Lilly Panholzer

Extremismus-Prävention

Im Schatten der Muslimbruderschaft

von Elisalex Henckel / 28.10.2015

Kämpft die Regierung ausgerechnet mit Islamisten gegen Dschihadisten? Es spricht einiges dafür. Jedenfalls arbeiten für die vom Familienministerium finanzierte Beratungsstelle Extremismus mindestens vier ehemalige Führungspersönlichkeiten der Muslimischen Jugend Österreich – obwohl die Organisation organisatorische, ideologische und persönliche Verbindungen zur Muslimbruderschaft hat.

Amani Abuzahra ist vermutlich eine kluge, jedenfalls eine sehr eloquente Frau. Sie tritt oft im Fernsehen auf, trägt dabei gerne Trachtenjanker zum Kopftuch und äußert sich zu vielen großen Fragen – dem Islam, der Integration, der Identität. Letzerem Thema hat sie nicht nur ein Buch gewidmet, sie hat auch in zahlreichen Zeitungsartikeln und Fernsehbeiträgen über sich selbst erzählt.

Die 32-Jährige ist Österreicherin mit palästinensischen Wurzeln, erfährt man zum Beispiel in einem ausführlichen Porträt der ORF-Reihe Orientierung, Mutter zweier Kinder, Philosophin, Dozentin und Mitglied des Obersten Rates der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ).

Zu den vielen Feldern, die Abuzahra bestellt, gehört auch der Kampf gegen den Extremismus. Auf Vermittlung der gleichnamigen Beratungsstelle, auch bekannt als „Deradikalisierungshotline“, hat Amani Abuzahra Anfang Oktober etwa bei einer Fachtagung der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich zum Thema Radikalismus einen Vortrag gehaltenDer vollständige Titel Tagung der niederösterreichischen Fachstelle für Gewaltprävention lautete „Radikalismus – Extremismus – Rassismus“, jener von Abuzahras Workshop: „Kulturelle und religiöse Diversität – konstruktiver Umgang mit Unterschieden“. .

Einen zweiten von insgesamt sechs Workshops hielt ihr Ehemann und Kollege an der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien/Krems: Alexander Osman. Ihn hatte ebenfalls die Beratungsstelle Extremismus empfohlen.

Ex-MJÖler treten gerne gemeinsam auf

Amani Abuzahra und Alexander Osman haben etwas mit drei weiteren externen Mitarbeitern der vom Familienministerium initiierten und finanzierten Beratungsstelle Extremismus gemeinsam: Genau wie Abuzahras Schwager, der Politikwissenschaftler Farid Hafez, der Diversity-Trainer Nedzad Mocevic und die Kulturwissenschaftlerin Medina Velic haben sie sich in der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ) engagiert und sie auch nach außen vertreten: Osman hat die Gruppe 1996 in Linz mitgegründet, Abuzahra saß bis mindestens 2009 im Vorstand.

Amani Abuzahra war bis mindestens 2009 im Vorstand der MJÖ.
Credits: Lilly Panholzer

Amani Abuzahra erwähnt das aber kaum noch, obwohl sie einer ihrer Unterorganisationen – den Jungen Musliminnen Österreich (JMÖ) – laut deren Webseite immer noch als Vorsitzende dient. Abuzahra war für NZZ.at nicht zu erreichen.

Fest steht aber, dass – mit Ausnahme von Osman – auch die anderen ehemaligen MJÖ-Vertreter ihre Vergangenheit bei der Gruppe nicht thematisiert haben und sie laut einer seit April öffentlich einsehbaren Liste fast ein Viertel des 17-köpfigen „Weiterbildungsteams“ jener Einrichtung stellen, mit der die Regierung den „Radikalisierungstendenzen“ in unserem Land Einhalt gebieten will.

Diese starke – aber bisher nirgendwo kenntlich gemachte – Präsenz ehemaliger führender MJÖ-Vertreter in der Beratungsstelle ist vielen, die sich mit religiös motivierter Radikalisierung oder entsprechenden Gegenmaßnahmen beschäftigt haben, ein Dorn im Auge. Schuld daran sind vor allem die Verbindungen der österreichischen Jugendgruppe zur ältesten und einflussreichsten Organisation des politischen Islams: der Muslimbruderschaft.

Die MJÖ bestreitet Nähe zur Muslimbruderschaft

Am lautesten hat sich darüber bisher die FPÖ empört. In mehreren parlamentarischen Anfragen an Familienministerin Sophie Karmasin hat sie unter anderem kritisiert, dass seit Karmasins Amtsantritt im Jahr 2013 Förderungen in Höhe von mehr als 45.000 Euro an die MJÖ geflossen seien, obwohl „die MJÖ starke Verbindungen zu Menschen hat, die von den Muslimbrüdern beeinflusst sind“, wie es Lorenzo Vidino, Autor von „The New Muslimbrotherhood in the West“ vor knapp einem Jahr im Kurier formuliert hat.

Lorenzo Vidino forscht seit mehr als zehn Jahren an renommierten Universitäten in der ganzen Welt zum Thema Muslimbruderschaft.
Credits: Lilly Panholzer

Die Familienministerin bestritt die Zahlen nicht, forderte die MJÖ aber zu einer Stellungnahme auf. „Die MJÖ war nie, ist nicht und wird nie in der Nähe der Muslimbrüder sein“, ließ daraufhin MJÖ-Geschäftsführerin Tugba Seker wissen. Doch nicht nur Freiheitliche, auch zahlreiche Experten, die sich in NGOs, Ministerien oder an Universitäten mit den Themen Integration, Extremismusprävention und Deradikalisierung beschäftigen, sehen das anders.

Das wirft heikle Fragen auf: Kämpft die Regierung ausgerechnet mit Islamisten gegen die Dschihadisten? Haben wir es hier etwa mit jener Form von Unterwanderung zu tun, vor der Pegida und Co. seit langem warnen? Oder sitzen wir genau jenen Vorurteilen und Ressentiments auf, über die Farid Hafez und andere „Alumni“ der MJÖ gerne klagen? Kurz gesagt: Geht es hier um „Islamisierung“ oder um „Islamophobie“? Oder am Ende um etwas ganz anderes?

Wer versucht, diese Fragen zu beantworten, stößt schnell auf hübsch aufbereitetes und noch nicht veröffentlichtes Material: seitenlange Dossiers, verästelte Organigramme, jede Menge Screenshots, die Verbindungen zwischen kleinen österreichischen und großen internationalen Akteuren illustrieren. Man erhält sie jedoch nur, wenn man sich an strenge Auflagen hält. Möglichst keine Kommunikation per E-Mail. Wer weiß schon, wer mitliest. Keine Aufnahmegeräte. Keine direkten Zitate.

Die Führungsriege gilt als kampagnenerfahren

Die Vorsicht hat gute Gründe. Erstens tut die MJÖ viel Gutes, und das nicht erst, seit zehntausende flüchtende Glaubensgenossen auf Hilfe angewiesen sind, sondern seit langem, und auch, wenn es nicht vor allem um Muslime geht. Zweitens gehen selbst die Kritiker der MJÖ davon aus, dass die große Mehrheit ihrer Mitglieder nichts von den Verbindungen weiß, die ihre Führungsriege zu Organisationen des politischen Islam pflegt. Und drittens gilt aber genau diese Führungsriege als exzellent vernetzt, kampagnenerfahren – und wenig zimperlich im Umgang mit ihren Gegnern.

Davon weiß vor allem das Außen- und Integrationsministerium ein Lied zu singen. Zur Rolle der MJÖ in der Beratungsstelle wollen sich die Mitarbeiter von Sebastian Kurz (ÖVP) nicht äußern, über ihre eigenen Erfahrungen mit der Gruppe gibt einer von ihnen, unter der Bedingung, dass keine Namen genannt werden, dann doch Auskunft: „Wir haben im Zuge der Debatte um das Islamgesetz gesehen, dass die MJÖ bewusst Propaganda betrieben und versucht hat, einen Keil zwischen Muslime und Nichtmuslime zu treiben“, sagt er. „Und das ist integrationspolitisch sehr problematisch.“

Im Hinblick auf die Muslimbruderschaft hat die MJÖ jedenfalls allen Grund, jegliche Verbindung zurückzuweisen. In Deutschland wird die Organisation, aus der die palästinensische HamasDie Hamas hat 2007 nach blutigen Auseinandersetzung mit ihrer Rivalin, der Fatah, die Macht im Gaza-Streifen übernommen. Sie wird von der EU, den USA und vielen anderen, auch arabisch-muslimisch geprägten Staaten als terroristische Vereinigung eingestuft. , aber auch die tunesische EnnahdaBei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung im Jahr 2011 wurde die Ennahda die stärkste Partei Tunesiens. Diesen Platz hat sie im Februar 2015 wieder verloren. Sie ist aber immer weiterhin Teil der Regierung, einer säkular-islamistischen Koalition unter der Führung des parteilosen Ökonomen Habib Essid. hervorgegangen sind, seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet.

Im bayerischen Verfassungsschutzbericht für 2013 ist von einer „Doppelstrategie“ der Muslimbrüder die Rede: „Nach außen gibt sich die MB offen, tolerant und dialogbereit. Sie strebt eine Zusammenarbeit mit politischen Institutionen und Entscheidungsträgern an, um so Einfluss im öffentlichen Leben zu gewinnen. Ihr Ziel bleibt aber die Errichtung einer auf der Scharia basierenden gesellschaftlichen und politischen Ordnung, wobei die MB für sich die Führungsrolle für alle Muslime beansprucht.“ Ein Großteil der ideologischen Grundsätze der Muslimbruderschaft sei mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland nicht vereinbar.

Die Muslimbrüder setzen auf geheime Strukturen

Die Muslimbruderschaft wurde 1928 von einem ägyptischen Grundschullehrer namens Hassan al-Banna gegründet. Im Laufe der Jahrzehnte baute sie in zahlreichen Staaten des Nahen Ostens ein Netzwerk von Wohlfahrts- und Bildungseinrichtungen auf, mit Hilfe dessen sie sich vielerorts als politische Alternative zu den oftmals korrupten, säkularen Herrschen der Region etablierten. Die langjährige Erfahrung mit den postkolonialen Diktatoren hat die Bruderschaft stark geprägt: Eindeutige Bekenntnisse zur Organisation sind äußerst selten, die Brüder verlassen sich lieber auf ihre altbewährten informellen bis geheimen Strukturen.

Das macht jegliche Art von eindeutiger Zuordnung zur Muslimbruderschaft sehr schwierig. Mitgliedschaften lassen sich so gut wie nie nachweisen, sagt der bereits erwähnte Lorenzo Vidino, der an so renommierten Institutionen wie der ETH Zürich und der Kennedy School of Government in Harvard geforscht hat. Organisatorische, ideologische oder persönliche Verbindungen könne man aber sehr wohl nachvollziehen.

Ibrahim el-Zayat gilt als Kopf des politischen Islam in Deutschland.
Credits: Lilly Panholzer

Jene zwischen der kleinen österreichischen MJÖ und der großen internationalen Muslimbruderschaft verlaufen vor allem über zwei Ebenen: Die erste ist eine organisatorische. Die MJÖ war bis mindestens 2005 Mitglied des Forum of European Muslim Youth and Student Organizations (FEMYSO). Erster und langjähriger Vorsitzender von FEMYSO war ein umtriebiger Deutsch-Ägypter namens Ibrahim el-Zayat.

Der Bauunternehmer sitzt in zahlreichen muslimischen Organisationen und gilt als Kopf des politischen Islam in Deutschland. Der frühere nordrhein-westfälische Verfassungsschutzchef Hartwig Möller hat ihn einmal als „Spinne im Netz islamistischer Organisationen“ bezeichnet, die ehemalige deutsche Familienministerin Kristina Schröder verzichtete auf Metaphern und nannte ihn einen „Funktionär der Muslimbruderschaft“. El-Zayat versuchte, sich dagegen gerichtlich zu wehren, verlor aber gegen die CDU-Politikerin.

Die MJÖ pocht auf Distanz zu Femyso

„Die el-Zayats sind Top Player in den Netzwerken, die mit der Bruderschaft verbunden werden“, sagt Vidino, „nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und dem Nahen Osten.“ Vor allem Ibrahim el-Zayat habe Führungspositionen in zahlreichen Organisationen, zu denen unter anderem der größte Wohlfahrtsverband der Bruderschaft im Westen – und viele Jahre auch FEMYSO gehörte.

Die MJÖ legt inzwischen großen Wert auf Distanz zu der in Brüssel ansässigen Jugend- und Studentenorganisation. Die Gruppe forderte etwa nach einem kritischen Artikel im „Profil“ eine „Richtigstellung“, die unter anderem verdeutlichen sollte, dass die MJÖ „nur für einen kurzen Zeitraum (2003–2005) als außerordentliches Mitglied“ bei FEMYSO gewesen sei.

Sie dürfte zuvor reichlich Druck auf die Redaktion aufgebaut haben, denn diese erklärte sich zur Veröffentlichung bereit, obwohl der vor zehn Jahren gestartete Abnabelungsprozess keineswegs ganz abgeschlossen zu sein scheint: Die bereits erwähnten Jungen Musliminnen Österreich (JMÖ) von Amani Abuzahra bezeichnen ihre Mutterorganisation MJÖ jedenfalls bis heuteSeit NZZ.at heute Vormittag bei der MJÖ nach den Gründen für diesen Widerspruch gefragt hat, ist die entsprechende Unterseite von jmoe.at nicht mehr online. NZZ.at verfügt aber über entsprechende Screenshots. als „Mitglied des Europäischen Dachverbands ,Forum of European Muslim Youth and Student Organizations‘ (FEMYSO)“.

Die zweite Hauptverbindungslinie läuft durch ein Haus im 23. Bezirk, das der nach einem früheren IGGiÖ-Präsidenten benannten Anas-Schakfeh-Stiftung gehört. Dort residiert nicht nur die MJÖ, sondern auch der „Private Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen in Wien“, kurz: IRPA.

MJÖ und IRPA haben viel gemeinsam

Die MJÖ und die IRPA teilen sich nicht nur die Adresse, sondern haben auch personell einiges gemeinsam. Hier unterrichten Amani Abuzahra, Farid Hafez und mindestens zwei weitere aktuelle oder frühere MJÖ-Vertreter. Abuzahra und Hafez dürften ein besonders gutes Verhältnis zu IRPA-Leiterin Amena Shakir pflegen: Sie haben jeweils mindestens ein Buch mit der Religionspädagogin veröffentlicht.

Amena Shakir (geborene el-Zayat) leitete früher eine Schule in München, die 2005 wegen mangelnder Verfassungstreue geschlossen wurde.
Credits: Lilly Panholzer

Amena Shakir wiederum hat eine interessante Vorgeschichte. Die Frau, die in Österreich für die Ausbildung der islamischen Religionslehrer zuständig ist, leitete laut Angaben des Spiegel vor ihrem Wechsel nach Wien die Deutsch-Islamische Schule in München. Diese wurde 2005 von der Regierung in Oberbayern geschlossen, weil die „Verfassungstreue des Schulträgers nicht mehr als gegeben angesehen werden könne“, wie das zuständige Schul- und Kultusreferat damals mitteilte.

Die Verfassungsschützer hielten den Trägerverein für eine „Tarnvereinigung der IGD“, informierte damals das zuständige Schul- und Kultusreferat. Die IGD wiederum – das Kürzel steht für Islamische Gemeinschaft Deutschland – gelte als deutsche Zentrale des ägyptischen Zweigs der Bruderschaft. Ihre Bestrebungen würden sich „gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland“ richten. Präsident dieser IGD war bis 2010 niemand anderer als Amena Shakirs Bruder, die bereits erwähnte „Spinne im Netz islamistischer Organisationen“: Ibrahim el-Zayat.


Credits: Gerald Gartner und Fabian Lang

Die Staatsanwaltschaft München I ermittelte ab 2008 gegen Amena und Ibrahim el-Zayat, weil sie die Geschwister verdächtigte, staatliche Fördermittel für die Schule in Anspruch genommen zu haben, obwohl die Einrichtung im relevanten Zeitraum nicht gemeinnützig tätig gewesen sein soll. Das bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Anfrage von NZZ.at. Das Ermittlungsverfahren sei im Mai 2010 jedoch eingestellt worden, da die Ermittlungen keinen hinreichenden Tatverdacht ergeben hätten. Auch Amena Shakir war für NZZ.at nicht erreichbar.

Die MJÖ empfiehlt Gebete von al-Banna

Abgesehen von den Verbindungen führender MJÖ-Vertreter zu den el-Zayats gibt es aber auch religiöse und ideologische Indizien für eine Nähe der MJÖ zur Bruderschaft. So soll die Ma’thurat, eine Gebetssammlung von Hassan al-Banna, dem Gründervater der Bruderschaft, nicht nur bei einem Camp der Muslimischen Jugend Deutschland, sondern auch bei ihrem österreichischen Pendant zum Einsatz gekommen sein. Es gibt jedenfalls eine Ausgabe dieser Textsammlung, die mit dem MJÖ-Logo und einem Vorwort des früheren MJÖ-Chefs Wolfgang Bauer veröffentlicht wurde.

Wenn die MJÖ keine Verbindungen zur Muslimbruderschaft hat und will, wieso veröffentlicht sie dann die Gebete des MB-Gründers?

Mehrere junge Leute im Umfeld der MJÖ geben sich darüber hinaus große Mühe, zentrale Institutionen und Akteure aus dem Orbit der Bruderschaft medial in möglichst gutem Licht erscheinen zu lassen. Der frühere MJÖ-Vertreter Farid Hafez zum Beispiel hat die Muslimbrüder in einem Gastkommentar für den Standard als demokratische Kraft gepriesen.

Farid Hafez ist Herausgeber des „Jahrbuchs für Islamophobieforschung“ und Projektmitarbeiter an der Universität Salzburg.
Credits: Lilly Panholzer

Die Demokratie habe „auch auf das islamistische Lager der Muslimbruderschaft, die als Mutter des Islamismus gilt, stets eine große Anziehungskraft ausgeübt“, schrieb Hafez im Sommer 2013. „Spätere prominente Vordenker, Theologen und Aktivisten aus dem Milieu der Muslimbruderschaft wie Yusuf Al-Qaradawi“ hätten sich „in ihren vagen Entwürfen idealer Regierungsformen im Wesentlichen auf die Demokratie als positive Kategorie bezogen“.

Hafez lobt den Antisemiten Qaradawi

Wie der Absolutheitsanspruch des politischen Islam mit der Demokratie vereinbar ist, erklärte Fariz dabei nicht. Er ließ auch unerwähnt, dass sich Qaradawi, der große Vordenker der Muslimbrüder, keineswegs nur zum Thema Demokratie äußert. Er rechtfertigt in seinem Buch „Erlaubtes und Verbotenes im Islam“ die Todesstrafe für Ehebruch und Abkehr vom Islam. Er verteidigt„Der Palästinenser, der sich selbst in die Luft jagt, ist eine Person, die ihre Heimat verteidigt.“ Zitiert in John L. Esposito, „The Future of Islam“, S.104 f. palästinensische Selbstmordattentäter. Und was Adolf Hitler den Juden angetan hat, bezeichnete er 2009 als „göttliche Strafe“, die „so Gott will, nächstes Mal die Gläubigen ausführen“ würdenDie entsprechende Al-Jazeera-Passage wurde vom Middle East Media Research Institute (MEMRI) übersetzt. Die Organisation mit Sitz in Washington wurde von einer Amerikanerin und einem Israeli gegründet und gilt aufgrund ihrer Kontakt zu rechten Politikern in den USA und Israel sowie zum israelischen Geheimdienst nicht als unparteiischste Quelle zu islamistischen Organisationen. Wir haben deshalb den promovierten Arabisten Nico Prucha gebeten, sich das Video anzusehen. Er hat keinen Widerspruch zwischen dem arabischen Original und den englischen Untertiteln von MEMRI gefunden. .

Hafez arbeitet außerdem mit der Studentenorganisation Femyso zusammen, mit der die MJÖ offiziell nichts mehr zu tun haben will. Erst im Mai hielt er einen Vortrag über sein Lieblingsthema, die „Islamophobie“ – einen Begriff, den viele Wissenschaftler für wenig tauglich halten, weil er nicht nur auf Rassismus gegen Muslime, sondern auch auf Kritik am Islam und seinen Vertretern abzielt. Hafez wollte die Fragen von NZZ.at zu Femyso, seiner Einschätzung von Yusuf al-Qaradawi oder seinem Verhältnis zur Muslimbruderschaft nicht beantworten.

Yusuf al-Qaradawi gilt auch dank seiner Fernsehsendung auf Al-Jazeera als einer der bekanntesten islamischen Gelehrten und Prediger.
Credits: Lilly Panholzer

Es gäbe noch viele weitere Teile, die man diesem komplizierten Puzzle hinzufügen könnte. Aber das Bild, das sich schon jetzt ergibt, reicht vielen Experten, um eine Zusammenarbeit mit ehemals führenden Mitgliedern der MJÖ zu hinterfragen, gerade in einem so heiklen Bereich wie der Präventions- und Deradikalisierungsarbeit.

Zu den wenigen, die ihre Kritik auch relativ offen äußern, gehört Ednan Aslan, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Wien. „Das finde ich eine riskante Unternehmung, dass gerade die MJÖ über Radikalismus spricht“, sagt er. „Um das machen zu können, müsste sie sich nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich von der Muslimbruderschaft distanzieren. Sonst habe ich große Zweifel, dass wir über die Beratungsstelle junge Leute für die Demokratie gewinnen können.“

Aslan hat mit der MJÖ und ihren „Alumni“ schon viele Konflikte ausgetragen. Inzwischen sind sie immer öfter juristischer Natur. Im Dezember kritisierte Aslan in einem Gastkommentar für die Presse, dass sich ein – namentlich nicht genannter – „Muslimbruder-Aktivist“ in einer englischsprachigen AKP-Zeitung über das Islamgesetz ereifert habe. Farid Hafez fühlt sich dadurch identifiziert und hat Aslan wegen Ehrenbeleidigung verklagt. Es geht um einen Streitwert von 50.000 Euro.

Die MJÖ und ihre „Alumni“ klagen gerne

Eine weitere Klage könnte Ednan Aslan laut eigener Aussage von der MJÖ als Gruppe bekommen. Dabei geht es um einen Gastkommentar für den Standard, in dem Aslan ebenfalls in Zusammenhang mit dem Islamgesetz geschrieben hat: „Natürlich fürchtet eine Jugendorganisation, die durch Förderung aus Golfstaaten finanziert wird, die weder über Moscheen verfügt, noch Imame beschäftigt, aber dennoch ihren politischen Ambitionen ungestört nachgehen kann, nichts mehr als die Offenlegung ihrer Finanzquellen.“

Auch Heiko Heinisch, der zum Expertenforum gehört, das die Stadt Wien im Rahmen ihres Netzwerkes gegen Radikalisierung aufgebaut hat, wurde eine Klage angedroht – und zwar von Amena Shakir, auf deren Münchner Vergangenheit der Historiker diesen Februar im Kurier hingewiesen hat. Und auch er hat spätestens seitdem keinen Grund mehr, mit seiner Kritik hinterm Berg zu halten.

„Ich finde es merkwürdig, dass es die MJÖ offensichtlich geschafft hat, von Ministerien als die Vertretung muslimischer Jugendlicher anerkannt zu werden“, sagt Heinisch. „Mit Organisationen wie der MJÖ werden konservative islamische Organisationen weiter staatlich gestärkt, deren Agenda meiner Meinung nach nicht Integration in eine pluralistische und demokratische Gesellschaft ist. Man macht den Bock zum Gärtner, wenn man glaubt, mit einer Organisation, die eine gewisse Nähe zu Organisationen des politischen Islams aufweist, den Extremismus bekämpfen zu können.“

Als Deradikalisierer taugen Islamisten wenig

Womit wir bei der ursprünglichen Frage wären, was hinter der Diskussion über die Rolle der MJÖ in der Anti-Extremismus-Arbeit steckt – „Islamisierung“ oder „Islamophobie“? Oder vielleicht einfach ein Mangel an Information?

Lorenzo Vidino jedenfalls legt großen Wert darauf, die Muslimbrüder und ihre Sympathisanten weder zu verteufeln noch ihre Erzählmuster für bare Münze zu nehmen, sondern sich mit ihrer Geschichte, ihren Methoden, ihren Verbindungen und ihren Zielen vertraut zu machen. Der Sicherheits-Experte plädiert für Dialog mit den Muslimbrüdern, aber auch für Diversifizierung bei der Suche nach muslimischen Ansprechpartnern.

Alexander Osman ist Gründungsmitglied der MJÖ und arbeitet als Trainer für die Beratungsstelle Extremismus.
Credits: Lilly Panholzer

Er warnte im Gespräch mit NZZ.at davor, die Muslimbrüder und ihre meist hervorragend ausgebildeten und professionell organisierten Sympathisanten als „Türsteher der Community“ zu behandeln, als die sie sich gerne inszenieren. Gerade als Deradikalisierer taugten sie wenig, sagt der Wissenschaftler. Zum einen würden sie gewaltbereite Extremisten meist gar nicht erreichen. Zum anderen würden sie den ideologischen Nährboden für radikalere Gruppen bereiten.

Bei der Beratungsstelle Extremismus versteht man die Kritik nicht. Verena Fabris, die Leiterin der Einrichtung, bestätigt auf Anfrage von NZZ.at, dass Amani Abuzahra, Nedzad Mocevic, Alexander Osman und Medina Velic von der Beratungsstelle als Trainer vermittelt und zum Teil auch bezahlt werden. Zur Begründung ihrer Auswahl verwies sie auf die Lebensläufe von Mocevic, Osman und Abuzahra. Sie präzisierte außerdem, dass keiner der Genannten angestellt sei. Und, dass Farid Hafez nie als Trainer eingesetzt worden sei, weil sich das „einfach nicht ergeben“ habe. Auf der erwähnten Mitglieder-Liste des „Weiterbildungsteams“ stehe er, weil er „am Anfang Teil des Expertinnenpools“ gewesen sei.

Die Beratungsstelle will niemanden ausschließen

Fabris bestätigt außerdem, über die internationalen Kontakte der MJÖ informiert zu sein. „Ja, es gibt deutliche Hinweise, dass es ein Naheverhältnis zwischen der MJÖ und Organisationen mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft gibt“, sagt sie. Trotzdem will sie niemanden aus ihrem Trainerpool ausschließen. „Wir nehmen die Hinweise ernst, aber es gibt keinerlei Beweise. Außerdem ist die MJÖ eine anerkannte Jugendorganisation, die vom Familienministerium gefördert wird.“

Die Beratungsstelle beschäftige keine Trainer „als Mitglied der MJÖ“, sagt Fabris. Außerdem sei nicht jedes MJÖ-Mitglied automatisch ein Aktivist der Muslimbruderschaft. Und sie würde sich sehr genau überlegen, wer in welchem Kontext eingesetzt werde.

Prinzipiell findet Verena Fabris den Einsatz von Vertretern oder Sympathisanten des politischen Islam in der Deradikalisierung und Extremismus-Prävention aber auch „schwierig“. „Wir wollen keinen Überhang an religiös motivierten Personen“, sagt sie. „Das ist der Grund, warum wir unser Fortbildungsteam laufend erweitern.“ Aktuell liefen Gespräche mit fünf potenziellen Trainern, zwei davon kommen aus muslimischen Vereinen, die mit der MJÖ nicht verbunden sind. Die vier einstigen MJÖ-Mitglieder will Fabris aber weiter einsetzen. „In Einzelfällen kann ich mir das durchaus vorstellen“, sagt Fabris.

Amani Abuzahra hat vergangenen Donnerstag schon den nächsten Vortrag für die Sankt Pöltener Fachstelle für Gewaltprävention gehalten. Mitte November ist dann wieder Alexander Osman dran. Der Titel seines Vortrags lautet: „Religiös motivierter Fanatismus – am Beispiel junger Muslim/innen in Österreich“. Es bleibt also spannend.