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Kulturkampf im Kühlregal

Meinung / von Julia Herrnböck / 03.12.2015

Spar hat das Halal-Fleisch wegen Protesten aus dem Sortiment genommen. „Fremdenhass in Österreich“ titelt der deutsche Tagesspiegel am Donnerstag. Es geht in diesem Fall um ein Gebet und darum, dass Spar offensichtlich die Eier ausgegangen sind. 

Garanten für ShitstormsAus dem Duden: Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht und Schreibtisch-Empörung in loser Reihenfolge: Migranten, Kopftuch, Feminismus, Rauchverbot, Antisemitismus, Parkpickerl, Fußgängerzonen, NS-Symbolik, Vegetarismus, Tierrechte, Islam.

Gleich fünf dieser Kategorien vereinen sich in der Frage nach religiöser Schlachtung, dem Schächten. Eine Super-Kategorie sozusagen. Unter Vorschub des Tierleids lässt sich wunderbar im Netz polemisieren: Barbaren seien diese Muslime und Juden, die ihre Kühe und Schafe ausbluten lassen, bevor sie „halal“ oder „koscher“ auf dem Teller landen.

Die Unternehmensgruppe Spar hat bei dem heiklen Thema offenbar zwei Fehler gemacht: sie hat die Schlagkraft der Reizwörter im Netz unterschätzt und sich dann von einer Facebook-Debatte einschüchtern lassen. Das Halal-Fleisch wurde aus dem Sortiment entfernt, Spar hat also den Troll gefüttert und wird noch ein paar Tage Beschimpfungen über sich ergehen lassen müssen – und zwar von linker wie von rechter Seite. Unter dem Deckmantel des Tierleids wird Politik gemacht.

„Als Nahversorger für alle Bevölkerungsgruppen in Österreich sind wir traurig und schockiert über den Tonfall der Diskussion“, schreibt der Lebensmittelriese auf seiner eigenen Seite. Gerade in seiner Rolle als Nahversorger für alle Bevölkerungsgruppen hätte Spar die paar rassistischen Postings aushalten müssen. Wieso lässt sich ein privater und so mächtiger Konzern auf Facebook politisch vereinnahmen? Sind Spar etwa die Eier ausgegangen?

Kaufmännische Entscheidung

Halal-Fleisch ins Sortiment aufzunehmen ist eine kaufmännische Entscheidung, die aufgrund der wachsenden Käuferschicht ökonomisch sinnvoll sein kann. Das wissen andere Ketten wie Merkur schon seit Jahren. Zweitens ist die Halal-Schlachtung aufgrund der strengen Auflagen unbedenklich. So muss etwa immer ein Amtstierarzt anwesend sein.

Heutzutage glaubt hoffentlich niemand, Fleisch aus Massentierhaltung stamme von „glücklichen Tieren“. Schlachtungen im Sekundentakt sind grausam und wer das nicht erträgt, sollte generell über sein Konsumverhalten nachdenken. Ein Stück Fleisch aus Halal-Produktion stammt eher von einem Tier, das wegen der vorgeschriebenen Betäubung von der Tötung nichts mitbekommen hat, als das 3,50-Euro-Schnitzel vom Discounter.

Der Unterschied besteht vor allem darin, dass bei der traditionellen Schächtung ein Gebet gesprochen wird. Eigentlich ein schöner Gedanke. Die Schlachtung ohne Betäubung ist in Österreich an sich verboten, es gibt allerdings AusnahmegenehmigungenIn Österreich untersagt das Tierschutzgesetz das Schlachten von Wirbeltieren ohne vorherige Betäubung. Aus religiösen Gründen können jedoch Sondergenehmigungen erteilt werden. Basis dafür ist eine Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes (VfGH) aus dem Jahr 1998, die einen Kompromiss zwischen dem Grundrecht der Religionsausübungsfreiheit und dem Tierschutz sucht. 26 Schafe wurden auf einem Hof in Feldkirch ohne Betäubung geschlachtet. Der Hofbesitzer, der die Tiere zuvor türkischen Staatsbürgern verkauft hatte, wurde wegen Beihilfe zur Tierquälerei angeklagt. Im Nachhinein entschied der VfGH, dem Tierschutz komme – vor dem Hintergrund der in den Grundrechten zum Ausdruck gebrachten Werteskala – kein durchschlagendes Gewicht gegenüber dem Recht auf freie Religionsausübung zu. Das Verfahren der Schlachtung ohne Betäubung nennt sich „Post-Cut Stunning“. Eine Schächtung darf nur durch Personen mit notwendigen Kenntnissen vorgenommen werden, deren Ausbildung praktische wie geistige Aspekte umfasst. . Spar jedenfalls bezog Fleisch von Tieren, die betäubt wurden. Es ging also weniger um Grausamkeit, als ausschließlich um den religiösen Kontext und damit um die Themen: Einwanderung, Überfremdung, Entfremdung.

Religion hat im Handel nichts verloren. Die Kennzeichnung von Produkten aus israelischen Siedlergebieten sorgt bei vielen Juden für Luftanhalten. Das deutsche Kaufhaus KaDeWe bietet nach dem Boykott wieder Weine an, nachdem sich sogar Israels Premier Benjamin Netanjahu eingemischt hat. Die Weltpolitik ist komplex genug, sie muss sich nicht auch noch im Supermarkt-Regal widerspiegeln.

Es gibt zunehmend mehr Menschen in Österreich und anderswo in Europa, die Halal-zertifizierte Lebensmittel kaufen wollen. Das sollen sie auch können, solange die Herstellung den Gesetzen entspricht, genau wie bei anderen Produkten. Der Handel darf sich nicht aus politischen Gründen gegen Produkte einer Bevölkerungsgruppe entscheiden.