Lukas Ilgner, yeowatzup,

Kim il Kern

Meinung / von Michael Fleischhacker / 30.08.2016

Ziemlich schlechter Titel, wenn man ehrlich ist. Spekulativ, clickbaiting, wie man heute sagt. Nordkorea-Vergleiche sind ja praktisch immer daneben. Außerdem müsste es auf Koreanisch korrekt „Kern il Christian“ heißen, wie mir unser Haus-Nerd versichert. Und was bitte sollte daran lustig sein.

Dass es diesen Titel über diesem Text trotzdem gibt, hat damit zu tun, dass ich die Redaktionskonferenzen abgeschafft habe. Das Format war seinerzeit bei der New York Times eingeführt worden, um ausführlich über Inhalte, Zugänge und Blattlinie zu diskutieren, hat sich aber überlebt. Heutzutage, wo jeder Redakteur während der Konferenz twittert, facebookt und instagramt, kann man Journalismus in einer Redaktionskonferenz einfach nicht mehr so erklären wie früher. Also lade ich die Redakteure gelegentlich zu Hintergrundgesprächen ein, und was ich sonst so denke, erfahren sie ohnehin auf Twitter.

Absage per Facebook

Richtig, ich mache es wie unser geliebter Herr Bundeskanzler. Der hat heute via Facebook-Video das Pressefoyer nach dem Ministerrat, das seinerzeit „von Bruno Kreisky für Bruno Kreisky“ (Oliver Pink, Die Presse) eingeführt worden war, abgeschafft. Künftig gibt’s die Ministerratsbeschlüsse online, die Regierungskoordinatoren Mahrer und Drozda versorgen die Journalisten mit einem „debriefing“.

Worum es wirklich geht, erfahren ausgewählte Journalisten in Hintergrundgesprächen mit Kanzler und/oder Vizekanzler, also in Gesprächen, über die entweder nicht oder nur das berichtet wird, was der Gesprächspartner ausdrücklich freigibt. Die Kommunikation mit „dem Publikum“ (das hat Herr Kern sehr schön gesagt) soll künftig über die sozialen Medien und einen „Kanzlerblog“ stattfinden. Diese Art von Einwegkommunikation ohne den willkürlichen Eingriff von Journalisten in die vorgefertigten Botschaften der Absender hat sich seinerzeit Weihbischof Kurt Krenn auch immer gewünscht. Um der „Wahrheit“ willen.

Sound bites

So hoch greift der Bundeskanzler nicht. Dennoch zahlt es sich aus, seine Argumente für das Ende des Formats „Pressefoyer“ aufmerksam zu studieren. Es sei in diesem Format nicht mehr möglich, Politik zu erklären, ausführlich zu sein. Nur noch „Sound bites“ kämen da heraus. Warum? Zu viele Kameras, zu viele Sender, zu viele Mikrofone. Der Subtext lautet: Ich erklär die Politik ja eh mindestens so gut wie seinerzeit Kreisky, aber was die Journalisten daraus machen, ist Buchstabenhackfleisch, und das will ich nicht.

Natürlich ist es das gute Recht eines Bundeskanzlers, die Formate seiner Kommunikation frei zu gestalten (und so dramatisch intelligent sollen die Fragen, die da kamen, auch nicht immer gewesen sein). Man kann auch Verständnis dafür haben, dass er, der perfektionistische Kommunikationsprofi, die totale Kontrolle über das haben will, was durch ihn und mit ihm und in ihm gesagt wird.

Kern ist nicht Faymann

Die Behauptung, dass es am Format an sich liege, dass das Pressefoyer nach dem Ministerrat vor allem unter seinem Vorgänger zu einem Hochamt der Belanglosigkeit verkommen ist, wird dadurch allerdings nicht plausibler. Nichts und niemand verhindert, dass die Herren Kern und Mitterlehner nach dem Ministerrat ihre große politische Erzählung zum Besten geben. Außer dass sie keine haben.

Die Flucht vor der professionellen Öffentlichkeit in die steuerbare Umgebung der sozialen Medien hat schon Werner Faymann versucht. Allerdings hat er sich auch dort ziemlich blamiert mit viel Personal und annähernd null Ergebnis. Kern wird das sicher sehr viel professioneller machen. Darüber hinaus gilt aber: Als Hauptunterschied zwischen Kern und Faymann kristallisiert sich immer stärker die Tatsache heraus, dass Kern nicht Faymann ist.