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Asylwerber in Wien

Leben im Provisorium

von Meret Baumann / 25.12.2015

Der Flüchtlingsstrom hat seinen Höhepunkt vorerst überschritten. In Österreich leben aber noch Tausende von Asylsuchenden in eigentlich nur für die Durchreise gedachten Notquartieren. Eine Reportage von Meret Baumann, NZZ-Korrespondentin in Wien.

Mirwat Abbara kann den Tag, an dem sie sich zum Verlassen ihrer Heimat Syrien entschloss, genau benennen. Mit ihren drei Kindern und dem Ehemann wollte sie im Juli am zweiten Tag der Feierlichkeiten zum Ende des Ramadans ihren Vater in Homs besuchen. Doch an einem Checkpoint wurde sie festgenommen – in Festtagskleidung und vor den Augen der Familie. Den Grund kann die knapp 40-Jährige nicht nennen. Man habe sie nur gefragt, warum sie vier Jahre lang nicht mehr in Homs gewesen sei, und sie dann weggebracht. Acht Tage musste Mirwat im Gefängnis verbringen. Sie spricht von Missbrauch, Erniedrigung und der ständigen Angst, vergewaltigt zu werden.

Keine Betten, keine Duschen

Am 25. Juli kam die Frau gegen Bezahlung von umgerechnet 3.000 Euro frei. Ihr Mann habe dafür das Auto verkauft, sagt Mirwat. Natürlich sei die Situation in Kusaya, einem Vorort von Damaskus, wo die Familie lebte, schon zuvor schlecht gewesen. Die Versorgungslage sei katastrophal, und nach zwei Bombenangriffen hätten die Kinder nicht mehr zur Schule gehen können. „Sie waren glücklich darüber, aber für mich war es schlimm“, erzählt die Lehrerin für Mathematik und Physik lächelnd. Doch erst am Tag ihrer Freilassung entschied sie sich für die Flucht.

„Türkei, Überfahrt im Schlauchboot nach Griechenland, die Balkanroute“, zählt die Frau auf. „Ich wusste, dass es eventuell tödlich ist.“ Doch nach dem Horror im Gefängnis habe sie nur noch um die Kinder und den Mann Angst gehabt, nicht mehr um sich. Mirwat sitzt auf einem Stuhl am hohen Fenster eines Wiener Gründerzeithauses, ihr Haar steckt unter einer grauen Wollmütze. Der Raum ist, abgesehen von zwei Bänken an den Wänden, leer. „Das ist unser Vorzimmer, hier empfangen wir unsere Gäste“, sagt sie lachend. Abgetrennt mit einem pinkfarbenen Tuch liegt das Zimmer, in dem die fünfköpfige Familie lebt. Dünne Matten auf dem Boden dienen als Betten, in Kartons sind Kleider und einige Spielsachen verstaut. Sie nutze die Schachteln als Schränke, um etwas Ordnung zu haben, erklärt Mirwat.

Seit dem 3. November wohnt die Familie Abbara nun bereits in diesem Notquartier im 7. Bezirk Wiens, nur einige Schritte von der Einkaufsmeile Mariahilfer Straße entfernt. Das alte Gebäude diente einst als Finanzamt, stand aber für zweieinhalb Jahre leer. Ende Oktober hat das Rote Kreuz es quasi über Nacht als Transitquartier eröffnet für die hunderttausenden Flüchtlinge auf der Durchreise nach Deutschland. Für einen Aufenthalt von mehr als ein oder zwei Nächten ist es nicht geeignet, es gibt weder Betten noch Duschen.

Fehlende Vorbereitung

Doch seit September steigt die Zahl der Asylgesuche auch in Österreich stark an, allein im November waren es über 12.000. Zwar hat der Zustrom nun abgenommen, doch es fehlen tausende winterfeste Unterbringungsplätze. Sechs Hilfsorganisationen schlugen kürzlich Alarm und erklärten, das Asylsystem des Landes funktioniere nicht mehr. Rund 7.000 Personen lebten in Notquartieren unter unzumutbaren Bedingungen, Hunderte seien obdachlos.

Vor wenigen Wochen hat das Wiener Hilfswerk die Betreuung des Altbaus im 7. Bezirk übernommen. Sein Flüchtlingskoordinator Gernot Ecker weiß um die Unzulänglichkeiten. Gut 150 Asylsuchende hätten zwar ein Dach über dem Kopf, aber es sei schwierig, wenn man in einem Gebäude nicht im Vorfeld die notwendigen Strukturen schaffen könne. Inzwischen sind Etagenbetten bestellt, und im Januar werden sechzehn Duschen eingebaut. Eine Waschmaschine habe man auch, sagt die Hausleiterin Christina Schilling. „Aber noch keinen Anschluss.“ Zweimal die Woche dürfen je dreißig Flüchtlinge außerhalb der Öffnungszeiten das nahe „Tröpferlbad“ besuchen, ein Hallenbad mit Duschen. Gegen Bezahlung von 1,40 Euro ist deren Nutzung auch sonst möglich.

Auf drei Stöcken sind jeweils zwei bis neun Personen in unterschiedlich großen Zimmern untergebracht. Im Erdgeschoß befinden sich zusätzlich Gemeinschaftsräume, eine improvisierte Cafeteria und der Raum, in dem Deutschstunden abgehalten werden. Die Luft ist stickig, in den Gängen riecht es nach Reinigungsmittel und Urin. Eine Putzfrau ist zwar täglich mehrere Stunden anwesend, doch es sei schwierig, die Toiletten sauber zu halten, sagt Schilling. Mittlerweile zeigen Piktogramme an den Türen die richtige Benutzung westlicher WCs, zudem hängen überall Zettel mit weiteren Hinweisen auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Farsi.

Der Wunsch nach einer Tür

Gewisse Regeln zu schaffen sei sehr wichtig gewesen, betonen Ecker und Schilling. Geraucht werden darf nur noch im Hof, Gäste müssen das Haus um 22 Uhr verlassen, das Tor wird eine Stunde später geschlossen. So funktioniere das Zusammenleben von Arabern und Afghanen oder Iranern sowie zwischen Familien und allein reisenden Männern inzwischen recht gut, erzählt Schilling. „Wir mussten eine Tagesstruktur schaffen.“ Es gibt fixe Essenszeiten, das Frühstück und das Abendessen werden jeweils vom Bundesheer geliefert. Meist handelt es sich um Eintopfgerichte, Brot und Obst, dazu Wasser, Tee und Kaffee.

Zumindest bis Ende 2016 dürfte die zunächst nur als Notquartier geplante Einrichtung Flüchtlinge beherbergen, sagt Ecker. Ab Januar gehen alle Kinder in nahe Schulen und Kindergärten. Den Höhepunkt der Überforderung der Behörden vom Oktober und November sieht Ecker überschritten, nun verlaufe alles professioneller. Gut sei die Situation aber keineswegs. Das Gleiche sagt auch Mirwat. Einmal habe sie ausgerufen, sie brauche weder Essen noch Decke, nur gewisse Regeln und Sauberkeit. Und eine Tür für das Zimmer ihrer Familie wünscht sie sich. Die Türen wurden auf dem Estrich gelagert, nun werden sie nach und nach eingebaut. Wie lange die Familie Abbara hierbleibt und ab wann sie die Grundversorgung für Asylsuchende ausbezahlt bekommt, weiss Mirwat nicht. Derzeit beträgt die Wartezeit viele Wochen. „Aber ich habe einen sicheren Ort und eine Ausbildung für meine Kinder gesucht“, fügt sie an. Diesen glaubt sie gefunden zu haben.