APA/ROLAND SCHLAGER

Fritz Neugebauer, bitte komm zurück!

Gastkommentar / von Franz Schellhorn / 15.10.2016

Bundeskanzler Kern kündigt die Erhöhung des Personalstands im öffentlichen Dienst an. Weil es dort so viel zu tun gäbe. Die offensichtlich überlasteten Beamten fordern indessen die Einführung einer 3,5-Tage-Woche. Das ist kein Witz, leider.

Große Probleme verlangen einfache Lösungen. Das hat sich vermutlich auch der neue Chef der Beamtengewerkschaft gedacht, als er gehört hat, dass die Digitalisierung Tausende von Jobs überflüssig machen könnte. Was aber nicht weiter schlimm ist, denn Norbert Schnedl (so heißt der Nachfolger von Fritz Neugebauer als Beamten-Kapo) hat einen bestechend einfachen Ausweg gefunden: Verkürzen wir doch einfach bei voll weiterlaufenden Bezügen die Arbeitswoche auf 3,5 Tage, und schon ist das Problem gelöst. „Wenn die Studien zutreffen, dass in den nächsten 15 Jahren zwischen 40 und 55 Prozent aller Jobs durch computergestützte Maschinen, Software und Roboter ersetzt werden, muss man natürlich die Arbeitszeitverkürzung ansprechen“, meint Schnedl.

Natürlich. Aber muss man unnötig Zeit verschwenden, um zu sehen, ob die Studien tatsächlich stimmen? Warum nicht gleich zur Tat schreiten? Schließlich hat Österreich eine Rekordarbeitslosigkeit zu beklagen, und was läge da näher, als noch weniger zu arbeiten und noch ein paar Jahre früher in Pension zu gehen, um mehr Menschen eine faire Chance auf Beschäftigung zu geben? Eben.

Mehr offene Stellen, mehr Arbeitslose

Unglücklicherweise ist das mit dem Verteilen von Arbeit nicht ganz so einfach, wie sich das die Damen und Herren Beamtengewerkschafter vorstellen. Weil nämlich jene Menschen, die viel arbeiten und möglicherweise ein paar Überstunden abzugeben hätten, nicht dieselben Qualifikationen haben wie jene, die verzweifelt nach Arbeit suchen. Wenn Besserqualifizierte weniger Stunden oder Tage arbeiten, bringt das Schlechterqualifizierte nicht in Beschäftigung. Ökonomen sprechen in diesen Fällen gerne von einem „Mismatch“. Seit dem Jahr 2013 steigen in Österreich sowohl die offenen Stellen als auch die Arbeitslosenzahlen. Der arbeitslose Hilfsarbeiter wird nicht mehr nachgefragt, weil die Produktion längst abgezogen ist. Gesuchte Fachkräfte werden nicht gefunden, weil zu wenige Menschen über die entsprechende Qualifikation verfügen oder nicht bereit sind, ihren Wohnsitz zu verlegen.

Schere zwischen Gut- und Schlechtqualifizierten öffnet sich

Das ist eine sehr unerfreuliche Entwicklung, die erst am Anfang steht. Mit Fortlauf der Digitalisierung wird sich die Schere zwischen Besser- und Schlechtqualifizierten weiter öffnen, viele Menschen werden schon bald unfreiwillig kürzer arbeiten – ohne Lohnausgleich. Die Beamtengewerkschaft kratzt das herzlich wenig. Der gesamte öffentliche Sektor hat sich über ein ausgeklügeltes Dienstrecht gegen die Folgen der Digitalisierung immunisiert. Einerseits wird der Automatisierung seit Jahren mit einer ausufernden Zettelwirtschaft das Handwerk gelegt, andererseits werden drohende Jobverluste mit der Unkündbarkeit der Arbeitsverträge entschärft.

Quasi zum Drüberstreuen kündigt Bundeskanzler Christian Kern die Erhöhung des Personalstandes im öffentlichen Dienst an, weil es dort so viel Arbeit gäbe, während die Standesvertreter nach einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 3,5 Tage schreien. Genial. Interessanterweise hat sich noch kein Gewerkschafter gefunden, der auf die steigende Kaufkraft der künstlich geschaffenen Jobs in der Verwaltung hingewiesen hätte. Aber das kommt bestimmt noch. Und vielleicht geht ja der Österreichische Gewerkschaftsbund voran und führt für seine Angestellten die 3,5-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich ein. Große Probleme verlangen schließlich einfache Lösungen.