Elisalex Henckel

Flüchtlinge à la carte: Das Resettlement der Familie al-K.

von Elisalex Henckel / 17.06.2016

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) will Resettlement-Programme verstärken, um künftig „gezielt die Schwächsten“ der Flüchtlinge aufzunehmen. Aber wer wählt die Leute aus? Nach welchen Kriterien? Und wie kommen sie dann in Österreich zurecht? Ein Besuch bei Mohammad, Saquer und ihren fünf Kindern.

Mohammad und Saquer wissen noch ganz genau, wann sie zum ersten Mal österreichischen Boden unter den Füßen hatten. Es war ein kalter, aber sonniger Donnerstag vor gut einem Jahr: der 28. Mai 2015. Sie werden das Datum auch in Zukunft nicht vergessen. Es war schließlich der Tag, an dem sie den Krieg in ihrer Heimat endgültig hinter sich gelassen haben.

Im Unterschied zu Hunderttausenden ihrer Landsleute, die vergangenes Jahr nach Österreich eingereist sind, wussten die beiden Syrer schon damals, dass ihre Flucht in Wien ein Ende haben wird. Dass sie und ihre Kinder hier bleiben dürfen. Denn Mohammad und Saquer kamen nicht zu Fuß oder mit Schleppern, sie kamen nicht über Spielfeld, Nickelsdorf oder den Brenner. Sie landeten in einer Linienmaschine der AUA auf dem Flughafen von Schwechat – mit einem Ticket, das ihnen der österreichische Staat bezahlt hatte.

Die Familie al-K. ist im Rahmen eines Programms nach Österreich geflogen worden, für dessen Ausbau inzwischen nicht mehr nur UNO und NGOs, sondern auch Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) werben. Mithilfe von Resettlement ließen sich „gezielt die Schwächsten“ der Flüchtlinge auswählen, „damit sie ein neues Leben anfangen können“, sagte Kurz vor kurzem in einem der Interviews, die vor allem wegen des Vorschlags, Flüchtlinge auf Inseln zu internieren, für Aufregung gesorgt haben.

Das Zuckerbrot zur Kurz’schen Peitsche

Resettlement ist quasi das Zuckerbrot zu dieser Peitsche. Man versteht darunter die Umsiedlung von Flüchtlingen, die in Erstaufnahmeländern wie Jordanien, Türkei oder Libanon nicht mehr ausreichend geschützt und versorgt werden können, in Drittstaaten wie Österreich. Nicht nur die Anhaltung auf Inseln wird in der EU längst praktiziert, wie Kollege Schinwald vor kurzem ausgeführt hat, auch Resettlement ist eigentlich nichts Neues.

Razan (4), das vierte Kind von Mohammad und Saquer (beide 32), wurde zwölf Tage vor der Flucht aus Syrien geboren. Ihre kleine Schwester Rawan (sieben Monate) kam ein halbes Jahr nach der Ankunft in Österreich zur Welt.
Credits: Elisalex Henckel

In Österreich gibt es bereits seit 2013 Programme für Syrer: Über das erste sind 500 gekommen, im zweiten gab es Platz für 1.000, die letzten von ihnen werden kommende Woche in Wien erwartet. Ein drittes Programm, mit dem dieses und nächstes Jahr 400 weitere Flüchtlinge aus Erstaufnahmeländern geholt werden sollen, hat Österreich bereits angekündigt. „Die Details der Umsetzung sind aber noch in Diskussion“, heißt es aus dem Innenministerium.

Der Außenminister plädiert derweil schon für regelmäßige Programme in einer ganz anderen Größenordnung: 10.000 bis 15.000 Flüchtlinge pro Jahr wären hierzulande „jedenfalls bewältigbar“, sagte Kurz. Im Vergleich zur „illegalen“ Einreise von Schutzsuchenden hätten Resettlement-Programme schließlich den Vorteil, dass man sich die Teilnehmer aussuchen, sie gefahrlos ins Land bringen und auch die Integrationsmaßnahmen vorbereiten könne.

Frauen, Familien, Christen

Mohammad und Saquer sind im Zuge des zweiten Programms gekommen, das im Mai 2014 für 1.000 „besonders schutzbedürftige“ Personen wie „bedrohte Frauen und Mädchen, Familien mit Kindern und verfolgte Minderheiten (z.B. Christen)“ ausgeschrieben wurde. Ein Fünftel der Kandidaten durfte damals die Erzdiözese Wien nominieren, auf weitere 200 Plätze konnten sich Familienangehörige von bereits hier lebenden Flüchtlinge bewerben, die Familie al-K. wurde wie knapp 600 andere Flüchtlinge vom UNHCR vorgeschlagen.

Die al-K.s wurden vorigen Mai in Schwechat von Mitarbeitern der Caritas empfangen und nach Traiskirchen gebracht. Sie mussten nicht mehr um Asyl ansuchen, das hatte ihnen das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) nach der Überprüfung ihres UNHCR-Dossiers bereits gewährt. Aus diesem Grund bekamen sie schon nach zwei Wochen die grauen Pässe, die sie als Schutzberechtigte im Sinne der Genfer Konventionen ausweisen.

Mohammad, Saquer und ihre fünf Kinder haben eine 65-Quadratmeter-Wohnung in dieser ehemaligen Kaserne bezogen. Ihre Nachbarn kommen aus Syrien, Afghanistan und Tschetschenien. Laut Auskunft von Mohammad wohnen nur zwei österreichische Familien in dem Gebäude am Rand der Flüchtlingssiedlung Macondo.
Credits: Elisalex Henckel

Saquer strahlt, als sie von den Pässen erzählt. Sie sitzt neben ihrem Mann in der Küche der Zweizimmerwohnung, die die Familie kurz nach ihrer Ankunft bezogen hat: 65 Quadratmeter, im dritten Stock einer ehemaligen Kaserne in Simmering. Die junge Frau hat ihren Schleier abgelegt, Kaffee und Wasser angeboten. Sie und ihr Mann, beide 32 Jahre alt, trinken nichts. Vor zwei Wochen hat der Ramadan begonnen. „Sogar Razan hat einen Pass“, sagt Saquer, „das hat mich am meisten gefreut.“

Zwölf Tage nach der Geburt geflohen

Razan ist das vierte Kind von Mohammad und Saquer, ihre dritte Tochter. Für Razan haben sie nie Dokumente gehabt, weil sie erst zwölf Tage vor der Flucht aus Syrien geboren wurde, per Kaiserschnitt, wie alle ihre Geschwister. Saquer wartete nur, bis sie wieder einigermaßen gehen konnte, dann folgte sie ihrem Mann in die jordanische Hauptstadt Amman.

Die al-K.s kommen aus Daraa, jener Stadt im Südwesten Syriens, in der vor fünf Jahren der Bürgerkrieg ausbrach. Mohammad war einer der vielen, die damals auf die Straße gingen, um gegen die Grausamkeiten des Assad-Regimes zu demonstrieren. Als er irgendwann im Februar 2012 sein Gesicht auf Al-Jazeera sah, wusste er: Ich muss weg.

Eigentlich wäre die Familie gerne in Amman geblieben, nah an der Heimat. Aber Mohammad, der von Beruf Schneider ist, durfte offiziell nicht arbeiten. Das Geld, das er schwarz verdiente, reichte hinten und vorne nicht, die Familie war auf die Lebensmittelvoucher des UNHCR angewiesen. Dazu kam die Angst, bei der Schwarzarbeit erwischt und abgeschoben zu werden. Einmal standen Kontrolleure bereits vor der Tür, Mohammad flüchtete damals über das Dach.

Die Auswahl der Schwächsten

Als auch ein Ende des Kriegs in seiner Heimat in immer weitere Ferne zu rücken schien, bat Mohammad das UNHCR, seine Familie doch für ein Resettlement in Betracht zu ziehen. Zwei Interviews und zehn Monate später saßen die al-K.s im Flieger nach Wien.

Warum ausgerechnet seine Familie sechs der raren PlätzeDie UNO hält eine Umsiedlung von mindestens zehn Prozent der 4,8 Millionen syrischen Flüchtlinge für notwendig, die aufg rund des Bürgerkriegs in Nachbarländer geflüchtet sind (6,5 Millionen sind Binnenvertriebene im eigenen Land). Bisher haben sich laut UNHCR 30 Staaten bereit erklärt, insgesamt 162.000 Flüchtlinge via Resettlement aufzunehmen. Es fehlen demnach also mindestens 318.000 Plätze. zugesprochen bekam, weiß Mohammad nicht ganz genau. „Er hat ein schlechtes Herz“, sagt Saquer und zeigt auf ihren Mann, auf dessen Schoß die vierte Tochter Rawan sitzt, die vor sieben Monaten in Österreich zur Welt kam. „Ja, aber mein Cousin hat eine Blutkrankheit“, sagt Mohammad, „die Behandlung ist auch extrem teuer, und er wartet immer noch.“

Bei der Familie seien einige der für UNHCR relevanten KriterienUNHCR wertet folgende Personengruppen als besonders schutzbedürftig: Gefährdete Frauen und Mädchen, Überlebende von Gewalt und Folter, gefährdete ältere Flüchtlinge, Personen, denen Gefahr für Leib und Leben droht, Flüchtlinge mit medizinischen Bedürfnissen oder Behinderungen oder gefährdete Kinder und Jugendliche. Religiöse oder ethnische Zugehörigkeit spielen für das UNHCR keine Rolle. zusammengekommen, erklärt Ruth Schöffl, die Sprecherin des österreichischen UNHCR-Büros später: Der Vater habe drei Herzoperationen hinter sich, die Familie sei finanziell besonders bedürftig gewesen – und die drohende Abschiebung nach Syrien hätte aufgrund von Mohammads politischer Aktivitäten besonders gravierende Konsequenzen gehabt. Mutter und Kinder seien außerdem schwer traumatisiert gewesen, weil bei einem Bombardement der Schule neben ihrem Haus viele Kinder gestorben seien.

Die einzige Chance der Familie al-K.

Was sie gemacht hätten, wenn die Wahl auf eine andere Familie gefallen wäre? „Ich weiß nicht“, sagt Mohammad und blickt fragend zu seiner Frau. Ob sie die Flucht über das Mittelmeer in Erwägung gezogen hätten? „Nein“, sagt Saquer und zeigt auf das Zimmer, aus dem man ihre Kinder spielen hört. „Viel zu gefährlich.“

Mohammad arbeitete als Schneider, bevor er nach Österreich kam. Jetzt besucht er einen Deutschkurs. Sein ältester Sohn Abdullah (9) geht hier in die Volksschule, dessen Schwester Razan (4) in den Kindergarten. Mutter Saquer wollte sich unverschleiert nicht fotografieren lassen, die älteren Mädchen Raghad (7) und Rahaf (5) schliefen, als die Bilder aufgenommen wurden.
Credits: Elisalex Henckel

Sie hätten sich das auch gar nicht leisten können, ergänzt UNHCR-Sprecherin Schöffl später. „Sie haben in Jordanien unter dem absoluten Existenzminimum gelebt und hatten keine Verwandten, die sie unterstützen konnten.“

Damit auch Familien wie jene von Mohammad und Saquer eine Chance haben, plädiert das UNHCR schon seit langem für mehr Resettlement-Plätze und andere legale und sichere WegeAls Beispiel nennt UNHCR etwa Familienzusammenführungen, Studierendenvisa oder Arbeitsvisa. , Flüchtlinge in Europa aufzunehmen. Die jüngsten Vorschläge des Außenministers hat man aber im österreichischen Büro des Flüchtlingshilfswerks nicht nur aufgrund des Internierungsaspekts „mit Sorge“ zur Kenntnis genommen. Viele Todesopfer hätten verhindert werden können, wenn in den vergangenen Jahren nicht immer nur ein Bruchteil der eigentlich benötigten Resettlement-Plätze zur Verfügung gestellt worden wäre, sagt Ruth Schöffl. „Die Grenzen zu schließen und dann erst Überlegungen für Aufnahmeplätze anzustellen, erscheint aus Sicht des Flüchtlingsschutzes daher bedenklich.“

Nur der Kontakt zu Einheimischen fehlt

Für Mohammad und Saquer hingegen hätte die Flucht kaum besser enden können: Der neunjährige Abdullah und die sieben Jahre alte Raghad haben dank Vorbereitungen der Diakonie schon kurz nach der Ankunft einen Platz in einer Volksschule bekommen, Rahaf (5) und Razan (4) gehen in den Kindergarten, Mohammad besucht einen Deutschkurs. Saquer hat nach der Geburt von Rawan kurz ausgesetzt, will sich aber nach dem Ramadan wieder einschreiben.

Derzeit lebt die Familie von staatlichen Unterstützungsleistungen in Höhe von 2.200 Euro, aber Mohammad hofft, dass er bald wieder Arbeit findet. Wenn das AMS ihm keine anbietet, will er auf eigene Faust suchen – oder versuchen, eine Ausbildung zum Friseur zu machen, damit er irgendwann seine Familie selbst erhalten kann.

Das einzige, was sich Mohammad und Saquer noch wünschen, ist mehr Kontakt zu Österreichern. In ihrem Haus am Rande der Flüchtlingssiedlung Macondo leben vor allem andere Flüchtlinge, über die Schulen der Kinder haben sie auch noch niemanden kennengelernt, und auf der Straße Leute ansprechen, das wagt Mohammad nicht, aus Angst, sie könnten ihn für „verrückt“ halten.

Die Österreicher müssten auch gar nichts für sie tun, sagt Mohammad zum Abschied. Im Gegenteil: Er und seine Frau würden sie gerne zum Kaffee einladen. Oder am besten gleich zu einem ordentlichen Essen.


Mehr zum Thema:
Interview mit Sebastian Kurz: „Die Willkommenskultur war ein Turbo für die Schlepper“
Bernhard Schinwald: Worin Kurz irrt und worin er recht hat