Christoph Zotter

Wohngemeinschaft für Flüchtlinge

Flucht in den Container

von Christoph Zotter / 24.02.2016

Am Stadtrand steht die erste Container-WG Wiens. Ein Besuch bei 15 Jugendlichen, die zwischen Metallwänden auf der Wiese aufwachsen.

Die Erde ist aufgeweicht, das Gras etwas fahl. Der Winter hat die Wiese über Monate ausgezehrt. Seit wenigen Tagen brechen wieder Sonnenstrahlen durch die graue Wolkendecke, wärmen die durchfeuchtete Holzschaukel, scheinen über den rissigen Betonweg und die betagte Trauerweide.

Noch wachsen auf ihren Zweigen keine Blätter. So kann man sie sogar durch die langen, dünnen Äste hindurch gut sehen. Zentimetergenau haben die Arbeiter sie mit Kränen auf sechs über den weichen Boden gelegte Betonpfeiler gestellt. Die dicken Starkstromkabel an den oberen Ecken miteinander verbunden. Mit jedem Handgriff etwas mehr zusammengesetzt. Bis da ein Heim stand.

Dienstag, Mittag, Bezirk Liesing, südliches Wien. Judith Gerlich-Ordic öffnet die Tür zum Container. Linoleumboden, Metallwände, Neonröhren, ein langer Gang. Er besteht aus zwei Containern, hintereinander aufgestellt. Links und rechts reihen sich jeweils sechs weitere. Ein kleines Haus, wie aus dem Baukasten gebastelt.

Caritas-Teamleiterin Judit Gerlich-Ordic (rechts) mit Tagesbetreuerin Noushin Yousefi (links).
Credits: Christoph Zotter

14 Container, 15 Flüchtlinge

In einem sind Dusche und Toiletten, in einem anderen ist die Küche, da ein Regal mit Fußballschuhen, dort die Zimmer; für jedes ein Post-It mit einer Nummer an der Wand. Es gibt Strom, eine Heizung, Internet. „Von außen sieht es vielleicht nicht so schön aus“, sagt Gerlich-Ordic, die im Sommer das Containerdach grün bepflanzen will. „Aber wenn man erstmal drinnen ist, merkt man, dass hier nichts fehlt.“

Die Caritas-Mitarbeiterin leitet die Einrichtung: 14 Container, 15 Flüchtlinge, alle minderjährig und ohne einen Erwachsenen in Österreich angekommen. Sie warten, bis der Staat entscheidet, ob sie Asyl bekommen oder nicht. Bis vor kurzem hat man sie dafür in echte Wohnungen gebracht, eigens angemietete Häuser. Weil es aber nicht genug gibt, leben sie seit zwei Monaten in einem Container auf einer Wiese in Liesing.

Die Caritas hat sie extra angekauft. Gebraucht, das ist billiger. 6.500 Euro kostet einer durchschnittlich, macht insgesamt rund 91.000 Euro. Für zwei Jahre dürfen sie auf jeden Fall auf der holprigen Wiese in Liesing stehen, das hat man mit der Pfarre ausgemacht, der der Grund gehört. Deren Kirchgeher fragten sich vergangenen Sommer, was sie tun könnten, als Tag für Tag zehntausende Flüchtlinge in Österreich ankamen. So entstand die erste Container-WG Wiens.

Fußball, wann immer es geht, auch im Winter.
Credits: Christoph Zotter

Der Container, die Alternative

Und es sollen mehr werden. Rund 7.500 Menschen müssen ihr Asylverfahren derzeit im Notlager abwarten, sagte Flüchtlingskoordinator Christian Konrad vor zwei Wochen. Es gibt nicht genug Quartiere, Wohnungen, Häuser. Seine Lösung: Fertigteilhäuser – in Containern wolle wohl niemand leben. Nur dass für die Häuser noch die Finanzierung fehlt.

Die Caritas wartet das erstmal nicht ab. In den niederösterreichischen Orten Langenzersdorf, Breitenfurt, Lanzendorf und Mistelbach stehen bereits weitere Container, in Vösendorf und Probstdorf will die Erzdiözese Wien noch welche aufstellen. Fast 350 Leute sollen dann insgesamt in Metallwänden wohnen.

„Wir sagen ‚Mobiles Wohnen‘“, erklärt Gerlich-Ordich, die sich mit sechs weiteren Caritas-Mitarbeitern die 24-Stunden-Schichten in der WG teilt, die sie „Nilas“ getauft haben. Es sei ein bisschen wie eine Insel, sagt sie. Weil die Container mitten auf der Wiese stehen, aber auch, weil sie für die neun afghanischen und sechs syrischen Teenager hier eher eine eigene, überschaubare Welt bauen kann.

In der Küchenecke wird Playstation gespielt.
Credits: Christoph Zotter

Einen Container weiter schreien Mohammed, Achmed und Najubullah auf einen Flatscreen ein. Sie spielen Fußball auf der Playstation, einen Monat lang haben sie sie von Freunden ausgeborgt. Reden wollen sie nicht. Nicht jetzt, nicht mit einem Fremden, nicht wenn Messi schießt. Dann verschwinden kurz die schweren Blicke aus den Gesichtern, hinter denen Geschichten begraben sind. Es sind Geschichten, die wohl auch zu viel wiegen würden; die, die sie erlebt haben, sind erst 14, 16 oder 17 Jahre alt.

In der WG „Nilas“ drängen die Caritas-Mitarbeiter die Burschen nicht, ihre Geschichten zu erzählen. Sie dürfen selbst entscheiden, ob sie fotografiert werden wollen, alles wird schriftlich dokumentiert. Kommt ein Journalist auf Besuch, muss das für die Jugendfürsorge zuständige MA 11 erstmal sein Okay geben. Richtig über die vielen Probleme geredet wird meist erst, wenn es dunkel wird, sagen die Betreuerinnen.

Dann putschen sich die Teenager mit ein paar Kaffee oder Red Bull auf, drehen das Licht nicht ab. Weil sie nicht schlafen wollen. Lieber mitten in der Nacht auf den Gängen Fußball spielen, statt in ihren Zwei-Bett-Zimmern auf die Träume zu warten. Die Bilder aus dem Dunkel, die sie nicht kontrollieren können. „Ich schlafe manchmal selbst nicht, weil die Jugendlichen reden wollen“, sagt Noushin Yousefi, die heute für die Caritas 24 Stunden lang zwischen den dünnen Wänden arbeitet.

So sehen die Zimmer in der WG „Nilas“ aus.
Credits: Christoph Zotter

Noch ist es hell draußen, und Yousefi plaudert in der Küche auf Farsi mit den afghanischen Burschen. Wie ihre Kollegen versucht auch sie, mit ihnen einen Tag zu bauen. Deutschkurse, Fahrrad fahren, Fußball spielen, Schwimmen. Vier gehen zur Schule. Die meisten der Teenager könnten die letzten Jahre ihrer Jugend in den Containern verbringen. Den Vertrag für die Wiese der Pfarre hat die Caritas jedenfalls für zwei Jahre abgeschlossen. Verlängerung nicht ausgeschlossen.

Container oder nicht, das sei für die Teenager selbst nicht so wichtig, sagt Gerlich-Ordic. Auch wenn einer sagt, dass es im Winter schon kalt war und die Zimmer klein sind. Sie regen sich eher auf, wenn ein paar Syrer mit Afghanen zusammengesteckt werden. Tagelang grüßten sie sich nicht, dann kochten sie miteinander, nun sind alle auf Whatsapp und Facebook befreundet. Es ist ein Herantasten an die neue Welt, an die neue Realität, das Leben, in das sie hineinwachsen müssen.

Jeder bekommt einen Schulspind. Einer der Burschen hat das Willkommensfoto mit der Pfarrgemeinde aufgehängt.
Credits: Christoph Zotter

Die Ersatz-Familie

Also hängen die Burschen sich Bilder in die kargen Zimmer. Sagen Mutter oder Schwester zu den Betreuerinnen, wenn die echte Familie tausende Kilometer weg ist. Und wenn sie ein Mädchen kennen lernen, dürfen sie es mit auf die Zimmer nehmen, das ist ausgemacht. „Das war das erste, das sie gefragt haben“, sagt Gerlich-Ordic und lacht. „Viele waren nicht da.“

Dafür kommt Gudrun. Mutter, Lehrerin, Pfarrmitglied. Sie hat einen der Burschen zum Arzt gefahren und wieder zurück. Bis zu drei Stunden am Tag nimmt sie sich für die Flüchtlinge in den Containern auf der Pfarrwiese. Die Gemeinde hat eine Webseite eingerichtet, es gibt einen Mailverteiler. „Die politischen Zusammenhänge sind unüberschaubar geworden“, sagt Gudrun, wenn man sie fragt, warum sie das alles macht. „Aber da steht ein Mensch. Dem kann ich helfen.“

Judith Gerlich-Ordic steht daneben und nickt. Sie weiß, dass es ohne die Freiwilligen aus dem Pfarrhaus neben der Wiese nur schwer gehen würde. Die Caritas-Betreuer können die Teenager nicht einmal in die Stadt begleiten, da sie alleine Dienst schieben und immer auf dem Grundstück erreichbar sein müssen. Also bringen Pensionisten Schachbretter, unterrichten Deutsch, schenken Fahrräder. In der Liesinger Pfarre spricht man von einem Ruck, der durch die Gemeinde gegangen ist. Die Sitzreihen seien nun besser gefüllt, der Geist in das kirchliche Tun zurückgekehrt.

Hinter dem Container steht die Kirche, rechts dahinter das Pfarrhaus.
Credits: Christoph Zotter

Während in den Containern ein paar Teenager Playstation zocken, marschiert die FPÖ in Liesing auf. Sie baut einen Infostand, es gibt blaue Fahnen und blaue Luftballons. Denn die Regierung will ein Transitlager für 700 Flüchtlinge bauen, nicht allen Liesingern gefällt das. Sie wollen Zäune, mehr Polizei und einige am besten gar kein Lager.

Judit Gerlich-Ordic nickt dann wieder, sie hat davon gehört. Sie weiß, dass sich in anderen Caritas-WGs die Anrufe häufen, seit Köln, seit sich die Unsicherheit breit macht. Besprochen hat sie das alles noch nicht. Bei ihr hat noch keiner angerufen, wer hier über die Wiese geht, kennt die Burschen meist beim Namen.

Ob sie den Teenagern vielleicht die ganze österreichische Wirklichkeit ersparen will? Eine Mauer um die Containerinsel ziehen? Sie erstmal raushalten? „Nein, das ist kein Raushalten“, sagt sie. „Andere Dinge sind eben wichtiger. Wo ist die Familie? Wie geht es ihr? Die Tage füllen sich sehr schnell.“