flickr / khan

Muslime als Zielgruppe

Halal-Zertifikate, das Geschäft mit dem Glauben

von Julia Herrnböck / 07.12.2015

Der Handel mit Halal-Produkten ist ein weltweites Millionengeschäft. Glaubensverbände und Vertreter der Wirtschaftskammer wetteifern um die Vorherrschaft in der Halal-Zertifizierung – dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um die Frage, ob islamische Vorschriften mit europäischen Grundrechten vereinbar sind.

Ähnlich wie die Bezeichnung „Bio“ oder „Fair Trade“ ist „Halal“ ein Etikett, das sich wunderbar in der Werbung einsetzen lässt. Nur dass der Markt für Letzteres wesentlich größer ist als für Tofulaibchen: Derzeit leben in Österreich geschätzte 500.000 Muslime, europaweit sind es etwa 45 Millionen, weltweit mindestens 1,7 Milliarden Menschen. Für die Wirtschaft ist das Halal-Label keine Glaubensfrage, sondern ein Marketinginstrument.

Zusammengefasst ist halal („rein“) alles, was den Vorschriften im Islam entspricht. Verboten ist etwa der Genuss von Schweinefleisch, verendetem Tier, Alkohol und „alles, worüber ein anderer Name als Allahs gerufen wurde“. So steht es im Koran, Sure 5, Vers 3. Über die Auslegung im Alltag wird viel diskutiert.

Dank gut finanzierter Vereine wird die Gruppe konservativer Muslime auch im Ausland immer stärker. Und ein guter Muslim isst halal, das ist die Botschaft. Die Palette, was alles als halal bezeichnet werden kann, reicht von Kosmetik bis zu Islamic Banking. Sogar Dienstleistungen fallen darunter. Allein in Deutschland beträgt die Kaufkraft türkischer Migranten für Lebensmittel 18 bis 20 Milliarden Euro im Jahr.

Ausgehend von den arabischen Emiraten, der Türkei und von Malaysia hat sich in den vergangenen zehn Jahren ein weltweites Netzwerk von Firmen und Verbänden etabliert, die mit Halal-Zertifikaten handeln. Will ein Unternehmen damit werben, dass seine Produkte den islamischen Lehren entsprechen, muss es für die Prüfung und den Stempel zahlen – und zwar jedes Jahr aufs Neue.

Glaubensgemeinschaften sind steuerbefreit

In Österreich kämpfen seit einigen Jahren zwei Anbieter um die Marktherrschaft: die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) und das Islamische Informations- und Dokumentationszentrum Österreich GmbH (IIDZ). Im Kern geht es um die Frage, ob die Zertifizierung ein Gewerbe ist oder nicht. Nein, meint die IGiÖ, es handle sich um ein religiöses Gutachten, eine sogenannte Fatwa. Es ist ein Gewerbe wie jedes andere, und dafür müsse ein Gewerbeschein gelöst werden, sagt wiederum das IIDZ mit Unterstützung der Wirtschaftskammer.

Bei koscheren Produkten für strenggläubige Juden ist es das Gleiche: Die Zertifikate werden von Rabbinaten vergeben, mehrere hundert Millionen Euro werden laut dem israelischen Rechnungshof damit umgesetzt, auch von Schwarzgeld ist die Rede. In Österreich gilt die Kontrolle koscherer Produkte als Religionsausübung und zählt somit zu den freien Gewerben – die Einnahmen müssen nicht versteuert werden. Warum sollte das für Muslime anders sein.

Das IIDZ ist die einzige Stelle, die von der Wirtschaftskammer empfohlen wird. Chef ist Günther Ahmed Rusznak. Ganz wohl sei ihm nicht dabei, über die Details seines Geschäfts zu sprechen, wehrt er anfangs ab. Wer sich in Österreich für islamische Produkte öffnet, dem widerfahre nichts Gutes. Die Spar-GruppeEs war nicht der erste Versuch des Lebensmittel-Riesens, sich ein Stück vom Halal-Kuchen zu sichern. 2013 brachte eine zertifizierte Wurst die Kunden in Rage und Spar unter Zugzwang. Auch damals zog die Handelskette zurück. Etwas Durchhaltevermögen gehört schon dazu; das haben auch Merkur und NÖM gelernt, die der Entrüstung mit sachlicher Kommunikation entgegengetreten sind. Seit einigen Jahren führen sie nun Produkte für Migranten und Muslime. Die Geschichte lehrt: Die Aufregung geht vorbei. hat es gerade eben demonstriert: Erst wurde sie angegriffen, weil sie Halal-Fleisch ins Sortiment nahm und danach, weil sie es wieder zurückgezogen hat. „Die Anfeindungen waren weit unter die Gürtellinie“, schreibt Rusznak in einem Mail.

Drohungen wegen Halal-Seminar

Dass die öffentliche Anerkennung neuer Kundschaft kein leichtes Unterfangen ist, hat auch Josef Domschitz vom Fachverband der Nahrungs- und Genussmittelindustrie in der Wirtschaftskammer erlebt. 2013 organisierte er für Mitglieder ein Seminar zu dem Thema, Rusznak vom IIDZ habe den Anstoß dazu gegeben.

Die Drohungen im Vorfeld seien so heftig gewesen, dass er sich sogar mit einem Ex-Mitarbeiter der Kobra über Fluchtwege beraten habe, sagt Domschitz. Der erste Versuch endete mit strengen Sicherheitsvorkehrungen und Personenkontrollen am Eingang. Die Diskussion gehe in die komplett falsche Richtung. „Es ist nichts Schlechtes an den Produkten, und in anderen Ländern ist das ganz normal. Nur Österreich ist noch nicht so weit“, beklagt er.

Die Unternehmen offensichtlich schon: Rund 100 heimische Firmen haben laut Domschitz Halal-Zertifikate beantragt, vor allem für den Export. Welche das sind, will Domschitz nicht sagen, aber von Energydrinks bis Waffeln sei alles dabei. Domschitz schicke interessierte Mitglieder immer nur zu Rusznak, sagt er.


Credits: Flickr / Bradford

Doch auf der Website der Islamischen Glaubensgemeinschaft steht „Nur befugte Aufsichtsorgane der IGGiÖ kontrollieren die Schächtungs- und Verarbeitungsvorgänge vorschriftgemäß an Ort und Stelle und stellen aufgrund dessen adäquater [sic] (Halal-Zertifikate) aus“, unterzeichnet von Präsident Fuat Sanaç. „Wir sind die offizielle Stelle“, sagt Noureddine Boufalgha vom IGGiÖ.

Im Netz gibt es keine Informationen darüber, wie viel eine Zertifizierung kostet. Domschitz sagt, er könne die Frage nicht beantworten. Rusznak vom IIDZ will sich nicht festlegen, das hänge von der Art der Produkte ab. Die Prüfung eines Energydrinks mache 700 bis 800 Euro im Jahr aus, für andere Waren müssten Firmen auch „einige tausend Euro bezahlen“, lässt er sich schlussendlich entlocken.

Boufalgha spricht von 1.500 bis 2.000 Euro pro Jahr. Es gehe der IGGiÖ nicht ums Geld, sondern um den Glauben, betont er. Die Ausführung der religiösen Tätigkeit ist im Bundes-Verfassungsgesetz geregelt. Somit zahlt die IGGiÖ keine Abgaben für die Umsätze.

Das erzürnt nicht nur die Wirtschaftskammer, sondern auch die FPÖ. Im September stellten zwei Nationalratsabgeordnete eine Anfrage an das Außenministerium. Der österreichischen Wirtschaft entgehe viel Geld, außerdem trage die Anerkennung religiöser Rechtsgutachten (Fatwas) zur Islamisierung bei.

Angst vor schleichender Islamisierung

Mit dem Argument, die Scharia als Basis islamischer Vorschriften sei mit europäischen Grundrechten nicht zu vereinbaren, versucht auch das österreichische Normungsinstitut (ASI) eine „technische“ Norm für Halal-Zertifizierungen durchzusetzen. Im Grunde genommen warnt ASI vor dem Einzug des politischen Islam in der europäischen Wirtschaft, sollte die Zertifizierung religiöse Angelegenheit bleiben.

„Islamische Verbände berufen sich auf innerreligiöse Angelegenheiten, aber über die Hintertüre der Halal-Zertifizierung geht es ihnen um die Islamisierung der europäischen Rechtsordnung“, ist Gebhard Fidler überzeugt. Er ist Präsident des Vereins zur Förderung der Völkerverständigung und mischt auch bei der Wirtschaftskammer und beim ASI mit.

Erste Stufe seien Lebensmittel, im zweiten Schritt gehe es schon um die Kontrolle der Finanzwirtschaft in Form von Islamic Banking, ist Fidler überzeugt. Seit Jahren warnt er vor dem Einfluss Saudi-Arabiens über den verlängerten Arm der Türkei. Dutzende Mails habe er deswegen schon geschickt, unter anderem an das Außenministerium, den Bundesrat, die Wirtschaftskammer, die EU-Kommission und sogar an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Niemand verstehe die Bedrohung, meint er.

Bei den Meetings von CEN, dem europäischen Normungsinstitut, wird hinter den Kulissen heftig darüber gestritten, wie die Halal-Wirtschaft nach westlichen Maßstäben etabliert werden kann. Und auch innerhalb der Wirtschaftskammer fliegen wegen dieses Themas richtiggehend die Fetzen, erzählen Mitglieder. Die Entscheidung, wer in Zukunft nach welcher Norm Halal-Zertifikate ausstellen darf, wird jedenfalls so schnell nicht fallen.

Lesen Sie mehr: Türkisches Roulette in der Wirtschaftskammer
Kommentar zu Aufregung um Spar: Kulturkampf im Kühlregal