APA/GEORG HOCHMUTH

Keine neue Socke

Gastkommentar / von Wolfgang Lorenz / 09.08.2016

Ist es nicht peinlich, dass niemand mehr außerhalb des ORF auf dem Küniglberg was werden will? Der Ex-Programmdirektor Wolfgang Lorenz wirft in seinem Gastkommentar nach der Wiederernennung von Alexander Wrabetz als Generaldirektor viele Fragen auf.

„Dschungelcamp“ ist nichts dagegen: Seit Wochen tobt in Österreich der Kampf, wer die meisten politischen Regenwürmer schlucken kann. Genau: Die Rede ist vom Wahlkampf um den ORF, dem Unabhängigen, kraft des unabhängigsten Stiftungsrates der Welt. Der „Dschungelkönig“ heißt Alexander Wrabetz, Sozi, im eigenen Überlebenskampf unique, das hat er beim dritten Anlauf neuerlich bewiesen. Ansonsten ein Mann ohne besondere Eigenschaften. Passt als Socke genau auf den österreichischen Fuß!

Schon vor der Sommersaison hat dieser allerdings politisch ungewöhnlich zu „schweißeln“ begonnen. Eine frische Socke hätte ihm ganz gut getan. So wäre der schwarze Gegenkandidat Richard Grasl gestrickt gewesen. Aber in Größe und Verlässlichkeit nicht genauso berechenbar wie Wrabetz. In seiner Waschanleitung steht dazu noch „Made in Niederösterreich“, das pröllt! Black Bull, wochenlang auf der Weide des Konjunktivs, kehrt zurück in den ÖVP-Stall. Red Bull verlässt sich weiter auf die Kraft von Energydrinks und inhaliert nebenbei die Information der politischen Rehab ORF. Ein Geisterschwimmer in der Gegenstromanlage der Stiftungscharta und deren Exekutoren, genannt Stiftungsräte.

Gefährliche Tiefe hat ja die Wahl von Anfang an nicht ausgeschildert. Zwei Hauskandidaten klopften sich im elektronischen Kasperltheater, ÖAMTC gegen ARBÖ, wäre der geerdete Befund. Linksfahrer überholt Rechtsfahrer.

Ist das nicht peinlich, dass im ORF keiner von außen mehr was werden will?

Die österreichische Politik hat bis heute nicht kapiert, dass der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert. (Zitat Goya)

Wrabetz ist ein Kuscheltier, Hofer nicht. Strache nicht. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk macht Programm im Auftrag des zahlenden Publikums. Aber in erster Linie hat er das demokratische Prinzip zu befördern und zu verteidigen. Objektiv und ausgewogen. Dazu bedarf es einer verpflichtenden Herausgeberlinie. Diese ist von Wrabetz nicht zu erwarten.

Er ist der perfekte Eiertänzer auf den Kleinhoden der Republik.

Jetzt müssen sich Grasl und Wrabetz voneinander verabschieden, und der ORF bleibt von unliebsamen Erneuerungsversuchen garantiert verschont. Wrabetz macht einfach weiter wie seit Jahr und Tag und ist für die nächsten fünf Jahre versorgt. Gut für ihn, langweilig für das Programm. Und um Grasl muss man sich keine Sorgen machen.

Wie in den letzten zehn Jahren wird sich der ORF so anbiedern, als sei er der dritte Koalitionspartner, je nach Farbenlehre. Total unabhängig selbstverständlich! Weil so steht’s ja in der Bibel der Stifter.

Es ist so, als würde man versuchen, die Kirchengeschichte über die Religionsgeschichte zu folieren. Austritte sind demnächst auch beim ORF-Publikum zu erwarten.