Journalismus in Österreich: Die Krankheit, für deren Therapie er sich hält

Meinung / von Michael Fleischhacker / 06.11.2015

Mitte dieser Woche haben die österreichischen Journalistenvereinigungen einen Offenbarungseid geleistet. In einem offenen Brief an den Medienminister, Verfassungsminister und Kulturminister Josef Ostermayer forderten der Presseclub Concordia, der Verband der Parlamentsredakteure, die Initiative für Qualität im Journalismus und der Österreichische Journalisten Club die Verdoppelung der Fördermittel für die journalistische Aus- und Weiterbildung im Rahmen der Presseförderung.

Kann man natürlich machen. Die österreichischen Universitäten wären sicher auch froh über eine Verdoppelung ihrer Mittel, und wenn inzwischen jeder Dorfbürgermeister darüber spricht, dass wir uns schön langsam für die Wissensgesellschaft fit machen sollen, werden wir halt auch was dafür tun müssen.

Wissen & Geschäft

Vor allem natürlich die Journalisten, denn die sind, was die Wissensgesellschaft betrifft, immer schon vorne dabei gewesen. Was das Geschäft betrifft, sind sie derzeit eher nicht avantgardistisch unterwegs. Umso mehr müssen sie wissensmäßig aufgerüstet werden: „Das österreichische Mediensystem“, schreiben die Vorsitzenden der Journalistenverbände an ihren lieben Minister, „ist tief greifenden Veränderungen ausgesetzt. Gründe und Herausforderungen sind die Digitalisierung, die damit verbundenen wirtschaftlichen Umwälzungen, die Internationalisierung des Mediengeschäfts und die veränderte Mediennutzung.“

Ja eh, dasselbe gilt für den Buchhandel, den Einzelhandel, die Wollschweinzucht und sonst auch alles. Aber die Journalisten haben den entscheidenden Vorteil, dass sie ihre Anliegen relativ leicht in den Medien unterbringen. Das macht sie wohl auch ein wenig dreist: „Dass die Branchenvertreter dies selbst erkannt haben, zeigen unter anderem die Akzeptanz und die Annahme eines breiteren Weiterbildungsangebotes“, loben die Herrschaften ihre Selbsterkenntniskraft, „die öffentliche Unterstützung dieses Angebots bleibt aber aus. Im Gegenteil: Der Fördertopf wurde für die anerkannten Aus- und Weiterbildungsinstitutionen quasi halbiert, da er nun auf mehrere Angebote aufgeteilt wird.“

„Quasi halbiert“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die obersten Vertreter so gut wie aller österreichischen Journalistenorganisationen behaupten, dass eine gleichbleibende Fördersumme, die – von einer Kommission, die an klare Kriterien gebunden ist – auf mehrere Fördernehmer aufgeteilt wird, damit „quasi halbiert“ werde.

Wahr ist: „Quasi halbiert“, nämlich um 40 Prozent gekürzt, wird die öffentliche Förderung des bisher den „Markt“ dominierenden „Kuratoriums für Journalistenausbildung“ (KfJ). Dieses Geld geht jetzt an das „Forum Journalismus und Medien“ (fjum) in Wien. Weil es mit seinen Weiterbildungsangeboten die Förderkriterien erfüllt. Und weil es, wie einem unter Zusicherung der Nicht-Zitierung so ziemlich jeder bestätigt, der mit der Sache zu tun hat, um etwas besonders Österreichisches geht: den Proporz.

Proporz

Das „rote“ fjum wurde 2011 mit erheblicher Unterstützung der Stadt Wien gegründet, das „schwarze“ KfJ wurde schon immer sozialpartnerschaftlich, also vom Zeitungsverband und von der Journalistengewerkschaft betrieben. Um den österreichischen Charakter der öffentlich finanzierten Journalistenausbildung zu vervollkommnen, musste also zur sozialpartnerschaftlichen Organisation des KfJ nur noch der Parteienproporz zwischen SPÖ und ÖVP hinzutreten. Das ist mit der Neuaufteilung der Ausbildungsgelder aus der Presseförderung passiert.

So weit, so österreichisch.

Wirklich niederschmetternd ist die Reaktion der Journalistenorganisationen. Nicht nur, dass sie eine Neuverteilung der Mittel zur „Quasi-Halbierung“ verdrehen, sie tun auch noch so, als wüssten sie nicht, dass die öffentlichen Mittel für die Journalistenausbildung in den letzten eineinhalb Jahrzehnten massiv gestiegen sind. Allein die staatliche, weil vom Land Steiermark betriebene Fachhochschule Joanneum in Graz und die von der parastaatlichen Wirtschaftskammer in Wien betriebene Fachhochschule am Währinger Gürtel bieten Journalistenausbildungen an, in die mehr öffentliches Geld fließt als in fjum und KfJ zusammen.

Rezept gegen Proporz-Schmerzen

Die offiziellen Journalistenvertreter ignorieren die Fakten und finden kein Wort der Kritik für die kühle Durchsetzung des Proporz-Systems in der öffentlichen Ausbildungsförderung. Stattdessen verlangen sie mit dem frei erfundenen Argument der „Quasi-Halbierung“ eine Verdoppelung der öffentlichen Mittel für die private Weiterbildung von Mitarbeitern – damit nicht eine Seite unter der Durchsetzung des Proporzes leiden muss.

Das dokumentiert, wie sehr sich der Journalismus in Österreich zu der Krankheit entwickelt, als deren Therapie er sich immer noch gern präsentiert.