Extrapunkte für Geeignete

von Moritz Moser / 09.02.2015

Das Aufnahmeverfahren in den Diplomatischen Dienst wird nicht nur von familiären, sondern auch von politischen Faktoren bestimmt. Die Ergebnisse von Préalables scheinen mittlerweile vorhersehbar zu sein. Das Außenministerium will außerdem in Zukunft für ausgewählte Kandidaten Zusatzpunkte vergeben und stößt damit auf interne Kritik.

Über 1.349 Planstellen verfügt das Außenressort nach dem Stellenplan 2015. Das BMEIA ist eine kleine Welt. Ein österreichischer Diplomat nennt es am Telefon nur „die Firma“. Trotz aller Kritik betonen fast alle der zwei Dutzend Interviewpartner aus dem Ministerium, wie stolz sie auf ihre Arbeit sind. Diplomaten vertreten im Ausland nicht nur ihr Land, sondern repräsentieren auch eine Nation, ihre Kultur und Werte. Das schafft Selbstbewusstsein. Dazu trägt die Vorstellung bei, dass man für die Aufnahme in diesen Beruf, der für viele auch Berufung ist, eine schwere Prüfung ablegen musste. Zweifel am Préalable nagen auch am Selbstbild der diplomatischen Elite.

Viel von der einstigen Prachtentfaltung österreichischer Diplomatie ist ohnehin nicht übrig geblieben. Die Österreicher, so berichtet ein EU-Beamter, würden auf Empfängen eh nur noch Tetrapackwein in Karaffen umschütten. Personell ist man weit von dem entfernt, was man – auch unter dem Blickwinkel der Sparsamkeit – zur Erledigung der anstehenden Arbeit benötigen würde. Die Struktur bleibt aber großflächig: In jedem EU-Mitgliedsstaat wird eine Botschaft unterhalten, ganze acht Sektionen verwalten die Agenden des Ministeriums. Das Justizressort mit seinen über 11.000 Mitarbeitern hat gerade einmal vier. Die Planstellen werden aber nicht mehr. 2009 musste man das Préalable aussetzenAuch 2011 und 2014 fand keines statt, für die Jahre 2012/13 wurde ein gemeinsames Verfahren abgehalten., wegen der Krise. Im Jahr darauf gab es nur sieben Plätze zu vergeben, entsprechend groß war der Andrang.

Sandkastenspiele

2010 hatte die Diplomatische Akademie (DA) schon zwei Jahrgänge an potentiellen Diplomaten ausgeworfen. Die DA wird vom Bund finanziert, aber die Zahl der Stipendienplätze ist klein. Für den Großteil der Absolventen des Diplomlehrganges, der explizit auf das Préalable vorbereiten soll, kostet das Studienjahr 11.900 Euro. Der Rechnungshof hat die Gebarung der Akademie 2013 scharf kritisiert. Es gab Gratisessen für die Angestellten und Zulagen für Fremdsprachen, ohne die diese dort gar nicht hätten arbeiten können.

Für die DA gibt es ebenfalls einen Aufnahmetest. Familienbande könnten auch hier eine Rolle spielen. Ein Interviewpartner, der sich vergeblich um eine Stipendienstelle beworben hat, erzählt, wie ein Prüfer vor dem Gespräch auf den Kandidaten neben ihm zuging: „Wer hat meine Tochter damals in Ägypten im Sandkasten gebissen? Warst das du, oder war das dein Bruder?“ Die gebissene Tochter ist mittlerweile ebenfalls Diplomatin. Vom Préalable ist man aber trotz Diplomatischer Akademie noch weit entfernt, wie ein Absolvent erklärt:

Für alle Absolventen der Diplomatischen Akademie eines Jahrgangs war informell einer von sieben Plätzen beim Aufnahmeverfahren zugesichert.

Auch ein Botschafter bestätigt die informelle Regel. Man würde die Rolle der Akademie ad absurdum führen, wenn keiner ihrer Absolventen den Sprung ins Außenministerium schaffte.

Die Voraussetzungen für die Voraussetzung

Theoretisch reicht auch ein Jus-, Wirtschafts- oder sogar ein Politikwissenschaftsstudium aus, um direkt zur Aufnahme antreten zu können. In der Praxis sind ein Besuch der Akademie alleine oder kombiniert mit einem VerwaltungspraktikumVerwaltungspraktika sind maximal einjährige Ausbildungsverhältnisse beim Bund oder den Ländern. In der Praxis werden Verwaltungspraktikanten an Positionen mit Personalmangel regelmäßig als Systemerhalter eingesetzt. im Ministerium fast unerlässlich. Auch das Praktikum allein kann genügen; das Préalable ohne fachliche, familiäre oder politische Voranknüpfung zu bestehen, sei aber nahezu unmöglich, sagen Befragte aus dem Ministerium.

Die Enttäuschung über eine nicht bestandene Aufnahme ist bei jenen umso größer, die die Ochsentour mitgemacht haben. „Nie wieder!“ sagt ein Gesprächspartner, der Praktikum und DA absolviert hat, nie wieder werde er antreten. Er hat auch ohne Préalable eine Karriere bei einer internationalen Organisation begonnen. Er sei selbst politisch aktiv gewesen, dass es politische Einflussnahmen auf die Aufnahme gebe, hätten ihm auch Kabinettsmitarbeiter bestätigt.

Nachlassende Abwehrkräfte

Der Pressesprecher des damaligen Außenministers Spindelegger, Thomas Schmid, schaffte das Préalable 2012/13 während er noch im Kabinett arbeitete und den politischen Willen des Ministers jenen gegenüber zu vertreten hatte, die seine Prüfer waren. Schmids Karriere stößt vielen sauer auf. Seit Spindelegger hat der Faktor Parteipolitik im Außenministerium an Gewicht gewonnen.

Einige hochrangige Diplomaten entgegnen, dass unter den Ministern Plassnik und Spindelegger auch andere Kabinettsmitarbeiter angetreten und gescheitert seien. Auch die Frau eines Kabinettsmitglieds von Spindelegger habe das Préalable nicht bestanden.

Im Gegensatz zu anderen Ressorts dürfte das Außenministerium tatsächlich lange Zeit größeren Widerstand gegen politische Aufnahmen geleistet haben. Die Qualität der Préalables sei in den 80er Jahren besser gewesen, bestätigen mehrere Diplomaten. Besetzungswünsche von Ministern wurden vom Haus lange abgewehrt. Ein sozialdemokratischer Ressortleiter habe sogar die Zahl der Aufnahmen in einem Jahr erhöht, weil die Préalable-Kommission seinen Wunschkandidaten nicht unter die ursprünglich geplanten Neueinstellungen gereiht habe, erzählt ein Mitarbeiter des Außenministeriums.

Dass die politischen Abwehrkräfte des BMEIA unter den letzten beiden Ministern abgenommen hätten, bemängeln mehrere Interviewpartner. Das liege, so sagt einer, auch an der zunehmenden Zahl an Diplomaten, die nach ihrer Karriere in einem Ministerkabinett in Führungspositionen des Hauses zurückkehrten. Das politisiere nun auch die Beamtenschaft im Außenministerium.

Sechs aus sieben

Das Préalable des Jahres 2010 ist vielen in Erinnerung geblieben. Absolventen der Diplomatischen Akademie echauffieren sich darüber, Diplomaten geben sich geknickt bis einsichtig. Es sei ja nur ein Jahrgang gewesen, meint eine Botschafterin, den könne man nicht exemplarisch für das Préalable als Ganzes sehen. Sieben neue Mitarbeiter wurden damals aufgenommen, nachdem 2009 überhaupt kein Verfahren stattgefunden hatte.

Sechs Stellen waren geschoben, sagt ein Absolvent der Diplomatischen Akademie. Einige Studenten und er hätten vorher eine Liste derjenigen fünf Personen gemacht, die ihrer Meinung nach den nötigen Rückhalt hatten, um aufgenommen zu werden. Alle fünf hätten es dann auch geschafft, bei einer sechsten Kandidatin habe sich im letzten Moment abgezeichnet, dass jemand im BMEIA ihre Aufnahme unterstützen werde.

Ein Mitglied der Diplomatenfamilie Saupe und eines der Familie Mayer-Harting war unter den sieben Glücklichen. Die Bekannte eines hochrangigen Diplomaten, die heute an der Botschaft in Moskau arbeitet, wurde ebenso aufgenommen wie ein ehemaliger Kabinettsmitarbeiter von Landwirtschaftsminister Berlakovich.

Eine Praktikantin des Völkerrechtsbüros, die von allen Seiten als sehr qualifiziert beschrieben wird, sei ebenfalls schon im Voraus festgestanden. Ihr Chef habe sich für sie verwendet. Und schließlich wurde noch ein ehemaliger Pressesprecher von Kanzler Faymann aufgenommen, für die Sozialdemokratenquote, heißt es. Nur eine Dame ohne familiären, politischen oder beruflichen Rückhalt, so bestätigen Absolventen der Diplomatischen Akademie und Quellen im Außenministerium, habe 2010 das Préalable bestanden.

Die Quotenroten

Quoten und Schub gebe es nicht, erklärt das Ressort selbst. Es gebe keine Bevorzugungen, weder für Kinder, Kabinettsmitarbeiter, Burgenlandkroaten oder Parteigänger. Es könne auch sein, dass aus einem Jahrgang der Diplomatischen Akademie niemand die Aufnahme schaffe. Verwaltungspraktikanten im BMEIA würden ebenfalls nicht bevorzugt und auch eine Mitgliedschaft im Cartellverband habe, entgegen der Mutmaßungen einiger Mitarbeiter, keinen Einfluss auf das Préalable.

Die Ansicht, dass zumindest ein Sozialdemokrat aufgenommen werde, ist bei den Interviewpartnern jedoch weit verbreitet. Die Gegenseite verweist auf Peter Moser, den ehemaligen Botschafter in Washington. Dieser habe einen sozialdemokratischen Hintergrund, aber sicher keine Quote nötig gehabt.

Ein Diplomat erzählt dagegen am Telefon, dass er sich bei seinem Préalable über die einfachen Fragen gewundert habe. Eine sozialdemokratische Kollegin habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass man darauf achte, immer zumindest eine parteinahe Person durchzubringen. Das habe sich sogar während der Zeit der schwarz-blauen Koalition nicht geändert. Die roten Kollegen würden vielleicht als politisches Feigenblatt aufgenommen, mutmaßt ein anderer Ministerialer. „Schön wär’s“, meint ein Dritter.

Mit Spezialantrieb in den Dienst

Immer wieder fällt in Gesprächen das Wort Schub. Es klingt nach Zusatzantrieb und soll diesen wohl auch versinnbildlichen. Das Verhältnis der Diplomaten zu diesem Begriff ist so gespalten wie jenes zum Préalable selbst. Einige wollen davon noch nie, andere schon öfter gehört haben, wieder andere flüchten sich in scherzhafte Bemerkungen:

Er habe den Begriff vielleicht zwei oder dreimal gehört, erklärt ein Diplomat, aber es sei ein belasteter Begriff. Jemand, der ihn vorbehaltlos verwende, würde ihm merkwürdig vorkommen. Abgesehen von der Begrifflichkeit ist er sich jedoch mit anderen einig: In den letzten Jahren habe die Quote von Söhnen und Töchtern von Diplomaten verhältnismäßig zugenommen.

Ein anderer Interviewpartner erklärt das mit der geringen Zahl an Aufnahmen: Früher seien bei einer größeren Zahl an Neuzugängen fünf Personen mit familiärer oder anderer Anbindung nicht weiter aufgefallen. Wenn, wie im Fall des Jahrganges 2010, nur sieben neue Diplomaten aufgenommen werden, fällt eine gleichbleibende Rate an Priviligierten eher auf. Für die Tochter eines Botschafters, so erklärt ein Diplomat des BMEIA am Telefon, sei sogar das Bewertungsschema der schriftlichen Arbeiten geändert worden. Sie lässt die Anschuldigung durch das Ministerium dementieren. Man ändere sicher nicht die Prüfungskriterien für Einzelne, teilt dieses mit. Solche Anschuldigungen hätten Rufmordcharakter.

Es sei, so schreibt ein DA-Absolvernt, zumindest „auffällig wenn Bewerber, die nachweislich auf der Akademie konstant schlechtere Ergebnisse abgeliefert haben als ihre Kollegen, die ebenfalls zum Préalable angetreten sind, bei einem vermeintlich so knallharten Auswahlverfahren die Aufnahme schaffen“. Ein Diplomat meint, es sei doch merkwürdig, wie viele hoch qualifizierte junge Leute in den letzten Jahren am Préalable gescheitert seien.

Befangenheit nach eigenem Ermessen

Auf die Frage, ob es beim Préalable Unvereinbarkeitsregeln für Kommissionsmitglieder gebe, weiß man beim Außenministerium nicht ad hoc eine Antwort. Prüfer, so wird dann mitgeteilt, müssten sich – wenn keine offensichtliche Befangenheit vorliege – selbst für voreingenommen erklären und durch ein Ersatzmitglied vertreten lassen. Wann das genau der Fall ist, entscheidet das jeweilige Kommissionsmitglied selbst.

Beim Auswärtigen Amt der Bundesrepublik DeutschlandDer deutsche Concours für den höheren Dienst weist große Ähnlichkeiten mit dem österreichischen A-Préalable auf, wobei die Deutschen dem Assessment Centre wesentlich mehr Zeit und Bedeutung einräumen., erklärt eine Mitarbeiterin, legt man in puncto Befangenheit strenge Maßstäbe an. Sie selbst, erzählt die Berliner Diplomatin, hätte als Mitglied der Bewertungskommission zwei ehemalige Mitarbeiterinnen zu bewerten gehabt und an der Auswahl in diesem Fall selbstverständlich nicht teilgenommen.

Zahlen
Zahlen
Quelle: BMEIA

Die Quote der zum Schluss eingeladenen Kandidaten ist in Deutschland höher als in Österreich. Etwa fünfmal so viele Bewerber wie man Plätze zu vergeben habe würden zum mündlichen Teil des Aufnahmeverfahrens zugelassen, heißt es aus Berlin. Beim letzten österreichischen Préalable 2012/13 lag das Verhältnis der zur kommissionellen Prüfung eingeladenen Kandidaten zu den vergebenen Posten bei unter 1:3. Für den ersten Prüfungsteil des heuer stattfindenden Verfahrens haben sich nach Auskunft des Außenministeriums 184 Personen angemeldet. Wie viele davon mündlich antreten werden, ist noch nicht bekannt. Etwa 18 Stellen sollen zu vergeben sein.

Starthilfe für geeignete Kandidaten

Im Außenministerium in Wien plant man angesichts des neu geregelten Multiple-Choice-Tests am Beginn des Préalables indes eine weitere Subjektivierung des Verfahrens. Kandidaten sollen nach internen Informationen zu ihrem Testergebnis einen Bonus von 30 Punkten erhalten, wenn sie vorher als Mitarbeiter oder Praktikanten im BMEIA tätig waren und als „geeignet“ erscheinen. Die Entrüstung darüber ist bei einigen Mitarbeitern im Ressort groß. Wer die Extrapunkte erhält, soll das Ministerium nämlich freihändig entscheiden dürfen.

Einige sehen darin auch die erste Stufe zur Assimilierung der Integrationssektion in das BMEIA. Dessen Mitarbeiter stammen aus dem Innenministerium und können mangels Préalable derzeit nicht ins Ausland versetzt werden. Diplomaten rechnen damit, dass Interessierte aus dem Integrationsbereich in den nächsten Jahren vermehrt das Préalable bestehen werden.

Offene Geschlossenheit

Diskordanzen zu Grundsatzfragen sind unter den Mitarbeitern des Außenministeriums keine Seltenheit. Zu wenigen Themenbereichen gibt es unter denen, die anrufen oder schreiben, einigermaßen einheitliche Ansichten. Auf die Anfragewelle von NZZ.at reagiert das Außenamt selbst aber mit einer Geste der Offenheit. Man weiß nicht, wie viele Kollegen das Anschreiben erhalten haben und entschließt sich, es als Runderlass im Intranet zu veröffentlichen. Mitgeliefert wird eine Information über den Ablauf des Préalables und die offizielle Position des Hauses. Den Mitarbeitern wird explizit freigestellt auf die Anfrage zu antworten. Von anderen Ministerien wäre das wohl kaum zu erwarten gewesen.

Die Aktion bewirkt eine Welle von Antworten, die die unterschiedlichsten Auffassungen zum Préalable und über den diplomatischen Dienst insgesamt offenbaren. Sie enthalten Verteidigungen, Vermutungen und Verdächtigungen. Die Front geht mitten durch die Hochdiplomatie der Republik Österreich. Selbst die, die den sozialen Aufstieg geschafft haben, teilen sich in zwei Gruppen: jene, die Transparenz- und Fairnessprobleme kritisieren und jene, die sich selbst als generalisierbares Beispiel für den objektiven Auswahlprozess sehen.

Karrieren wie die von Thomas Klestil, dem Sohn eines Straßenbahners und einer Gärtnerin, beweisen zwar: Der Aufstieg hoch qualifizierter Personen in den diplomatischen Dienst war möglich und ist es wohl immer noch. Aber die Lücke, durch die diese schlüpfen können, wird enger. Der Préalable-Jahrgang 2010 zeigt das exemplarisch. Die von Diplomaten dutzendfach wiederholte Begründung für die Hohe Zahl an Verwandtschaftsbeziehungen im Außenressort kann sich auf die soziale Durchlässigkeit zusätzlich fatal auswirken: Der fast aristokratische Glaube, dass Diplomatenkinder durch Erziehung und Herkunft für den diplomatischen Dienst besonders geeignet wären, wirkt sich unweigerlich auf das Bild aus, das sich ein so sozialisiertes Kommissionsmitglied von einem Prüfling beim Préalable macht.

 

Berichtigung:
Das Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres weist darauf hin, dass der schriftliche Prüfungsteil des Préalables doppelt anonymisiert wird und die Weitergabe einer Prüfungskennung an den Prüfer, wie sie durch die Aussage eines ehemaligen Diplomaten im ersten Teil dieses Artikel ins Spiel gebracht worden war, damit keinen Sinn hätte. Der Prüfer erhält, so das BMEIA, die Prüfungskennung nämlich nicht. Nicht ausgeschlossen bleibt natürlich, dass vereinbarte Zeichen oder Wortfolgen erkannt werden könnten. Aus den ausgewerteten Interviews und Stellungnahmen ergeben sich jedoch keine Hinweise darauf, dass dies in der Vergangenheit geschehen wäre.