Lukas Wagner

Flüchtlinge

Lost in Traiskirchen

von Elisalex Henckel / 10.12.2015

Die Zahl der Flüchtlinge im größten Lager Österreichs ist seit der Krise im Sommer stark gesunken. Das hat vieles erträglicher gemacht, aber längst nicht alle Probleme gelöst. Helfer sorgen sich vor allem um die vielen Minderjährigen im Lager – und die Obdachlosen vor den Toren. Eine Multimedia-Reportage von Lukas Wagner (Video und Fotos) und Elisalex Henckel (Text)

Es wird noch gehämmert und gebohrt, als Franz Schabhüttl, der Leiter der Erstaufnahmestelle in Traiskirchen, am Mittwoch die neueste Errungenschaft seiner Institution präsentiert: ein zehn mal 32 Meter großes, beheizbares Zelt, das der deutsche Flüchtlingsexperte und nunmehrige Regierungsberater Kilian Kleinschmidt mit Hilfe des World Food Programmes organisiert hat.

Das neue beheizbare Großzelt steht gleich am Eingang des Erstaufnahmezentrums.
Credits: Lukas Wagner

Das Zelt steht gleich am Eingang des Lagers, das diesen Sommer auf Grund massiver Überbelegung als „Ort der Schande“ international für Schlagzeilen gesorgt hat. Biertische und -bänke sind bereits aufgebaut, 20 Feldbetten und eine Heizkanone sollen noch dazukommen. Sobald die Arbeiten abgeschlossen sind, werde das Zelt „als Wartebereich“ für Menschen dienen, die in Traiskirchen einen Asylantrag stellen wollen, sagt Schabhüttl.

Das sind immer noch durchschnittlich 80 Menschen am Tag. Die meisten von ihnen werden aber auf Dauer nicht in der Erstaufnahmestelle bleiben können. Seit dem im September erlassenen Aufnahmestopp kommen hier nur noch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Menschen, die sich im Dublin-Verfahren befinden und „vulnerable“ Gruppen wie allein reisende Frauen, Familien mit Kindern bis sieben Jahren sowie Kranke oder Menschen mit Behinderungen unter.

Es sind wieder Plätze frei

Der Aufnahmestopp hat dazu geführt, dass die Zahl der Flüchtlinge in Traiskirchen von etwa 4.500, dem Höchststand im Juli, inzwischen auf exakt 1.685 gesunken ist, wie Hofrat Schabhüttl an diesem feuchtkalten, grauen Dezembermorgen nicht ohne Stolz erzählt. Insgesamt gebe es 1.700 Plätze in regulären Zimmern, bei Bedarf könnten noch 120 weitere in einem Personalspeisesaal und einem Fitnessraum geschaffen werden.

Alles gut also in Traiskirchen? Nicht ganz. Zum einen ist der Anteil der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge im Lager immer noch besonders hoch: Die 1.243 vor allem männlichen Jugendlichen stellen fast drei Viertel der Bewohner.

Das haben erst vor drei Wochen mehrere Nichtregierungsorganisationen, die sich für Kinder einsetzen, scharf kritisiert. In Großquartieren fehle es an „Bezugspersonen, an Bildung, an Möglichkeiten, das Erlebte zu verarbeiten“, sagte etwa SOS-Kinderdorfgeschäftsleiter Clemens Klingan. An Orten wie Traiskirchen werde kaum ein Kinderrecht nicht verletzt.

Hofrat Franz Schabhüttl leitet das Lager, das offiziell „Betreuungsstelle Ost“ heißt.
Credits: Lukas Wagner

Franz Schabhüttl wünscht sich auch, dass die Länder mehr Plätze für die Jugendlichen schaffen, aber die „Übernahmebereitschaft“ sei noch geringer ausgeprägt als bei anderen Gruppen von Flüchtlingen. Dass es im Lager an Angeboten für die Kinder mangele, bestreitet er jedoch und zeigt verwaiste Spiel- und Fußballplätze oder einen weihnachtlich dekorierten, aber bescheiden besuchten Aufenthaltsraum für Frauen und Kinder. Gerade in Bezug auf Deutschkurse und sogenannte „Brückenklassen“ für Schulpflichtige sei das Angebot weit größer als die Nachfrage, sagt der Leiter des Lagers. Er führt das auf die Nähe der Shopping City Süd und der „Weltstadt Wien“ zurück: „Die wirken wie Magneten.“

Babler will weg von „Massenabfertigung“

Andreas Babler, der Bürgermeister von Traiskirchen, sieht das etwas anders. Die Deutschkurse und anderen Aktivitäten, die Freiwillige in Kooperation mit der Stadt organisieren, seien bestens besucht, sagt der SPÖ-Politiker. Dass es im Lager anders sei, müsse also etwas mit der Qualität der Angebote zu tun haben.

Babler hält das Erstaufnahmezentrum immer noch für schwer überbelegt. Das sehe man schon alleine daran, dass die Leute inzwischen wieder in der Kälte um ihr Essen anstehen müssten, da der Speisesaal nur gut 200 Menschen fasse. Bei der derzeitigen Belegung sei weiterhin nur „anonyme Massenabfertigung“ möglich, sagt er  – und pocht erneut auf die Höchstzahl von 480, die Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) 2010 mit seiner Parteikollegin, der damaligen Innenministerin Maria Fekter, getroffen hat.

Auf Schabhüttls Einwand, das wäre „wünschenswert, aber derzeit nicht realistisch“, verweist Babler auf die Veränderungen seit dem Sommer: Es seien ja bereits fast 3.000 Flüchtlinge in kleinere Quartiere überführt worden. „Da hat man gesehen, dass es sehr wohl machbar ist, wenn der politische Wille und ein gewisser Umsetzungsdruck da ist.“ Man müsste dazu allerdings die Abhängigkeit der Flüchtlingspolitik vom Good Will der Länder reduzieren. Dazu brauche es endlich ein Bundesgesetz, das unter anderem die Aufteilung und Betreuung von Flüchtlingen regele.

Obdachlose vor den Toren des Lagers

Ein weiteres Problem, über das nicht nur Babler, sondern auch freiwillige Helfer klagen, ist die Obdachlosigkeit. Im Lager muss zwar niemand mehr unter freiem Himmel schlafen, vor seinen Toren stranden aber immer noch Flüchtlinge, die nicht wissen, wo sie die Nacht verbringen sollen.

Als es im September kühler wurde, begannen Freiwillige, die Menschen einzusammeln und in der nahegelegenen Moschee sowie in der katholischen oder der evangelischen Pfarre unterzubringen. Im Oktober und November seien es jeden Abend bis zu 200 gewesen, sagt die ehrenamtliche Helferin Birgit Pinz. Sie hätten ein bis zwei Nächte dort verbracht, viele seien dann nach Wien weitergezogen.

Dort blieben sie nicht unbemerkt. Der Aufnahmestopp in Traiskirchen habe zu „massenhafter Obdachlosigkeit“ geführt, kritisierte Peter Hacker, der Flüchtlingskoordinator der Stadt Wien, bereits im Oktober. Die Lage im Erstaufnahmezentrum sei „auf Kosten der Transitquartiere“ in Wien verbessert worden.

An einem Abend vor drei Wochen wussten aber auch die Ehrenamtlichen in Traiskirchen nicht mehr weiter. Es seien einfach zu viele Menschen für die Notquartiere der Glaubensgemeinschaften geworden, sagt Birgit Pinz. Die Freiwilligen alarmierten die Rettung und erreichten, dass einige Flüchtlinge in kleineren (inzwischen abgebauten) Zelten am Eingang Unterschlupf fanden, andere in einem ausrangierten Linienbus.

Ein Linienbus als letzte Zuflucht

Der Bus steht inzwischen in einem abgesperrten Bereich im hintersten Winkel des Lagers. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch haben hier laut Auskunft des zuständigen Sicherheitsmannes 27 Männer und Frauen übernachtet.

Manche von ihnen würden schon seit einem Monat im Bus schlafen, sagt Birgit Pinz. Die ehrenamtliche Helferin und ihre Mitstreiter vom Verein „Direkt Flüchtlingshilfe“ bringen den Menschen jeden Abend warmes Essen und stark gesüßten Tee. Vom ORS, dem privaten Betreiber in Traiskirchen, gibt es nur Lunchpakete. Davon würden vor allem die Männer nicht satt, sagt Pinz.

Parnia ist 16 Jahre alt und kommt aus Afghanistan. Gemeinsam mit ihrem 13-jährigen Bruder und ihrer an Nierenproblemen leidenden Mutter schläft sie schon seit zwei Wochen im Bus. An diesem Vormittag sind die drei auf dem Weg in die Diakonie, um noch einmal nachzufragen, ob es nicht doch irgendwo noch einen wärmeren Platz gibt.

Im Bus habe es nie mehr als zehn bis zwölf Grad, sagt Flüchtlingshelferin Pinz. Sie hofft, dass die Menschen bald aus dem Bus in das neue beheizbare Großzelt am Eingang übersiedeln können, doch davon will Franz Schabhüttl zunächst nichts wissen. Für die Menschen, die bereits einen Antrag gestellt hätten, aber nicht zu den vom Ausnahmestopp ausgenommenen Gruppen gehören, sei man in Traiskirchen nicht mehr zuständig, sagt er.

Eine Stunde nach dem Ende von Hofrat Schabhüttls Vorstellung des neuen Großzelts ruft das Innenministerium an. Es gehe um eine Klarstellung, sagt Ministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck. „Die Funktion, die jetzt noch der Bus hat, wird das Zelt übernehmen.“ Es bleibe zwar dabei, das Zelt sei ein „Wartebereich“, aber dabei müsse es nicht zwingend um das Warten vor der Antragstellung gehen, es könne auch Menschen dienen, die auf die Überstellung in ein anderes Quartier warten.

Das Missverständnis sei entstanden, weil es die Baubewilligung erst in mündlicher Form gebe, sagt Grundböck. Es gebe aber seitens der Stadt Traiskirchen keine Einwände dagegen, auch die Flüchtlinge aus dem Bus im Zelt unterzubringen. Bürgermeister Babler bestätigt das: „Das ist eine rein menschliche Entscheidung gewesen“, sagt er. Er wolle nicht, dass Menschen auf der Straße schlafen müssen. Wirklich notwendig seien Zelte aber nicht: „Es gibt immer noch zig leerstehende Objekte, die aus politischen Gründen nicht genutzt werden.“

Birgit Pinz bleibt an diesem Abend länger. Sie will wissen, ob „ihre“ Schützlinge nach dem Abendessen wirklich ins geheizte Zelt umziehen dürfen. Aber als sich die ersten schlafen legen wollen, wird dort noch gearbeitet. Also legen sich die Menschen wieder in den Bus. 20 sind es in dieser Nacht. Sie schlafen am Boden, das ist auf Dauer angenehmer als im Sitzen. Aber ob es dabei bleibt, steht um neun Uhr abends, als Birgit Pinz nach Hause fährt, noch nicht fest.

Am Eingang vor dem Zelt warten zehn weitere Flüchtlinge darauf, dass sie ins Zelt dürfen. Aber die Sicherheitsleute haben zur Sicherheit schon mal im Bus angerufen, ob dort nicht Platz für ein paar mehr Menschen ist.