APA/HERBERT PFARRHOFER

Asylpolitik

Inserieren in Zeiten des Bürgerkriegs

von Moritz Gottsauner / 04.03.2016

Die Regierung hat Erfahrung damit, Werbung für sich selbst zu machen. Jetzt will das Innenministerium das Gegenteil versuchen: Österreich soll für Menschen unattraktiv gemacht werden, die in einem Bürgerkriegsland wohnen – und das für einen Pappenstiel.

Der Spott scheint dieser Tage Johanna Mikl-Leitners treuester Begleiter zu sein. Am Dienstag präsentierte die Innenministerin eine Plakatkampagne für Afghanistan. Die soll auswanderungswillige Afghanen über die strengeren Asylgesetze informieren und von der Emigration nach Österreich abhalten. Die Reaktionen auf die Sprüche in leuchtend roten Lettern fielen, zumindest auf Twitter, harsch aus.

Abgesehen von der frappanten Ähnlichkeit zu FPÖ-Wahlplakaten ist die Idee einer Anti-Österreich-Werbung aber nicht so abwegig, wie sie zunächst erscheint. Bereits einmal hat das Innenministerium eine Kampagne gestartet, die darauf abzielte, Asylanträge aus einem bestimmten Land zu verringern. Anfang 2015 ging eine Welle von Asylanträgen aus dem Kosovo nach Gesetzesänderungen und einer Info-Kampagne vor Ort merklich zurück.

Geht es nach Johanna Mikl-Leitner, soll es in Afghanistan so ähnlich funktionieren. Sogar das Design der Plakate ist dasselbe. 15.000 Euro wird die Maßnahme kosten und in Umfang und Breite an jene heranreichen, die Deutschland bereits seit Mitte November im Bürgerkriegsland unterhält. Das bedeutet: Tageszeitungen, TV, Plakatwände und Online-Inserate, das ganze Programm. Dass die Rechnung dafür so günstig ausfällt, ist nicht nur dem örtlichen Werbemarkt geschuldet, sondern auch den afghanischen Bestrebungen, junge Menschen im Land zu halten.

Tu felix Austria, inseriere

Über einen Monat will das Innenministerium rund 25 Inserate in afghanischen Tageszeitungen schalten und etwa 20 Plakatflächen in den größeren Städten Kabul, Kandahar, Jalalabad, Mazar-i-Sharif und Herat buchen. Dazu kommen TV-Spots im Hauptabendprogramm, aufgeklebte Sujets auf bis zu vier Linienbussen und Google Ads auf 1.000 afghanischen Webseiten für insgesamt 15.000 Euro. Vor allem die Preise für Online-Inserate sind aufgrund fehlender Nachfrage im Keller. Zum Vergleich: Der Listenpreis eines halbseitigen Inserats in der Kronen Zeitung beginnt bei 17.280 Euro und endet je nach Platzierung bei 42.000 Euro.

Dass Anzeigenpreise in einem Land mit einem Bruchteil der Wirtschaftskraft Österreichs günstiger zu haben sind, ist nicht weiter verwunderlich. Eine Viertelseite auf der Titelseite der englischsprachigen Afghanistan Times ist laut dem Tarifblatt der Zeitung um rund 270 Euro zu haben. Ähnlich verhält es sich mit anderen überregionalen Tageszeitungen. Wer eine Plakatwand für einen Monat buchen will, muss in der besten Lage in Kabul mit 100 bis 300 Euro rechnen, Druck und sonstige Kosten inklusive.

Ein deutsches Plakat in Kabul
Credits: Auswärtiges Amt

Was die anderen zahlen

Mit 15.000 Euro lässt sich in Afghanistan also bereits eine Kampagne auf die Beine stellen. Die Summe unterscheidet sich auch nicht allzu sehr von dem, was andere Länder dafür bezahlt haben. Deutschland und Norwegen etwa schalten bereits seit November ähnliche Kampagnen. Das norwegische Justizministerium beziffert die Kosten für Inserate in Tageszeitungen und Google Ads gegenüber NZZ.at mit insgesamt 20.000 Euro. 6.000 Euro kosteten fünfwöchige Inserateschaltungen in drei Tageszeitungen.

Das deutsche Auswärtige Amt zeigt sich weniger offen. Einen fünfstelligen Betrag habe man für die deutsche Plakatkampagne 2015 entrichtet, heißt es. Für Videoclips im Fernsehen sei bis Mitte April ein niedriger sechsstelliger Betrag eingeplant.

Rabatte für die Sache

Die deutsche Regierung bucht nicht nur Plakatwände und Sendezeit im Fernsehen. Auch auf Linienbussen rät das Auswärtige Amt den Afghanen dazu, sich die Emigration nach Deutschland genau zu überlegen.

Das österreichische Innenministerium scheint bei der Wahl der Werbekanäle also dem deutschen Vorbild zu folgen. Dass der dafür vorgesehene Betrag im Vergleich doch etwas niedriger erscheint, liegt an der speziellen Abmachung, die mit dem zweitgrößten afghanischen Fernsehsender Ariana TV getroffen wurde.

Der Sender hat für das Ministerium mehrere Videoclips produziert. Darin erzählen afghanische Rückkehrer aus Österreich von ihren Erfahrungen. Die Clips sollen rund um die Hauptabendnachrichten ausgestrahlt und in den kommenden Tagen auf Facebook veröffentlicht werden. Die Kosten dafür halten sich aber in engen Grenzen. Laut Innenministerium gewährt der Sender Rabatte. Es bestehe in Afghanistan ganz allgemein ein Interesse daran, junge Menschen im Land zu behalten, heißt es.

Gegen den Exodus

Tatsächlich hat die afghanische Regierung bereits im September des Vorjahres eine eigene Kampagne gegen die Abwanderung gestartet. Unter dem Slogan „Bleib bei mir“ wurden Sujets mit teils drastischen Bildern auf Social-Media-Kanälen verbreitet.

„Die Emigration von Afghanen nach Europa ist in der täglichen Debatte gerade ein heißes Thema in Afghanistan“, sagt Saboor Sarir, Chefredakteur der Afghanistan Times. „Ingesamt spürt man die Notwendigkeit, etwas gegen die Abwanderung zu tun. Die aktuellen Kampagnen werden nicht nur von Intellektuellen und Medienleuten diskutiert, sondern inzwischen auch in der Politik. Aber die Lösungen fehlen noch, weil das Problem noch nicht genauer untersucht worden ist.“

Die Kampagnen ausländischer Regierungen hält Sarir, in dessen Zeitung bereits Deutschland und Norwegen Anzeigen geschaltet haben, für effektiv. Nur würden viele Auswanderer statt Deutschland nun Länder wie Italien, Frankreich oder Dänemark anstreben. Wie geteilt die öffentliche Meinung zur Wirkung der Anti-Werbung europäischer Regierungen ist, zeigt eine aktuelle Reportage der Wiener Zeitung aus Kabul. Die politische Situation und der Vormarsch der Taliban könnten auch 2016 wieder zu starken Fluchtbewegungen führen. Die traditionelle Kampfpause über den afghanischen Winter neigt sich wieder dem Ende zu.

Schuss ins Blaue

Die Wirkung von Werbemaßnahmen ist im Allgemeinen schwer zu messen, auch in Afghanistan. „Die Kampagne im Kosovo war erfolgreich, wir glauben, dass es auch diesmal wirkt. Aber man kann nicht damit rechnen, dass es in Afghanistan wirklich genauso gut funktioniert“, sagt Hermann Muhr, der Sprecher von Johanna Mikl-Leitner. Schließlich gebe es in Österreich auch einen größeren Anteil von Asylwerbern, der Schutz erhält, im Jahr 2014 waren es 52,9 Prozent der afghanischen Antragsteller. Nach Afghanistan sollen weitere Kampagnen in Marokko, Tunesien und Algerien folgen.

Ähnlich optimistisch klingt das Resümee aus Norwegen, zumindest was die Online-Werbung betrifft. „Wir halten unsere Kampagne für erfolgreich“, sagt ein Sprecher des Justizministeriums. „Wir wissen von den Statistiken, dass wir zum Beispiel über Facebook Millionen von Menschen in der Zielgruppe in Afghanistan und anderen Ländern erreicht haben.“ Die norwegische Regierung werde den Aufwand online und mit Werbemaßnahmen vor Ort noch verstärken.

Die länderspezifischen Kampagnen Deutschlands, Österreichs und Norwegens könnten allerdings auch dazu führen, dass die Fluchtbewegung nach Europa lediglich in andere Länder umgelenkt wird. Ob sie zu einem Rückgang der Fluchtbewegung von Afghanen über Griechenland nach Europa beitragen kann, ist daher auch fraglich, wenn die Kampagnen funktionieren sollten. Die Kosten stehen aber jedenfalls nicht im Weg.