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Politische Intrige

House of Kern

Meinung / von Georg Renner / 13.05.2016

Einer der ersten, mit dem ich darüber geredet habe, war Christian Kern. Und wir sind seit einem Jahr in Diskussion darüber. Wir hatten beide eine Rolle zu spielen. Wir waren uns beide einig, dass diese Veränderung für das Land und für die SPÖ notwendig ist.

Was für ein abstruses Szenario: Ein international erfolgreicher Medienmanager und der Chef der Staatsbahn – beide angesichts ihrer kolportierten Gagen in diversen Managementjobs wohl längst Millionäre – verschwören sich bei einem klandestinen Treffen: Der amtierende Bundeskanzler und Parteichef der beiden Polit-Veteranen muss weg. Ein Jahr lang intrigieren sie, säen in Interviews Zweifel an ihrem Ziel, schmieden Allianzen mit Genossen – und schließlich gelingt das Stück, der Mann tritt zurück.

Das ist keiner der aktuellen Plots der Underwoods oder Urquharts, der Lannisters oder Littlefingers der fiktiven Welt, sondern genau das, was sich derzeit auf der österreichischen innenpolitischen Bühne abspielt – zumindest, wenn man einem der mutmaßlichen Akteure des Dramas glaubt, Turner-Manager Gerhard Zeiler. Der, selbst bis gestern als möglicher Faymann-Nachfolger gehandelt, plauderte, nachdem bekannt wurde, dass ÖBB-Chef Christian Kern den Job an SPÖ- und Regierungsspitze bekommen sollte, in mehreren Interviews – Presse, Kurier und ZiB2 – aus seinem politischen Nähkästchen: Es hätte einen großen Plan gegeben, Werner Faymann loszuwerden, einen Pakt zwischen Zeiler und Kern, geschlossen vor einem Jahr.

Das Zeiler-Interview in der ZiB2 hat neuwal.com zur Nachlese transkribiert

Zeiler kommt im Krieg, Kern im Frieden

Soweit das aus Zeilers Aussagen hervorgeht – Kern hat sich noch nicht geäußert, seit er als Kanzlerkandidat gehandelt wird –, hatten die beiden Manager eine klare Rollenverteilung: Beide würden auf eine Ablöse des Kanzlers hinwirken. Sollte Faymann sich noch einmal einem Parteitag stellen wollen, würde Zeiler, der in Österreich nichts zu verlieren hätte, sich ihm in einer Kampfabstimmung stellen. Sollte er „freiwillig“ abtreten, würde ihm Kern nachfolgen.

Christian Kern und ich waren uns da einig. Und je nach Situation tritt der eine nach vorne oder der andere nach vorne. (…) Ich wäre – wäre am Parteitag noch einmal Werner Faymann angetreten – als Gegenkandidat aufgetreten.

Jetzt gibt es zwei Arten, wie man das interpretieren kann: Man kann sich einreden, dass Zeiler, nun ja, ein wenig lügt, um seine Niederlage im Kampf um die Kanzlerschaft schönzureden. Also erfindet er eine Räuberpistole, die das ganze wie einen großen Plan aussehen lässt, an dessen Ende er sich edelmütig zurückzieht und seinem Mitstreiter den Thron überlässt. Das ist die beruhigendere Variante.

Oder man glaubt Zeilers Version der Dinge – dann wird es allerdings Zeit, zu akzeptieren, dass manche der Manöver in House of Cards vielleicht doch nicht so absurd und überzeichnet sind, wie man sich das als normaler Bürger vielleicht einreden würde.

Freundschaft

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie das vergangene Jahr in diesem Fall gelaufen sein könnte: Zeiler, der mit einem provokanten Interview die Initialzündung gibt. Der dann, aus seiner Zeit als ORF-General noch bestens vernetzt in der heimischen Medienszene, aus den Kulissen immer wieder Interna über die schlechte Stimmung in der Partei nach außen spielt. Der dann, wenn es brenzlig wird, SP-Landespolitiker, die einst über Faymanns Wohl und Wehe entscheiden werden, zu einem schnellen Treffen nach London fliegen lässt.

Parallel dazu sammelt Kern, der es als Bahnchef – Herr über Infrastrukturmilliarden und fast 40.000 Mitarbeiter – leicht hat, sich Freunde zu machen, Verbündete im ganzen Land. Einmal Lächeln mit dem Landeshauptmann für die Regionalzeitung hier, ein bisschen Werbung für einen Parteifreund im Wahlkampf da – das kostet nichts, aber schadet sicher nicht, wenn die Herren dann entscheiden, ob es nicht an der Zeit wäre, für einen neuen Parteichef zu sorgen.

Heiligt der Zweck die Mittel?

Natürlich ist nichts davon, wenn es sich wirklich so abgespielt hat, verboten – und diese Zeitung ist die letzte, die die Demontage Werner Faymanns übermäßig beweinen würde; der Kurs stimmt, sozusagen.

Aber ob es viel mit Demokratie und Transparenz zu tun hat, wenn zwei einflussreiche Millionäre sich verschwören, dass der Kanzler weg muss – und das dann auch gelingt –, muss man dann doch hinterfragen. Und überlegen, was da an großen Plänen hinter den Kulissen noch so laufen könnte.