Ed Bierman (CC BY 2.0)

FPÖ

Frau Winters Garten

Meinung / von Michael Fleischhacker / 02.11.2015

Erstaunt und entsetzt zugleich hat die Welt zur Kenntnis nehmen müssen, dass die FPÖ-Abgeordnete Susanne Winter möglicherweise nicht nur unintelligent, sondern auch antisemitisch gesinnt ist. Seit sie auf ihrem Facebook-Profil die einschlägige Aussage eines Users zustimmend kommentierte, steht der Verdacht im Raum, dass Frau Winter an zionistische Verschwörungen glaubt.

Wahnsinn eigentlich, oder? Eine FPÖ-Nationalratsabgeordnete! Antisemitin!

Natürlich können die investigativen Kräfte in Politik und Medien angesichts des Unerhörten nicht ruhen. Warum darf die noch Abgeordnete sein? Kann man sie nicht rauswerfen? Wann wird die FPÖ sie rauswerfen? Warum tut niemand etwas?

Die FPÖ gibt Susanne Winter bis heute Abend um 19 Uhr die Gelegenheit, selbst öffentlich ihren formalen Austritt aus der Freiheitlichen Partei und die Zurücklegung ihres Nationalratsmandates bekanntzugeben.

Es tun aber eh alle etwas. Viele fragen, warum sie noch Abgeordnete sein darf, der FPÖ-Generalsekretär schmeißt sie hochkant aus der Partei, weil es in der FPÖ keinen Platz für Antisemitismus gebe (muss ziemlich eng sein in der FPÖ), die als Parlamentspräsidentin verkleidete Parteisoldatin lässt eine Anzeige wegen was auch immer prüfen.

Gut so. Möglicherweise muss man die Parlamentsdirektion demnächst sowieso in eine Verhetzungsstaatsanwaltschaft umwandeln. Es ist ja auch der FPÖ-Abgeordnete Höbarth schon wieder auffällig geworden, der vor einem Jahr Flüchtlinge als „Erd- und Höhlenmenschen“ bezeichnet hatte. Konsequenzenlos! Jetzt hat er in Anspielung auf die Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer gepostet: „Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön.“


Credits: APA/Schlager

Gut, dass die SPÖ einen Bundesgeschäftsführer hat, der Konsequenzen zieht. „Angesichts von mehreren tausend Toten, die auf der Flucht ertrunken sind, ist es zynisch und menschenverachtend, ein Kinderlied zu zitieren, in dem sinngemäß von einer lustigen Seefahrt die Rede ist“, erklärte Schmid am Montag. Per Aussendung, natürlich. Auch gut eigentlich, dass es Aussendungen gibt, sonst könnte jeder machen, was er will. 

Mich hat der Skandal total unvorbereitet getroffen. Meine Empörungsbereitschaft war infolge überdurchschnittlich intensiver Beschäftigung mit Kindern leicht gedämpft, und so hatte ich, als mich der Skandal dann doch erreichte, eine einzige Assoziation: Winters Garten.

So heißt der aktuelle Roman der Grazer Schriftstellerin Valerie Fritsch, eine Endzeitfantasie von großer altmodisch-poetischer Kraft, in der zwei Menschen, Anton Winter und die ehemalige Soldatin Frederieke, einander kurz vor dem Ende der Welt lieben lernen. Sie kehren in jenen Garten zurück, in dem Anton seine Kindheit verbracht hat. Es war ein Ort der Sicherheit und der Selbstverständlichkeit, des Immergleichen und Immeraufregenden gewesen. Vertrautes Terrain. 

Mir scheint, dass Winters Garten auch Frau Winters Garten ist. Und der ihr in Empörung verbundenen. Dahin können alle zurückkommen, die mit den Schrecklichkeiten der Welt da draußen, mit dem Sterben und Töten, mit dem Überwältigenden und Neuen nicht zurechtkommen. Um ihre alten Verstecke unter den Brombeerhecken wieder aufzusuchen, ihre alten Spiele zu spielen, im richtigen Moment „Buh!“ zu rufen. 

Denn wenn es wirklich ungemütlich wird da draußen, tut so ein überschaubarer Schrecken manchmal richtig gut.