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Fritz Neugebauer wird fehlen

Meinung / von Michael Fleischhacker / 07.10.2016

Neugebauer tritt als Chef der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) ab. Der Mann, der als „Der Betonierer“ bekannt war und sich als fleischgewordene Reformverweigerung den Status einer politischen Ikone erarbeitet hat, legt mit 72 Jahren sein letztes politisches Amt zurück.

Dann kann’s ja jetzt wieder bergauf gehen mit Österreich, oder? So ungefähr sieht das zumindest der durchschnittliche Politikauskenner in Österreich. Man muss weder von der Mechanik der Macht noch von der Architektur der Institutionen verstehen oder gar vom Wesen der Bildung, um zu wissen: Der Neugebauer war’s. Der dicke Betonmischer ist dafür verantwortlich, dass unsere Kinder nix mehr lernen. Weil der dicke Neugebauer die Faulheit der Lehrer und die Gymnasien der Reichen beschützt wie der heilige Antonius die Kaufleute und die Diebe.

Fritz Neugebauer, nur damit das im allgemeinen Triumphgeheul der Schreibstubenreformolympioniken auch mal gesagt wird, war einer der interessanteren Menschen, denen man im Politbetrieb der vergangenen Jahrzehnte begegnen konnte. Und er war vermutlich der effizienteste Interessenvertreter, die das Land je gesehen hat. Dass diese effiziente Form der Interessenvertretung allein oder hauptsächlich für den eher untermittelmäßigen Zustand des österreichischen Bildungssystems verantwortlich wäre, ist einer der hartnäckigen Mythen der österreichischen Innenpolitik.

Der Koloss von Gehtnix

Mythen dienen seit jeher dazu, das Unerklärlich-Außerweltliche auf eine Weise in Worte und Bilder zu gießen, die seine Integration in den menschlichen Alltag erleichtern. So ist es auch mit dem Mythos von Neugebauer: Wenn dieser Koloss von Gehtnix nicht wäre, würde niemand mehr eine Erklärung dafür haben, dass das österreichische Schulsystem eine krude Mischung aus habsburgischem Untertanenproduktionsprogramm und zu schnell verstandenem 68er-Geist repräsentiert, das den wesentlichen Zweck von Bildung schon in der Grundanlage verfehlt: Möglichkeiten zur Entfaltung der Eigenständigkeit zu schaffen. Ideologisch motivierter Zentralismus auf der einen Seite und operettenföderalistisch motivierte Zentrifugalkräfte auf der anderen sorgen dafür, dass niemand auf die Idee kommt, sich um die zu kümmern, um die es geht: die Schüler.

Ja, Fritz Neugebauer hat sich auch nicht um die Schüler geschert, sondern nur um „seine“ Lehrer. Das war sein Job. Und ja, die Gewerkschaft hat in der österreichischen Schulpolitik viel zu viel Gewicht. Das aber Fritz Neugebauer zum Vorwurf zu machen, wäre gerade so, als wollte man von Usain Bolt einen mehrmonatigen Trainigsverzicht verlangen, damit mehr Gerechtigkeit herrscht im 100-Meter-Lauf. Was kann Fritz Neugebauer dafür, dass die Parteichefs, die er verbraucht hat, und die Minister, die allesamt Lücken hinterlassen haben, die sie prachtvoll ersetzen, weder Plan noch Macht noch Rückgrat hatten?

Er wird den Gegnern fehlen

Fritz Neugebauer wird fehlen in der österreichischen Bildungspolitik. Vor allem seinen angeblichen oder tatsächlichen Gegnern: Die müssen jetzt plötzlich erklären, warum noch immer nichts geht, obwohl der Koloss von Gehtnix verschwunden ist. Und sie müssen damit rechnen, dass ihr kleines schmutziges Geheimnis ans Licht kommt: Es sollte eh nix gehen, es war nur sehr bequem, dafür nicht selber verantwortlich zu sein.

Denn der Vorwurf, es gehe nicht um die Kinder und deren Vorbereitung aufs Leben, trifft nicht nur Fritz Neugebauer und seine Lehrergewerkschafter. Die österreichische Schulpolitik ist zur ideologischen Bedürfnisanstalt verkommen, in der sich verträumte Althippies neben preußisch inspirierten Neurechten erleichtern. Herr Neugebauer war in dieser Bedüfnisanstalt für die Diskretion zuständig, gewissermaßen der pragmatische Türsteher vor dem etwas heruntergekommenen Weltanschauungsklo.

Wie gesagt: Er wird fehlen.