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Sanktionen fallen

Im Rennen um das Geschäft in Teheran

von Christoph Zotter / 19.01.2016

Der Iran darf wieder frei handeln, viele österreichische Firmen wollen auch dabei sein. Geht es nach der Teilnehmerliste der letzten Wirtschaftsdelegation, drängen vor allem Industrie- und Technikunternehmen nach Teheran.

Es war schon Nacht, aber in der UNO-City brannten noch die Lichter. Den ganzen Samstag hatten die Journalisten aus aller Welt vergeblich auf den schlichten Gängen gewartet, bis etwas passiert. Kurz vor zehn Uhr war es dann so weit. In Wien wurde verkündet, dass fast alle Sanktionen gegen den Iran fallen.

Es ist ein historischer Vertrag, der ab dem 16. Jänner umgesetzt wird. Darin verzichtet die iranische Regierung auf ein militärisches Atomprogramm. Dafür werden die rund 75 Millionen Iraner schrittweise wieder in den Weltmarkt integriert. Davon sollen auch die Österreicher etwas haben.

US-Außenminister John Kerry am Samstag im Palais Coburg.
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Denn der von den Iranern herbeigesehnte Deal ist nun mit dem Namen Wien verwoben. Wochenlang hatten Diplomatenteams im Sommer auf den dicken Samtpolstern des Palais Coburg verhandelt. Außenminister Sebastian Kurz reichte Eis, die Bordelle der Stadt freuten sich über hohe Umsätze. Am Ende unterschrieb US-Außenminister John Kerry die letzten Papiere auf einem gediegenen Konferenztisch aus dem 19. Jahrhundert, hinter ihm prangte ein Porträt von Leopold I. von Belgien, einem Prinzen von Sachsen-Coburg-Saalfeld.

Alter Kitsch, neues Geschäft

So diente der imperiale Kitsch von einst wieder einmal als Hintergrund für die harte Weltpolitik. Für ein paar österreichische Unternehmen bedeutete er aber auch einen Frühstart im Rennen um die lukrativsten Geschäfte. Als eine der ersten westlichen Regierungen durfte Wien bereits im September eine Wirtschaftsdelegation nach Teheran schicken, angeblich die größte aller Zeiten. Zwei Flugzeuge wurden gefüllt, 224 Namen standen auf der Teilnehmerliste.

Darunter ein paar Vertrauensmänner der großen Staatsbetriebe wie OMV oder Post, der Wasserkraftturbinenbauer Andritz und der Gesundheitsriese VAMED. Aber auch mittlere und kleinere Unternehmen kauften sich ein Ticket – vom Zillertaler Elektriker über den Energy-Drink-Hersteller bis zum in der Wiener Provinzpolitik bestens vernetzten Teppichhändler Ali Rahimi.

Wo der Schwerpunkt liegt, ist klar: Industrieanlagen, Infrastruktur, Maschinenbau, Zulieferer und Autos. Auf der Liste steht der Liftbauriese Doppelmayr genauso wie die Leitsystemfirma der Tiroler Wirtschaftsdynastie Swarovski. Die Wirtschaftskammer sucht bereits Firmen aus dem steirischen Industriecluster, die bei einer zweiten Reise Ende Jänner den Fuß in die Tür bekommen wollen. Die Konkurrenz ist hart: Noch am Samstag flogen Manager der Weltkonzerne Total und Shell für exklusive Gespräche nach Teheran. Der iranische Transportminister will gleich 114 Flugzeuge des europäischen Airbus kaufen.

Da kann der österreichische Spartenanbieter Diamond Aircraft nur auf kleinere Aufträge hoffen. Auch die OMV wird wohl eher versuchen, die veralteten iranischen Ölpumpen und Raffinerien auf den State of the Art hochzurüsten. Für die ganz großen Geschäfte dürfte sie eine Nummer zu klein sein.

Teheran gewinnt an Momentum

Der Zeitpunkt, an dem das alles passiert, ist brisant. Der Iran mischt bei den Kriegen in Syrien, im Irak und wohl auch im Jemen mit. Noch dazu unterstützt der Gottesstaat die terroristischen Milizen der Hisbollah im Libanon. Durch die erwarteten Millionengeschäfte könnte das mehrheitlich schiitische Land im sich seit Jahren ausbreitenden Chaos auf der Arabischen Halbinsel entscheidend an Momentum gewinnen.

Das wiederum stört vor allem Saudi-Arabien, das mit dem Iran im Clinch liegt. Der US-Verbündete Nummer eins könnte viel Geld verlieren, wenn die iranischen Öl- und Gasreserven mit modernen Geräten aufgerüstet werden. Aus österreichischer Sicht würde das heißen, dass Teheran mit Riad gleichzieht, durch die geschäftliche Brille gesehen zumindest. Die Nachrichtenagentur APA berichtete, dass sich der österreichische Handel mit dem Iran vervierfachen könnte.