erst jetzt erfolgt.

Außenminister Sebastian Kurz hat den türkischen Botschafter ins Ministerium zitiert – man müsse dem Verdacht nachgehen, dass die Unterstützungsbekundungen der türkischstämmiger Bürger am vergangenen Wochenende in Wien auf Anordnung aus Ankara stattgefunden hätten.

Der türkische Botschafter in Wien, Mehmet Hasan Gögüş, versteht das nicht. Warum die österreichischen Freunde denn nicht für die Demokratie mitdemonstrierten hätten, fragt er sich in der Wiener Zeitung.

Mehr noch: Außenminister Kurz wolle nach dem gescheiterten Putschversuch „abklären, in welche Richtung sich die Türkei weiterentwickelt“. Viele der Entwicklungen der letzten Tage seien inakzeptabel. Eine Kritik, die für den türkischen Botschafter an eine Unterstützung für die Putschisten grenzt.

Nun bestätigt sich, was ohnehin schon offensichtlich war: Hier haben zwei Parteien akuten Gesprächsbedarf. Kurz hat den türkischen Botschafter dafür heute ins Außenministerium zitiert. Wenn die Nachricht darüber für Aufregung sorgt, dann sollte sie das nur aufgrund der Tatsache, dass es beinahe eine ganze Woche gedauert hat, bis dieses Gespräch zustande gekommen ist.

Selbst wenn die Türkei in die Diktatur stürzen würde, wird sie nicht von der Landkarte am Rande Europas und als Brücke in den turbulenten Nahen und Mittleren Osten verschwinden. Ebenso wenig werden alle der rund 300.000 türkischstämmigen Bürger in Österreich abreisen. Und alleine diese Tatsache gebietet, dass Wien die Gesprächskanäle zu Ankara offen hält, um den Entwicklungen nicht gänzlich ausgeliefert zu sein.

Statt über die Medien Vorwürfe austauschen, die die Missverständnisse zueinander öffentlich darstellen und die Fronten schlimmstenfalls noch weiter verhärten, wären täglich sogar zwei Unterredungen am Minoritenplatz mit der türkischen Vertretung in Wien angemessen: eine Unterredung zur Pflege des Verhältnisses der beiden Länder und eine Unterredung zur Pflege des Zusammenlebens der türkischen Bürger in Österreich.


Mehr dazu:
Erdoğan-Anhänger in Österreich: Eine Einordnung →
Der Putsch und die Sprache →
Das Recht des Ausnahmezustands →