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Der verweigerte Händedruck

Kleine Geste, große Wirkung

von Elisalex Henckel / 11.04.2016

Warum geben manche Muslime zur Begrüßung nicht die Hand? Wie reagieren Vertreter öffentlicher Institutionen? Und welche Auswirkungen hat das auf die Integration? Sechs Fragen und Antworten zu einem Thema, das immer wieder für Aufregung sorgt.

Der jüngste Fall, der für Schlagzeilen sorgte, stammt aus der Schweiz: Zwei muslimische Jugendliche aus einer Schule bei Basel weigerten sich über Monate, ihren Lehrerinnen zur Begrüßung die Hand zu geben. Die Brüder (14 und 15) begründeten das mit ihrem Glauben, die Lehrerinnen beklagten sich bei der Schulleitung, diese erlaubte den Teenagern nach einem Gespräch mit allen Beteiligten, sich auf einen „mündlichen höflichen Gruß“ zu beschränken.

Die Entscheidung sorgte für eine heftige Debatte, in die sich schließlich auch die Justizministerin einschaltete: „Der Händedruck gehört zu unserer Kultur“, sagte die Sozialdemokratin Simonetta Sommaruga diese Woche im Schweizer Fernsehen. Die zuständige Schulbehörde will nun Juristen klären lassen, wie künftig mit solchen Situationen umzugehen sei. Unterdessen ermittelt die Polizei gegen den Älteren der beiden Brüder, weil er auf Facebook ein Propagandavideo des IS geteilt haben soll. Mit dem IS habe er nichts am Hut, beteuerte der junge Syrer nun gegenüber der Sonntagszeitung. Außerdem klagte er: „Politiker benutzen uns, um Stimmung gegen Muslime zu machen.“

In Deutschland hatte die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner bereits im September 2015 kritisiert, dass ein Imam ihr bei einem Besuch eines Flüchtlingslagers nicht die Hand geben wollte. In den Niederlanden sorgte vergangenen November ein muslimischer Fußballprofi für Aufregung: Er verweigerte einer Reporterin den Gruß per Handschlag.

1. Warum verweigern manche Muslime dem anderen Geschlecht den Händedruck?

In manchen Erklärungen taucht eine Koransure auf, die vor Unzucht warnt (Sure 17, Vers 32). Sowohl Carla Amina Baghajati, die Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) als auch der Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker halten es jedoch für falsch, den Koran für diese Praxis verantwortlich zu machen. Einschlägige Fatwas, also Rechtsgutachten, würden sich vielmehr auf Hadithen, also Überlieferungen über die Handlungen und Aussagen des Propheten, beziehen.

Baghajati erläutert das in ihrem Buch „Muslimin sein“ (Tyrolia) folgendermaßen: „Alle vier sunnitischen und auch die schiitische Rechtsschule schließen von der Praxis des Ablegens des Treueeides der ersten Muslime, bei denen auch Frauen dabei waren darauf, dass Mann und Frau, so sie nicht eng verwandt oder verheiratet sind, sich nicht die Hand schütteln sollten. Denn der Prophet Muhammad nahm den Eid von den Frauen entgegen, ohne dass es zwischen ihnen zu einer Berührung gekommen wäre.“

Die IGGiÖ-Sprecherin führt das Händedruck-Verbot auf eine Kultur zurück, in der Berührungen zwischen nicht verwandten oder verheirateten Männern und Frauen unüblich seien. Hintergrund dieser Gelehrtenmeinung, die Baghajati vor allem „auf salafitischen Fatwaseiten im Internet“ verortet, sei immer „die Gefahr, einen unerlaubten sexuellen Reiz auszulösen“, beziehungsweise der Wunsch, „jede Art von ,Versuchung‘ zwischen Mann und Frau“ zu vermeiden. Dass eine Frau manchmal rituell „unrein“ sein könnte, spiele dagegen überhaupt keine Rolle, schreibt sie in ihrem Buch.

Rüdiger Lohlker sieht das anders. Er kenne zumindest drei Fatwas, die eine solche Unreinheit thematisieren würden, sagt der Islamwissenschaftler. Es gehe aber nicht nur darum, den Kontakt zwischen den Geschlechtern zu minimieren: Für einige sehr konservative Muslime sei der verweigerte Händedruck zu einem „Identitätsmerkmal“ geworden. Sie würden damit signalisieren, dass sie sich von Nichtmuslimen unterschieden.

2. Gibt es solche Fälle auch in Österreich?

Ja. Mindestens ein Fall eskalierte so, dass er auch die Öffentlichkeit erreichte: Eine Grazer Lehrerin wolle den Vater einer Schülerin klagen, weil er ihr den Handschlag verweigert habe, berichtete die Kleine Zeitung im Jänner. Die Situation sei eindeutig gewesen: Der Mann habe einem männlichen Kollegen sehr wohl die Hand gereicht, sie selbst aber „mit ausgestreckter Hand stehen gelassen“.

Die Lehrerin, die anonym bleiben wollte, ist demnach überzeugt, dass es um „grundlegende Frauenrechte“ geht. „Hier darf es keine falsche Toleranz geben“, begründete sie gegenüber der Kleinen ihren Plan, gegen das Verhalten juristisch vorzugehen. „Bestimmte Dinge, wie die Gleichbehandlung von Frauen und Männern, müssen einfach verlangt werden.“

3. Wie hat die zuständige Schulbehörde reagiert?

Gar nicht. Die Lehrerin wollte offenbar auch gegenüber dem steirischen Landesschulrat ihre Anonymität wahren. „Wir haben nicht einmal erfahren, um welche Schule es sich handelt“, sagt dessen Sprecher Martin Wanko. Er sieht aber auch keine Notwendigkeit einzuschreiten. Zum einen, weil es bisher nicht öfter vorgekommen sei. Zum anderen, weil Lehrer diese Art von Problemen normalerweise selbst regeln würden, notfalls mithilfe der Schulleitung.

So eine Situation sei nicht lustig für eine Lehrerin, sagte Wanko weiter, aber wenn Eltern oder Schüler „das in ihrem tiefen Glauben haben, muss man das akzeptieren“. Er ist überzeugt: „Wenn ich heutzutage Lehrer werde, muss ich damit rechnen, dass mir so etwas passieren kann.“ Es gebe schlimmere Probleme: In Graz soll vergangenes Jahr eine 15-Jährige vergewaltigt worden sein. Der Fall wird inzwischen von der Staatsanwaltschaft untersucht.

Das Bildungsministerium wollte nicht verraten, wie es zum Fall der Grazer Lehrerin steht. Auf Anfrage von NZZ.at teilte eine Sprecherin lediglich mit, dass „gegenseitiger Respekt, die Gleichstellung zwi­schen Frauen und Männern und ein friedliches Zu­sammenleben die wesentlichen Grundlagen einer demokratischen und offenen Schulkultur“ seien. Dazu habe man mehrere Broschüren entwickelt und den Lehrern zur Verfügung gestellt. Keine von ihnen enthält jedoch eine Antwort auf die Frage: Wie reagiere ich, wenn Schüler oder Eltern den Gruß per Händedruck verweigern?

4. Welche Regeln gelten in anderen öffentlichen Einrichtungen Österreichs?

Das Rote Kreuz hat gerade einen Ratgeber für Flüchtlinge produziert. Darin heißt es unter anderem: „Selbst­verständlich reichen Männer und Frauen einander die Hand – alles andere gilt als unhöflich.“ Sanktionen gegen eine solche Unhöflichkeit gibt es aber derzeit nicht. Das sagte jedenfalls Karl-Heinz Grundböck, der Sprecher des Innenministeriums: Aktuell bestehe „kein rechtlicher Zwang zum Händeschütteln, daher kann es auch keine Auswirkungen auf den Umgang zwischen Vertretern der Behörden und Personen, die mit diesen Kontakt haben, geben.“ In die Zuständigkeit des Innenministeriums fallen neben der Polizei auch etwa das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl.

Beim Arbeitsmarktservice hält man es ebenfalls für nicht notwendig, auf dem Händedruck zu bestehen. „Bei uns geht es um andere Fragen“, sagt Beate Sprenger vom AMS. „Besucht der Klient seine Kurse? Lernt er Deutsch? Setzt er sich aktiv dafür ein, einen Job zu finden?“ Anpassung an die kulturellen Umgangsformen im Zielland spiele dabei eine wichtige Rolle, aber ein verweigerter Handschlag allein sei noch lange kein Grund für Sanktionen.

5. Müssen gläubige Muslime dem anderen Geschlecht den Händedruck verweigern?

Nein. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich plädiert jedenfalls für den Einsatz des Handschlags zur Begrüßung. „Händeschütteln stellt in Europa eine zentrale Höflichkeitsgeste dar“, sagt IGGiÖ-Sprecherin Baghajati. „Wer dies verweigert, riskiert grobe Missverständnisse in der Kommunikation.“ Aus religiöser Sicht gebe es zudem zahlreiche Gründe, die ein Händeschütteln „im europäischen Kontext angeraten scheinen lassen“. In der islamischen Theologie sei die Absicht eine wichtige Kategorie, erklärt sie in ihrem Buch „Muslimin sein“ (Tyrolia). „Liegt die Absicht eindeutig im Erweisen einer normalen Höflichkeit, die zu unterlassen als Affront verstanden werden könnte, ist die Sorge der Gelehrten völlig unbegründet, es könnten sich vielleicht unziemliche Gedanken regen.“

Die IGGiÖ zeige im Dialog zwar gerne auf, „warum ein nicht händeschüttelnder muslimischer Vater nicht zwangsläufig ein respektloser Frauenverächter sein muss“, sagt Baghajati. Sie halte aber ihre Vertreter dazu an, die „pro Händeschütteln“-Linie vorzuleben. Diese Haltung „verbreitet sich auch innermuslimisch immer mehr“.

6. Was ist die richtige Reaktion, wenn es doch passiert?

Der Integrationsexperte Kenan Güngör empfiehlt, das Gespräch zu suchen. „Man kann und sollte klar sagen, wenn einen das stört oder verärgert“, betont der Soziologe. Hinter der Verweigerung stünden schließlich oft problematische Narrative von Ungleichwertigkeit oder eine Übersexualisierung der Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Deshalb sei es wichtig zu zeigen, dass ein verweigerter Händedruck registriert werde – und dass er irritiere.

Das würde auch all jene stärken, die keinerlei Probleme mit dem Händedruck hätten. Bei der Debatte handle es sich nämlich keineswegs um einen Konflikt zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Lediglich eine kleine Minderheit von Muslimen aus fundamentalistischen Kreisen würde versuchen, die berührungsfreie Begrüßung als Norm durchzusetzen.

Güngör warnt aber vor einem Zwang zum Händedruck: „Wir können nicht alles, was uns nicht gefällt, mit Ge- oder Verboten regeln.“ Sie sollten die letzten, nicht die ersten Mittel unserer Wahl bleiben.