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Österreichisches Deutsch

Marille, Jänner und der Kampf um die österreichische Sprache

Meinung / von Moritz Moser / 05.12.2015

Das österreichische Deutsch ist lebendiger als sein Ruf. Die Marillendämmerung steht noch aus. Was allerdings fehlt, ist ein österreichisches Sprachbewusstsein.

Es ist einer der apokalyptischen Berichte zur Sprachentwicklung, an den man sich als Österreicher bereits gewöhnt hat: „Servus“ und „Pfiati“ würden sich „vertschüssen“, heißt es wieder einmal. Auch „das Cola“ soll trotz Red-Bull-Kampagne kurz vor dem sprachlichen Tod stehen. Es ist eben so: Sprachen, Mundarten und selbst Schreibweisen ändern sich. Sie sind nicht statisch, sondern in Bewegung. Weg von manchem, hin zu anderem. Das österreichische Deutsch nähert sich dem deutschen an.

Noch leben etliche auffällige und unauffällige österreichische Besonderheiten. Noch hatVerben, die Körperhaltungen und -handlungen ausdrücken, werden in Österreich grundsätzlich mit dem Hilfszeitwort „sein“ und nicht, wie in Deutschland, mit „haben“ gebildet. Jemand ist auf der Bank gesessen, hat aber bei der Polizei gestanden, wenn damit das Ablegen eines Geständnisses gemeint ist. man als Österreicher nur in, aber nicht vor der Polizeiinspektion gestanden. Aber insbesondere junge Menschen passen ihren Sprachgebrauch immer stärker ihrem (deutschlandlastigen) Medienkonsum an. Damit geht ein gewisser Wortschatzverlust einher, den man, wenn überhaupt, nur mit sprachpolitischen Maßnahmen aufhalten kann.

Die Sprache, die keine ist

Es liegt eine Welt zwischen Deutschen und Österreichern, zwischen Quark und Topfen. Nicht nur, was er sagt, sondern auch, wie er es sagt, macht den Österreicher aus. Er neigt zur I-Vokalisierung und zur Schwa-Tilgung, er unterscheidet sich durch Nasalassimilation, Lenisierung und ein eigenes Dialekt-Standard-Kontinuum.

Keine zwei Menschen verwenden exakt denselben Wortschatz, sprechen genauso wie der andere. Man spricht und schreibt Mundart oder Hochdeutsch, durchmischt und abwechselnd, angereichert mit sozialspezifischen Begriffen und Ausdrucksweisen. Das österreichische Deutsch ist eine Standardvarietät des Deutschen. Man hat in Österreich weitgehend häufig vorkommende Wörter zur Hochsprache erklärt und mit dem Wortschatz des gesamten Sprachraums im Österreichischen Wörterbuch gesammelt. So schreibt man in Österreich. Punkt.

Zuständig dafür ist die Redaktion des Österreichischen Wörterbuches. Sie erstellt das „amtliche Regelwerk“. Das Wörterbuch war, wie der zunächst forcierte Ausbau des österreichischen Deutsch, ein politisches Projekt der Nachkriegszeit. Die treibende Kraft dahinter war ÖVP-Unterrichtsminister Felix Hurdes. Die FPÖ und andere deutschnationale Kreise geißelten die verstärkte Verschriftlichung des österreichischen Deutsch deshalb als „Hurdestianisch“. Sie verachten es für das, was es ist: eine sprachliche Betonung der österreichischen Eigenständigkeit.

Strạn|kerl das, -s/-[n] (meist Pl.) (reg., zB K, ugs.) (Küchenspr.): Fisole

Österreichisches Wörterbuch

Mehr als unter der deutschnationalen Schmähung leidet das österreichische Deutsch heute aber unter der mangelnden Homogenität der österreichischen Mundarten. Marillen isst man in Bregenz wie in Wien, Jänner schreibt man in Feldkirch und in Eisenstadt. Von Paradeisern will man aber schon in Kufstein nichts mehr wissen, der Erdapfel hatte schon immer viele Namen. Viele Wörter sind zu sehr in einer lokalen Mundart verhaftet, um sie für ganz Österreich zu standardisieren.

Und wie soll man Mundartwörter überhaupt in die Hochsprache setzen? Vereinheitlichungen führen zwangsläufig zu Verkürzungen. Am Ende orientiert man sich meistens an der Mehrheit, der größten oder einflussreichsten Gruppe. Das Kärntner Wort für Fisolen, die andernorts Bohnen heißen, „Strangalan“, hat es zum Beispiel nur in der allgemeineren, im restlichen Ostösterreich verständlicheren Form „Strankerln“ ins Österreichische Wörterbuch geschafft.

Fehlender politischer Wille

Mundarten in eine Sprache zu bringen ist schwer und erfordert ein Ausmaß an politischem Druck, das vor allem in der Vergangenheit ausgeübt werden konnte, aber mit einer modernen Demokratie kaum mehr vereinbar ist. Über die Macht, einen Vorarlberger dazu zu bringen, „Fisolen“ zu sagen, verfügt kein Rechtsstaat.

gschert, auch: geschert (ugs., abw.): geschoren; bäurisch, tölpelhaft, naiv | unkultiviert; → scheren

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In den Obrigkeitsstaaten des deutschen Dialektkontinuums wurde am Ende eine Sprache geschmiedet. Nur die Niederländer haben sich rechtzeitig abgeseilt. In Österreich gab es, auch durch die lange politische Verbindung mit dem Heiligen Römischen Reich, kaum solche Tendenzen. Die Radikalforderung nach dem Aufbau einer eigenen österreichischen Sprache, wie das mit dem Luxemburgischen geschieht, hatte nie wirklich Aussicht auf Erfolg. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Die fehlende Einheitlichkeit der österreichischen Dialektlandschaft
  • Der wirtschaftliche Vorteil einer gemeinsamen Sprache mit dem größten Handelspartner
  • Die Kostenintensität eines solchen Projekts
  • Erwartbare Widerstände in der Bevölkerung

Aber selbst der politische Wille, das österreichische Deutsch verstärkt vor der Verdrängung durch deutsche Spracheinflüsse zu schützen, war nie besonders ausgeprägt. Einerseits werden aktive politische Eingriffe in die Sprache zu Recht kritisch gesehen, andererseits ist die unterentwickelte Äquidistanz der heimischen Politik zur Medienlandschaft bekannt. Sprachpolitik würde schließlich EingriffeIn Europa führt insbesondere Frankreich, aber zum Beispiel auch Island, ein strenges sprachpolitisches Regime. Medienunternehmen, die nichtfranzösische Begriffe verwenden, müssen die französischen mitanführen. Missachtungen können mit Geldstrafen belegt werden. Frankreich hat sich diese Maßnahmen unter anderem im EU-Recht absichern lassen. in die Sprachwahl heimischer Unternehmen bedeuten. Daraus ergeben sich zwangsläufig Reibungspunkte mit der Presse- und der Erwerbsfreiheit. Gleichzeitig dürfte die Bereitschaft der österreichischen Bundesregierung, Boulevardmedien für die Verwendung des Wortes „Januar“ zu strafen, sehr gering ausgeprägt sein.

Der Feber ist tot

Eine Sprache, so wird der Linguist Max Weinreich oft zitiert, sei ein Dialekt mit einer Armee und einer MarineWeinreich bezog sich damit auf eine Äußerung eines seiner Hörer. Im jiddischen Original: „A shprakh iz a dialekt mit an armey un flot“ . Das österreichische Deutsch aber ist eine Standardvarietät mit wenig politischem Rückhalt. Beim EU-Beitritt hat man gerade einmal 23 Wörter angemeldet, die geschützt werden sollen. Die österreichische Definition von „Marmelade“ war bekanntlich nicht dabei. In den heimischen Supermarktregalen steht seitdem das Zwitterwesen „Marillenkonfitüre“.

Für Erforschung und Verbreitung des österreichischen Deutsch wird gleichzeitig wenig Geld in die Hand genommen: Das Österreichische Wörterbuch gibt es nach wie vor nicht als große für die Sprachwissenschaft ausgelegte Ausgabe, weshalb österreichisches Deutsch im internationalen Deutschunterricht maximal als Karfiol-Melanzani-Marillen-Kuriosum abgehandelt wird.

Vie|rer (4er)
der, -s/-: die Ziffer Vier (4) |
(Sport) Boot für vier Ruderer
Die österreichischen Formen
der nominalisierten Zahlwörter
werden auf -er gebildet:
– einen Vierer hinschreiben (bes.
in Deutschland: eine Vier)
– als Note einen Vierer ( ein
Genügend) bekommen (bes. in
Deutschland: eine Vier)

Österreichisches Wörterbuch

Im staatlichen Radio gibt es auch keine Quote für österreichische Musik, wobei diese nicht einmal zwangsläufig als sprachschützerische Maßnahme wirken würde. Der Großteil der heimischen Pop-Kometen singt ohnehin wie ein hannoverscher Knabenchor. Man mag von „Wanda“ halten, was man will, wie lange sie gebraucht haben, um mit ihrer mundartgefärbten Musik auf Ö3 gespielt zu werden, ist bezeichnend.

In Österreich wird die Sprache eben nur ein bisserl geschützt. Das Unterrichtsministerium hat eine Broschüre für den Schulgebrauch erstellen lassen. Fraglich nur, wie sie im mit überfrachteten Lehrplänen und Unterrichtsprinzipien chronisch überlasteten Schulalltag angewendet wird. Österreichisches Deutsch spielt in der Lehrerausbildung keine wesentliche Rolle.

Währenddessen ergießt sich eine Welle deutscher Medienprodukte über Österreich. Vor allem Fernsehsender, deren Österreich-Fenster oft nur aus Werbung besteht, prägen den Sprachgebrauch seit längerem. Spezifisch österreichische Begrifflichkeiten werden außerdem von jenem Minderwertigkeitsgefühl dahingerafft, das uns seit jeher mit unseren nördlichen Nachbarn verbindet. Die Vorstellung, Austriazismen seien per se schlechteres Deutsch, geht auf deutschnationale Vereinheitlichungstriebe des 19. Jahrhunderts zurück, wurde im Nationalsozialismus verstärkt und ist danach nie aus den Köpfen gewichen.

Aus „weiters“ wird so schnell „des Weiteren“, „einfärbig“ wird „einfarbig“. Je seltener ein lokalspezifisches Wort verwendet wird, desto schneller weicht es einem gesamtdeutschen Begriff. „Röntgenisieren“ und der „Feber“ haben es schon hinter sich. Auch kleine Unterschiede wie fehlende oder zusätzliche Fugenlaute verschwinden eher als andere: Adventskalender, Börsengang und Zugsverkehr stehen auf der Abschussliste der österreichischen Sprachentwicklung.

Lang lebe der Jänner

Angesichts dessen muss es einen nicht verwundern, wenn Schulkinder mittlerweile davon berichten „eine Eins“ statt „einen Einser“ bekommen zu haben und das Wort „lecker“ zur veritablen Positivqualifikation einer Mehlspeise gereicht. Stärker verwurzelte Wörter wie „Jänner“ oder „Marille“ werden allerdings nicht so schnell verschwinden.

Jännerloch: Flaute im Tourismus nach den Weihnachtsferien

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Es ist der emotionale Bezug der Menschen zu ihrer Sprache, der sie dazu veranlasst, diese vor Veränderungen bewahren zu wollen. Ob und wie man Maßnahmen setzen kann, die die heimischen Sprachvarianten stärker betonen, hängt letztlich davon ab, ob eine ausreichend große Zahl an Österreichern ausreichend stark daran hängt. Während der Umgang mit der französischen Sprache in Frankreich bisweilen einen geradezu religiösen Charakter annimmt, bleibt unser Verhältnis zur deutschen Sprache in Österreich eher regionalistisch bis indifferent.

Zwar wird sie in Umfragen zur österreichischen Identität regelmäßig als einer der wichtigsten Faktoren angeführt, gemeint wird aber wohl vor allem die jeweilige Mundart. Vorarlberger sprechen Vorarlbergerisch, Tiroler Tirolerisch. Im Hinblick auf nicht überall im Land verbreitete standardisierte Begriffe, fehlt diese Anhänglichkeit. Was außerdem fehlt, ist ein Bewusstsein für das Vorhandensein sprachlicher Unterschiede. Wer weiß, dass „kontroversiell“ ein Austriazismus zu „kontrovers“ ist, kann sich entscheiden, ihn zu verwenden, wenn er Wert darauf legt. Sprachbildung wäre der einzige Punkt, an dem die Politik sinnvoll und langfristig ansetzen könnte. Die Entscheidung, welche Wörter man verwendet, hat man in einer freien Gesellschaft am Ende immer noch selbst.