Lilly Panholzer

Muslimbrüder in der Extremismus-Prävention

Mehr Brandstifter als Feuerwehr

von Elisalex Henckel / 30.10.2015

Warum der Muslimbruderschafts-Experte Lorenzo Vidino davon abrät, Dschihadisten mit Islamisten zu bekämpfen.

Es gibt eine Frage, die man auch abseits der Verbindungen zwischen der MJÖ und der Muslimbruderschaft diskutieren kann. Eine allgemeinere Debatte, die in größeren europäischen Ländern schon vor Jahren geführt wurde. Eine Diskussion, der sich auch Österreich stellen sollte.

Was bedeutet das eigentlich, wenn Regierungen mit Islamisten gegen Dschihadisten kämpfen? Wäre das schlimm? Oder vielmehr ein ziemlich cleverer Schachzug?

In der zweiten Hälfte der Nullerjahre gab es gerade im angelsächsischen Raum zahlreiche Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger, die das bejaht hätten. Sie plädierten dafür, nicht nur zwischen gewaltbereiten und nicht gewaltbereiten Islamisten zu unterscheiden, sondern auch dafür, Letztere gegen Erstere einzusetzen.

„Die Selbstmord-Fabrik“ am Finsbury Park

Als Beispiel, wie das funktionieren könnte, nannten sie besonders oft den Umgang mit der Londoner Finsbury-Park-Moschee. Bis zu seiner Verhaftung im Jahr 2006 hatte dort der einäugige Ägypter Abu Hamza al-Masri gepredigt, der Anfang des Jahres in den USA wegen Terrorvorwürfen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Zu den Besuchern der Moschee gehörten damals unter anderem der „Schuhbomber“ Richard Reid und mehrere andere von Al-Kaida inspirierte und später verurteilte Terroristen. 2010 erschien ein Buch über die Moschee: Es trug den Titel: „The Suicide Factory“.

Nach der Verhaftung Masris’ habe die Polizei der Muslim Association of Britain (MAB), einer der Bruderschaft nahestehenden Organisation, die Kontrolle über die Moschee übertragen, schrieben beispielsweise die US-Experten Robert S. Leiken und Steven Brooke 2007 in einem vielbeachteten Artikel für „Foreign Affairs“. „Seitdem, sagt Scotland Yard, haben ihre ‚verlässlichen und effektiven Partner‘ sogar einige von Masris früheren Anhängern ‚deradikalisiert‘.“

Eines der Masterminds dieser Aktion war Robert Lambert, damals Chef der sogenannten Muslim Contact Unit (MCU) bei der Londoner Polizei. Effektive Gegner von Al-Kaida bräuchten „Street Credibility“, argumentierte er noch 2001 im Guardian: „Und das erfordert eben ausnahmslos, den ‚War on Terror‘ genauso robust abzulehnen wie Al-Kaida.“ Er plädierte deshalb für eine „Partnerschaft mit muslimischen Gruppen, bei denen man konventionellerweise davon ausgeht, dass sie die Demokratie untergrabenRobert Lambert: „Empowering Salafis and Islamists Against Al-Qaeda: A London Counterterrorism“ erschienen in Political Science and Politics 2008; Vol. 41, No.1, pp. 31–35 .“

Ein Nährboden für radikalere Gruppen

Lorenzo Vidino, Autor von „The New Muslim Brotherhood in the West“
Credits: Lilly Panholzer

Der aus Mailand stammende Sicherheitsexperte Lorenzo Vidino hält das für gefährlich. Er räumt zwar ein, dass die nicht unriskanten Manöver rund um die Finsbury-Park-Moschee von Erfolg gekrönt waren. Er warnt aber trotzdem davor, den Muslimbrüdern und anderen Organisationen des politischen Islam eine allzu prominente Rolle im Kampf gegen den Terrorismus einzuräumen. „Die Brüder können hin und wieder kurzfristig ein Feuer löschen“, schreibt er in seinem Buch „The New Muslim Brotherhood in The West“, „aber gleichzeitig sind sie langfristig wohl eher Brandstifter“.

Vidino hat an so renommierten Institution wie der Kennedy School of Government in Harvard und der ETH in Zürich zur Muslimbruderschaft, aber auch zu dschihadistischen Gruppen wie Al-Kaida und Deradikalisierungsmaßnahmen geforscht. Er hat außerdem an einer großen Überprüfung der Muslimbruderschaft in Großbritannien mitgearbeitet, die der britische Premierminister David Cameron 2014 in Auftrag gegeben hat.

„Die Bruderschaft hat Terroranschläge im Westen zwar immer verurteilt“, sagte Vidino im Gespräch mit NZZ.at, „aber sie propagiert auch viele Ideen, die einen ideologischen Nährboden für gewaltbereite Gruppen schaffen: Erstens, der Islam ist ein überlegenes Lebenssystem. Zweitens, die Muslime werden angegriffen, und die Zeichen dafür sieht man überall, von Gaza bis zu den Karikaturen, vom Burkaverbot bis zum Islamgesetz. Und drittens, wenn man angegriffen wird, ist Gewalt gerechtfertigt.“ Es brauche dann nicht mehr viel, um Gewalt auch im oder gegen den Westen zu rechtfertigen.

Es geht um soziale Kohäsion

„Wenn Muslime in Palästina, im Irak und in Syrien das Recht haben, sich zu verteidigen, warum nicht auch im Westen, wo sie nach Ansicht der Neuen Westlichen Brüder, ja auch angegriffen werden?“, fragt er.

Viel wichtiger noch als die sicherheitspolitischen Fragen seien aber jene des gesellschaftlichen Zusammenhalts. „Die Einstellung der Muslimbrüder zu zentralen menschlichen Werten ist inakzeptabel“, sagt Vidino. „Schauen Sie sich einfach an, was der Europäischer Rat für Fatwa und ForschungDer Europäische Rat für Fatwa und Forschung (ECFR) ist eine Organisation islamischer Gelehrter. Ihr Vorsitzender ist Yusuf al-Qaradawi, ein Vordenker der Muslimbruderschaft. über Frauen sagt: Der Mann hat das Recht sie zu schlagen, wenn die Frau nicht gehorcht. Der Rat plädiert bloß dafür, sie nicht zu hart zu schlagen, nicht ins Gesicht, und nicht so, dass es Male hinterlässt.“

Mindestens so problematisch ist die Haltung der Muslimbrüder, wenn es um religiöse Freiheit geht: So vertrete Qaradawi die Meinung, dass die Abkehr vom Islam mit dem Tod bestraft werden sollte, wie deutsche Verfassungsschützer 2006 festhielten. Zwar solle das Urteil erst vollstreckt werden, wenn der umfassende Islamische Staat gebildet worden sei, doch lasse er keinen Zweifel daran, dass die Strafe auf der Grundlage der Scharia geboten sei.

In London regieren die Skeptiker

In der britischen Regierung hat sich noch unter Labour die skeptische Sichtweise, die auch Vidino vertritt, durchgesetzt. Al-Kaida zu verurteilen, reiche nicht, sagte etwa Gordon Browns Innenministerin Jacqui Smith 2008: Gruppen, die andere terroristische Organisationen loben und Werte vertreten würden, die die soziale Kohäsion unterminieren, seien Teil des Problems – und nicht der Lösung: „Sie rufen zwar nicht explizit zu Gewalt auf, aber sie schaffen ein Klima aus Angst und Misstrauen, das Gewalt wahrscheinlicher macht.“

Die Finsbury-Park-Moschee geriet vor ein paar Monaten wieder in die Schlagzeilen, weil die HSBC-Bank vergangenes Jahr ohne Erklärung die Konten der Moschee und einiger anderer islamischer Einrichtungen geschlossen hatte. Eine Dokumentation von BBC Radio 4 kam diesen Sommer zu dem Schluss, dass die Moschee in einer Datenbank zur Risiko-Analyse mit dem Label „Terrorismus“ versehen worden war. Den konkreten Anlass für diese Klassifizierung konnten aber auch die BBC-Reporter nicht herausfinden.