APA/HERBERT NEUBAUER

Gerechtigkeit für Werner Faymann

von Michael Fleischhacker / 28.11.2014

Dieser Tage konnte man im Leitartikel einer angesehenen österreichischen Tageszeitung lesen, dass sich die interessierte Öffentlichkeit von der Sozialdemokratie im Allgemeinen und ihrem Vorsitzenden im Speziellen „Antworten auf die großen Fragen der Gegenwart“ erwarte.

Ehrlich: Nein.

Wahrscheinlich ist es eher so: Jene Teile der Öffentlichkeit, die mit der Sozialdemokratie im Allgemeinen und ihrem Vorsitzenden im Besonderen sympathisieren, erwarten sich von Herrn Faymann wochentags den sozialdemokratischen Machterhalt und sonntags den sozialdemokratischen Werterhalt. Alle anderen erwarten sich ungefähr nichts, was weniger mit der Sozialdemokratie im Allgemeinen als mit ihrem Vorsitzenden im Besonderen zu tun hat.

Als einer der Gründe dafür, dass der nun auch schon wieder eine Weile amtierende Bundeskanzler derzeit eher als Verlierer durch die Gegend wankt, wird angegeben, dass ihm mit seinem neuen Vizekanzler ein übermächtiger Gegner zugewachsen sei. Das lasse sich auch daran erkennen, dass in den Meinungsumfragen sowohl Reinhold Mitterlehner in der Kanzlerdirektwahlfrage als auch die ÖVP in der Sonntagsfrage voran liege, letztere um beeindruckende vier Prozent.

Gerechtigkeit für Werner Faymann: Sieg und Niederlage im demoskopischen Bullshit-Bingo liegen ungefähr gleich knapp beieinander wie die Qualifikationen und Qualitäten der beiden Regierungsspitzen. Man möchte nämlich auch von Herrn Mitterlehner keine Antworten auf die großen Fragen der Gegenwart hören. Da trifft es sich gut, dass der neue ÖVP-Chef, wie seine Rede auf dem Wahlparteitag gezeigt hat, auch nicht im Traum daran denkt, solche Fragen überhaupt zu stellen.

Was die Parteitagsreden der beiden Vorsitzenden betrifft, muss wohl angemerkt werden, dass Herrn Mitterlehners Pennälerwitzigkeit bei seinen Zuhörern deutlich besser angekommen sein dürfte als die Klassenkämpferwehleidigkeit des Kanzlers bei den Seinen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird man das auch an unterschiedlichen Zustimmungsraten ablesen können.

Das war’s dann auch. Die Karawane zieht weiter.

Bestünde unser Problem darin, dass unsere Regierenden uns für die ungelösten Probleme der Gegenwart keine Lösungen anbieten können, wir wären glückliche Bürger. Dann wüssten sie nur nicht, was tun. Sie tun aber nicht, was sie wissen, und das sollte man ihnen nicht verzeihen.