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Strategisches Management der Migration

Flucht nach vorne

Gastkommentar / von Sebastian Eschenbach / 19.03.2016

Flüchtlinge werden als enorme Belastung wahrgenommen. Das wirft die Frage nach Abwehrmaßnahmen auf. Aber zusätzliche Menschen bedeuten auch zusätzliche Chancen. Kompetenzen und Netzwerke sind entscheidende Hebel, um diese Chancen zu nutzen. In Österreich fehlt es noch an Entschlossenheit, um diese Hebel zu entwickeln und einzusetzen, schreibt Sebastian EschenbachProfessor Dr. Dr. Sebastian Eschenbach hat in Wien, Harvard und Klagenfurt Betriebswirtschaft und Psychologie studiert. Er leitet das Department Wirtschaft an der FH Burgenland mit dem Studiengang Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Der vorliegende Beitrag basiert auf der Zusammenarbeit mit dem Spezialisten für intellektuelles Kapital Dr. Manfred Bornemann aus Graz. .

Das vergangene Vierteljahrhundert war eine gute Zeit für Österreich, mit – der internationale Vergleich bestätigt – fast einzigartiger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Stabilität.

Bis im vergangenen Jahr etwa 90.000 Menschen in Österreich Asyl beantragt haben. Das entspricht einem Prozent der Bevölkerung. Seitdem sieht alles anders aus. Der Schreck über diese Belastung ist uns in alle Glieder gefahren. Wie wir darauf reagieren, ist eine Frage unserer Weltanschauung: Die Bandbreite reicht von Nächstenliebe und Solidarität bis zu Fremdenfeindlichkeit und Aufrufen, Flüchtlinge zu verbrennen. Trotz dieser krassen Gegensätze sind wir uns in einem Punkt weitgehend einig: Die Flüchtlinge belasten die österreichische Gesellschaft in gewaltigem, noch nicht absehbarem Ausmaß. Die zentralen Fragen scheinen auf der Hand zu liegen: Wie lässt sich diese Belastung in Grenzen halten? Wie lässt sie sich mit akzeptablem Aufwand bewältigen?

Strategische Perspektive

Die Belastung durch die 90.000 Menschen, die auf der Flucht im vergangenen Jahr in Österreich gelandet sind, ist inzwischen eine Tatsache. Das lässt sich nicht mehr wegdiskutieren.

Es gibt aber noch eine zweite Sicht auf die Dinge – die Sichtweise des strategischen Managements. Hier sind ganz andere Fragen zu stellen:

  • Inwieweit sind die notwendigen strategischen Ressourcen – Kompetenzen, Struktur und Beziehungen – vorhanden, damit Neuankömmlinge wirtschaftlich auf die Beine kommen?
  • Wie können diese vielfach miteinander in Zusammenhang stehenden Ressourcen systematisch weiterentwickelt werden, damit sie ihre volle Wirkung entfalten?

Im Oktober 2015 haben wir begonnen, Antworten auf diese Fragen zu suchen. Im Burgenland und in der Steiermark wurden sechs mehrstündige Interviews geführt, mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie und fünf Personen, die Flüchtlinge sowohl professionell als auch ehrenamtlich betreuen. Dazu kamen vier kürzere Gespräche, in denen Detailfragen mit Expertinnen und Experten abgeklärt wurden.

Der Struktur der Interviews folgend lassen sich die wichtigsten Erkenntnisse zwei strategischen Aktionsfeldern zuordnen:

  • Entwicklung von Kompetenzen
  • Entwicklung von Beziehungen

Kompetenzen als strategische Ressourcen

Natürlich steht Deutschlernen zunächst im Zentrum der Aufmerksamkeit. Im Detail gäbe es dazu einiges anzumerken, aber im Großen und Ganzen ist die Herausforderung erkannt und wirksame Maßnahmen sind bereits eingeleitet.

  • Nichtstun zerstört Kompetenzen. Asylwerber sind vom legalen Arbeitsmarkt praktisch ausgeschlossen. Sie dürfen nur in drei Feldern arbeiten: als Prostituierte, Saisonarbeiter und Zeitungskolporteure. Wer dabei mehr als 110 Euro pro Monat verdient, verliert die Grundversorgung ganz oder anteilig. Die Wiederbeantragung nach dem Ende eines Jobs gilt als bürokratischer Hürdenlauf. Aus der Arbeitslosenforschung wissen wir, was das bedeutet: Die erzwungene Untätigkeit über Monate beschädigt die Arbeitsfähigkeit. Wenn der praktische Ausschluss vom legalen Arbeitsmarkt auf lange Asylverfahren trifft, dann werden Humanressourcen nachhaltig ruiniert.
  • Umgang mit Analphabeten. Am schwierigsten ist der Umgang mit Menschen ohne Volks- bzw. Grundschule, Analphabeten in ihrer Muttersprache, ohne Berufsausbildung und -erfahrung. In Bezug auf diese Gruppe wird systematisch Angst geschürt: Weil sie angeblich gekommen ist, um es sich in Österreichs sozialer Hängematte gut gehen zu lassen, oder weil diese Gruppe religiöse Radikale und Terroristen hervorbringt. Konkrete Pläne zur Integration dieser Gruppe fehlen. Das spielt den Angstmachern in die Hände. Dabei handelt es sich um gar kein eigentliches „Flüchtlingsproblem“. Schlecht qualifizierte Menschen gibt es in Österreich nicht erst seit 2015. Es braucht intensive, individuelle Betreuung, um wenigstens einen Teil dieser Gruppe ins Berufsleben zu integrieren. Das Know-how dafür ist vorhanden. Wir stehen vor der Wahl: Leisten wir uns ein wachsendes, Furcht erregendes „Lumpenproletariat“, oder investieren wir in die aufwendige Entwicklung dieser Menschen?
  • Erfahrung statt formaler Bildung. Die 2015 nach Österreich geflüchteten Menschen kommen mit sehr unterschiedlicher formaler Bildung. Das hängt zum Teil von ihren individuellen Talenten ab, aber noch stärker von den Zuständen in ihren Herkunftsländern. Auch talentierte Menschen haben im Bürgerkrieg geringe Chancen auf einen geregelten Schulabschluss. Gleichzeitig sind formale Abschlüsse schwer zu beurteilen, wenn sie aus Ländern kommen, in denen die öffentliche Verwaltung zusammengebrochen ist. Auch ohne formale Bildungsabschlüsse verfügen viele Flüchtlinge über praktische Kompetenzen und Erfahrungen, die man einem Österreicher ohne Bildungsabschluss nicht zutrauen würde. Statistiken zu formalen Bildungsabschlüssen führen daher zu einer Unterbewertung der Humanressourcen. Finden wir angepasste Wege der Weiterbildung, um diese „stille Reserve“ an informellen Kompetenzen rasch zu nutzen? Oder pochen wir auf die Form ein, um Wettbewerber vom Arbeitsmarkt fernzuhalten?
  • Hochqualifizierte nicht verlieren. Ein Teil der neu angekommenen Menschen ist hochqualifiziert. Wir tragen die Belastung in der ersten Zeit nach der Flucht. Aber was geschieht, damit fertig ausgebildete Facharbeiter, Ingenieure, Krankenschwestern oder Ärztinnen nicht bei der ersten Gelegenheit in deklarierte Einwanderungsländer weiterziehen? Wir übernehmen die Belastung, und andere hätten den Nutzen aus den wertvollen Humanressourcen, wenn wir untätig dem Weiterwandern zusehen.
  • Vom Land in die Stadt. Die mögliche Abwanderung wertvoller Humanressourcen ist nicht nur ein nationales Problem. In Landgemeinden stellen Bürgerinnen und Bürger, sozial tätige Vereine und Gemeindeverwaltungen viele lokale Initiativen auf die Beine. Das funktioniert nicht überall gleich gut und es funktioniert auch nicht jede gut gemeinte Idee beim ersten Anlauf. Aber es gibt innovative Ideen, es entwickeln sich rasch neue Kompetenzen, es gibt großes, nachhaltiges Engagement und es gibt ohne Zweifel handfeste Ergebnisse. Aber dann, sowie die Flüchtlinge ihren positiven Asylbescheid in der Hand halten, zieht es die meisten nach Wien. Von manchem Einheimischen mit dem Gedanken begleitet: „Na Gott sei Dank – das Problem sind wir los!“ Los sind die – zum Teil strukturschwachen – Landgemeinden aber auch die Chancen aus der Integration junger Menschen mit Lebensenergie. Denn es braucht schon einiges an Energie, um sich über tausende Kilometer aus einem Krisengebiet nach Österreich durchzuschlagen. Warum wandern die Geflüchteten nach Wien weiter? Es gibt eine Reihe von Gründen. Zwei bürokratische Faktoren lassen sich eindeutig festmachen: Erstens lockt die Hauptstadt, weil dort die bedarfsorientierte Mindestsicherung früher bezahlt wird. Das heißt, es gibt pro Person 827 Euro im Monat, statt Kost und Logis plus ein Taschengeld von 40 Euro. Zweitens finden die verpflichtenden Deutschkurse für Menschen, denen Asyl gewährt wird, in den Landeshauptstädten statt. Die Neuankömmlinge müssen also aus bürokratischen Gründen weg aus den Landgemeinden, in denen sie während des häufig langen Asylverfahrens die ersten sozialen Kontakte aufgebaut haben. Landgemeinden, die „ihre“ Flüchtlinge zum Teil sehr engagiert durch deren erste Zeit in Österreich begleiten, sollten dieser bürokratisch beschleunigten Landflucht attraktive Angebote zur nachhaltigen Integration entgegenstellen. Sonst schultern sie zwar ein Stück der Belastung, verzichten aber auf einen Anteil an den strategischen Humanressourcen.
  • Neue Kompetenzen. Im Vergleich zu „echten Österreichern“ werden Flüchtlinge als Mängelwesen verstanden. Sie sind der Landesprache noch nicht mächtig, verstehen „unsere österreichischen Werte“ nicht und verfügen nicht über „unsere“ Bildungsabschlüsse. Auf der anderen Seite bringen viele Flüchtlinge Kompetenzen mit, die in Österreich bisher wenig zur Verfügung stehen. Am offensichtlichsten sind das Sprachkompetenzen. Aus bosnischen Flüchtlingen vom Beginn der 1990er Jahre entstand das notwendige Fachpersonal für die Expansion österreichischer Unternehmen nach Südosteuropa. Ähnliches gilt für Ungarn und Tschechen und sehr aktuell für Iraner.

Beziehungen als strategische Ressourcen

Die Ressource mit der positivsten Bewertung sind die Beziehungen der Flüchtlinge untereinander und mit Familienmitgliedern bzw. Freunden, die bereits in West- oder Zentraleuropa angekommen sind. „Die Flüchtlinge sind sehr gut informiert“, in diesem Punkt sind sich alle Interviewpartnerinnen und -partner einig. Beziehungen helfen bei der Orientierung und schaffen Zugang zu aktuellen Informationen – gelegentlich auch zu Fehlinformationen.

  • Orientierung und Sicherheit. Die Bedeutung der Beziehungen von Flüchtlingen mit ihren erweiterten Familien und Landsleuten kann eigentlich nicht überraschen. Wir kennen das von italienischen, irischen, deutschen und burgenländischen Auswanderern in die Vereinigten Staaten. Sie halfen sich zunächst ebenfalls mit Beziehungen zu ihresgleichen. Es ist gut nachvollziehbar, dass man sich in der Not an Menschen hält, die die gleiche Sprache sprechen und über ähnliche Erfahrungen verfügen.
  • Smartphone als Werkzeug. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang: die Funktion des mobilen Internets. 2015 sind Smartphones das Fluchtutensil. Damit werden Beziehungen aufrechterhalten. Hotspot und Ladestation sind daher fast so gesucht wie Essensausgaben. In Österreich hat das mitunter für Empörung gesorgt. Manche Einheimische halten Smartphones für Luxusgüter, die Menschen in Not nicht zustehen, statt für notwendige Werkzeuge, um in Kontakt zu bleiben.
  • Skepsis in Österreich. Bemerkenswert – aber im Licht der Forschungsergebnisse zum Thema Interkulturalität gar nicht überraschend – ist der Argwohn gegenüber Beziehungen von Flüchtlingen mit ihresgleichen. Einerseits entziehen sich Beziehungen zwischen Fremden unserer Kontrolle. Man kennt das merkwürdige Gefühl von Unsicherheit in der Gegenwart von Menschen, die sich in einer Sprache unterhalten, die wir nicht verstehen. Andererseits herrscht die Vorstellung, Flüchtlinge stünden vor der Wahl: sich entweder mit ihresgleichen zu vernetzen oder in die österreichische Gesellschaft einzufügen. Und niemand hat Interesse an „Parallelwelten“ und Ghettos. Aber besteht dieser Gegensatz tatsächlich? In der Spracherziehung von Kindern geht man davon aus, dass im Kopf Platz für mehrere Sprachen ist. Kinder aus nicht-deutschsprachigen Familien lernen gutes Deutsch, wenn sie zunächst ihre Muttersprache beherrschen und dann zusätzlich konsequent in ein deutschsprachiges Umfeld eingebunden werden. Ähnliches gilt für die Fähigkeit, sich zu integrieren. Ist es nicht wahrscheinlich, dass sich in der eigenen kulturellen Gemeinschaft gut vernetzte Menschen auch in einer neuen Umgebung erfolgreich integrieren können? Umgekehrt ist es kaum vorstellbar, dass man Menschen dazu zwingen kann, sich in die österreichische Mainstream-Gesellschaft einzufügen, indem man ihren Kontakt zur eigenen kulturellen Gemeinschaft abschneidet.
  • Zweifache Vernetzung. Diese Ergebnisse erfordern eine Doppelstrategie: Erstens sollte man Beziehungen zwischen den Neuankömmlingen und ihren bereits in Österreich etablierten Landsleuten nach Möglichkeit fördern. Flüchtlinge gewinnen so Sicherheit und können sich rascher neu orientieren. Diese Beziehungen sind wichtige strategische Ressourcen, besonders für die ersten Schritte der Eingliederung. Generelles Misstrauen oder gar ein Verbot, nicht deutsche Muttersprachen zu verwenden, schwächt diese Ressource. Zweitens müssen sich möglichst viele österreichische Institutionen öffnen – allen voran die, die von Flüchtlingen rasche Integration verlangen. In manchen Orten setzen insbesondere Sport- und Kulturvereine hier erste sehr konkrete Schritte. In einem Fall der Fußballclub, in einem anderen der Ortsverschönerungs-Verein und eine Musikkapelle. So kann man Österreich kennenlernen. Allerdings ist das Leben in Österreich nicht nur von Sport- und Kulturvereinen geprägt, sondern auch von Unternehmen, Kammern, Berufsverbänden, Gewerkschaften und politischen Parteien mit ihren vielfältigen Vorfeldorganisationen. Initiativen aus diesen Teilen der Gesellschaft sind – um es vorsichtig auszudrücken – noch wenig sichtbar.

Was jetzt?

Die Belastung durch die 2015 nach Österreich geflüchteten Menschen ist nach wie vor das Thema Nummer eins der Innenpolitik. Zusätzlich wird diskutiert, wie und auf welchem Niveau die drohende Belastung 2016 begrenzt werden kann. Diese Auseinandersetzung wird intensiv und ideologisch geführt.

Das verstellt die Sicht auf Chancen, die 90.000 zusätzliche Menschen für die Entwicklung Österreichs bedeuten. Zwei strategische Ressourcen werden den Ausschlag darüber geben, wie gut diese Chancen genutzt werden (siehe Abbildung):

  • Kompetenzen. Sehr viele Neuankömmlinge kommen mit interessanten Kompetenzen, die weiterentwickelt, aber vor allem eingesetzt werden müssen. Sonst gehen sie verloren. Übrig bleibt dann die Belastung. Es geht aber auch um „unsere“ Kompetenzen zum Thema Immigration. Hier wird gerade viel durch Versuch und Irrtum gelernt. Im nächsten Schritt sollten Erfahrungen vernetzt und systematisiert werden.
  • Beziehungen. Beziehungen der Neuankömmlinge zu ihresgleichen sind wertvolle Ressourcen. Wir sollten sie stärker für die Integration nutzen. Einheimische Menschen und Institutionen sollten noch aktiver und systematischer auf die Neuankömmlinge zugehen. Eine südburgenländische Gemeinde organisiert systematisches Matchmaking zwischen „ihren“ Flüchtlingen und den lokalen Vereinen.

Die Belastung ist uns sicher. Um auch an die Chancen für die Entwicklung Österreichs heranzukommen, müssen die Flüchtlinge und „wir“ jetzt in Kompetenzen und Beziehungen investieren. Das größte Problem dabei ist die in den Interviews greifbare Unentschlossenheit und Unsicherheit. Es braucht daher etwas Leadership – ein gemeinsames Grundverständnis der Chancen und Herausforderungen. Das kann in bester österreichischer Manier als Kompromiss zwischen den tonangebenden Institutionen ausgehandelt werden. Damit wäre die wichtigste Voraussetzung gegeben, damit sowohl Neuankömmlinge als auch Wirtschaft und Zivilgesellschaft in Österreich einigermaßen an einem Strang ziehend Chancen nutzen können.

Bei der Erstversorgung der Geflüchteten hat das – nicht ganz perfekt – aber doch flexibel, innovativ und mit großer Courage funktioniert. Warum sollte es nicht auch gelingen, die entstandenen Chancen zu nutzen? Statt „Wir schaffen das“ muss es jetzt heißen:

Lasst uns das Beste daraus machen!