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Gott und Österreich

von Moritz Moser / 18.09.2016

In seinem Namen hat Österreich Kriege geführt und Verfassungen verkündet. Gott war jahrhundertelang ein fixer Bezugspunkt der heimischen Politik, mittlerweile hat er sich auf sein Altenteil zurückgezogen.

Im Namen Gottes zieht Österreich seit jeher in den Untergang. Franz Joseph führte sein Reich im vollen Bewusstsein seiner „Verantwortung vor dem Allmächtigen“ in den Ersten Weltkrieg, Dollfuß legitimierte seinen Putsch „im Namen Gottes des Allmächtigen“, für Hitler gelang es den Anschluss nur „mit Gottes Hilfe herbeizuführen“.

Gott ist mit den Siegern

In den Stunden der Niederlage ließ man den Allerhöchsten freilich außen vor. „Der Herr ist ein Krieger“, heißt es bei Mose. Aber der Herr verliert nicht gern. Eine alte Faustregel besagt: Wer im Namen Gottes kämpft und unterliegt, den hat der Allmächtige offenbar verlassen.

Es war Mein sehnlichster Wunsch, die Jahre, die Mir durch Gottes Gnade noch beschieden sind, Werken des Friedens zu weihen und Meine Völker vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges zu bewahren. Im Rate der Vorsehung ward es anders beschlossen.

Kaiser Franz Joseph in seiner Kriegserklärung an Serbien

Kriege werden im Namen Gottes begonnen und geführt, aber im Namen der Politik beendet. Sowohl der Regierungsverzicht Kaiser Karls als auch die Unabhängigkeitserklärung 1945 kommen ohne religiöse Bezugnahmen aus. Gott und der Staat pflegen eine Schönwetterfreundschaft.

Österreichs Name ist dennoch von Beginn an mit jenem Gottes verbunden – und mit jenem Gottschalks. So heißt der Bischof von Freising, dem Otto III. 996 ein Stück Land bei Neuhofen an der Ybbs schenkt, in der Gegend, die im Volksmund „Ostarrichi“ heißt.

Schon die erste Erwähnung des Landesnamens spielt sich zwischen Kaiser und Kirche, weltlicher und geistlicher Herrschaft ab. Das Verhältnis bleibt lange ein inniges. Leopold, der dritte Babenberger-Herzog dieses Namens, wird sogar heiliggesprochen und zum österreichischen Landespatron. Er löst damit den heiligen Koloman ab, der vermutlich als irischer Wandermönch durch Österreich gezogen und von den Einheimischen aus Misstrauen gelyncht worden war.

Der Katholizismus findet schließlich in den Habsburgern einen ebenso loyalen Verbündeten wie diese in ihm. Ausdruck dieser Verbindung von Kirche und Staatsgewalt ist nicht zuletzt Haydns „Gott erhalte“. Die Fronleichnamsprozession des Klerus und der Staatsspitze bleibt bis zum Ende der Monarchie ein jährlicher Höhepunkt der Einheit von Staat und Kirche.

Der Gott der anderen

Das Verhältnis von Rom und Wien trübt sich zwar immer wieder, dafür aber nur kurzzeitig ein: Joseph II. nimmt umfassende Klosterauflösungen und Enteignungen vor und lässt sich davon auch nicht vom eigens angereisten Papst abbringen. Franz Joseph kündigt nach dem Ersten Vaticanum 1870 das Konkordat mit dem Heiligen Stuhl auf: Der nun unfehlbare Papst sei eine andere Vertragspartei.

Wenn Personen, die der Mahomedanischen Religion zugethan sind, als Parteyen bey Oesterreichischen Gerichtsbehörden einen Eid ablegen sollen; so hat ihnen der Richter vor Allem die Wichtigkeit dieser Handlung, die Allwissenheit Gottes, bey dem sie den Eid schwören sollen, und die Strafe des falschen Eides zu Gemüth zu führen.

Das Verhältnis des Staates zu den übrigen Religionsgesellschaften entspannte sich sukzessive. Die Protestanten erhalten zunächst das Recht zum Kirchen-, dann zum Kirchturmbau.

Österreich hat sich in den Jahrhunderten zuvor keinen Gefallen mit der Vertreibung von Evangelischen getan. Mit ihnen verlassen nicht nur fähige Leute, sondern auch potenzielle Gegner das Land. Die Großmutter Otto von Bismarcks wird aus Vorarlberg vertrieben.

Doch die religiöse Toleranz wächst, obwohl der Katholizismus bis 1918 Staatsreligion bleibt. Die zweitälteste noch gültige österreichische Rechtsvorschrift befasst sich mit den Mennoniten, die aus religiösen Gründen keinen Eid leisten dürfen. Auf Anfrage des gallizischen Appellationsgerichts gibt der Wiener Hof 1816 die Devise aus, religiösen Minderheiten „die mit ihren Religions-Grundsätzen nicht vereinbarliche Eidesablegung nicht aufzudringen“.

Gott versteht auch Türkisch

Muslime dürfen seit 1826 vor österreichischen Gerichten auf Türkisch und Arabisch schwören. 1912 wird der Islam vom Staat als Religion anerkannt. Die Juden haben 1867 die vollen Bürgerrechte erhalten. Als 1914 der große Weltenbrand ausbricht, ziehen daher die verschiedenen Konfessionen für jeweils ihren Gott wie für den gemeinsamen Kaiser und das Vaterland in den Krieg.

Gott erhalte unsern Renner, Gott erhalte unsern Seitz, und erhalt – man kann nie wissen, auch den Kaiser in der Schweiz.

Spottgedicht zum Ende der Monarchie, Kaiser Karl ging zunächst ins Schweizer Exil

Kriegsende und Untergang der Monarchie zerstören die bisher gelebte Dichotomie aus Staat und Religion. Auch wenn der Wiener Kardinal Piffl seinen Klerus sofort anweist, „die Gläubigen zur unbedingten Treue gegenüber dem neuen rechtmäßig bestehenden Staat Deutschösterreich zu ermahnen“, wird die katholische Kirche in den Rang der übrigen Religionsgemeinschaften zurückgestuft.

Gott bleibt aber ein Vertrauter der Politik. Nun erhält er allerdings nicht mehr den Kaiser, sondern wird hymnisch um breiteren Beistand gebeten: „Gott mit dir, mein Österreich“, singt man in der Ersten Republik. Doch die Sozialdemokratie ist damit nicht glücklich. Vom fixen Partner des Herrscherhauses wird Gott zum Statisten im sich aufschaukelnden Konflikt zwischen Rechts und Links.

Im Namen des Allmächtigen

Die Christlichsozialen blockieren die Zivilehe, die Sozialdemokratie ruft zum Kirchenaustritt auf. Nicht zuletzt wird der christliche Ständestaat ein rechtes Gegenmodell zur zunehmend nur noch von der Linken getragenen säkularen Republik.

So verabschiede ich mich in dieser Stunde von dem österreichischen Volke mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze Österreich!

Kurt Schuschnigg am 11. März 1938

Im Korneuburger Eid legten die Heimwehren ihre faschistoiden Grundprinzipien fest. Jeder Kamerad habe drei Gewalten zu kennen: „den Gottglauben, seinen eigenen harten Willen und das Wort seiner Führer“.

Gott, „von dem alles Recht ausgeht“, muss schließlich auch für die Ausschaltung der Demokratie herhalten, rettet aber weder Dollfuß noch den von ihm proklamierten und von der Kirche massiv unterstützten Ständestaat. Als die deutsche Wehrmacht die Grenzen überschritt, verabschiedet sich Kanzler Schuschnigg kampflos, aber mit dem „Herzenswunsch: Gott schütze Österreich!“

Die österreichischen Bischöfe brauchen nicht lange, um den Anschluss zu begrüßen. Das heimische Episkopat zeigt sich überzeugt, „dass durch das Wirken der nationalsozialistischen Bewegung die Gefahr des alles zerstörenden gottlosen Bolschewismus abgewehrt wurde.“ Kardinal Theodor Innitzer unterschreibt mit „Heil Hitler“.

Der Gott der Strafprozessordnung

Der NS-Staat geht unter und Gott tritt zusammen mit anderen ideologischen Superlativen für einige Zeit in den Hintergrund. Leopold Figl verkündet am 21. Dezember in seiner ersten Ansprache als frisch ernannter Bundeskanzler vor dem Nationalrat, er empfinde es als seine „heilige Pflicht“, den Alliierten für die Befreiung zu danken. Gott selbst bleibt in der Rede unerwähnt, Figl befindet sich in Koalition mit der SPÖ und den Kommunisten.

Ich bin kein Bischof der ÖVP, und kein Bischof der SPÖ, kein Bischof der Unternehmer und auch keiner der Gewerkschafter, kein Bischof der Bauern und auch nicht der Städter, ich bin der Bischof aller Katholiken.

Franz Kardinal König

Die Zweite Republik geht mit ihrer Beschwörung des Allerhöchsten sparsamer um. Nur in den Lehrplänen und Gerichtseiden bleibt er präsent. Allein in der Strafprozessordnung kommt Gott noch siebenmal vor. So legen die Geschworenen den Eid ab, „so zu entscheiden, wie Sie es vor Gott und Ihrem Gewissen verantworten können.“

Das Verhältnis von Kirche und Staat hat sich indes entspannt, auch wenn die katholischen Einrichtungen nach wie vor Sonderrechte aufgrund des Konkordats genießen. Gott selbst hat sich ins Private zurückgezogen und überlässt dem „Kaiser, was des Kaisers ist“. Nur für Bedienstete der Wertpapieranmeldestelle macht er noch eine Ausnahme, sie beschwören nach wie vor seinen Namen:

„Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden einen Eid, daß ich im Wertpapierbereinigungsverfahren nach bestem Wissen und Gewissen gemäß dem Gesetze handeln werde. So wahr mir Gott helfe.“