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Grafik

Migranten und Mindestsicherung: Wo die Ausnahme die Regel ist

von Lukas Sustala / 15.08.2016

Am Freitag wurde an dieser Stelle eine Grafik zurechtgerückt, die von der Kronen Zeitung ver-rückt gezeigt worden war. Abgebildet waren die absoluten Zahlen der Mindestsicherungsempfänger in Wien nach ihren Herkunftsländern. Die Stadt hat die Daten wegen einer Anfragebeantwortung veröffentlicht, und sie erlauben ein Ein- und Abschätzen, woher denn die knapp 180.000 Menschen kommen, die im Jahr 2015 in der Stadt die Sozialleistung bezogen.

Nun haben einige Leser und Kommentatoren kritisiert, dass die absoluten Zahlen alleine noch nicht wirklich viel verraten. Was hilft es mir, zu wissen, dass etwa 9.815 türkische Staatsbürger die Leistung beziehen, wenn nicht bekannt ist, wie viele Türken in Wien wohnen? Kurzum: Wie viele beziehen die Mindestsicherung „relativ“ zur Größe der Bevölkerungsgruppe?

Dafür können die Daten der Stadt zu der genauen Aufschlüsselung der Bezieher der Mindestsicherung mit den Daten zum Bevölkerungsstand per 1.1.2016 kombiniert werdenDas hat zwei Folgen: Erstens können natürlich keine Aussagen über die Entwicklungen seit Jahresbeginn getroffen werden, wenn etwa noch mehr Menschen nach Wien gezogen sind. Zweitens beziehen sich die Daten der Mindestsicherungsbezieher über den Zeitraum 2015, die Bevölkerungsdaten hingegen nur auf den Stichtag 1.1.2016. Es gibt also eine gewisse Unschärfe. . Sieht man sich etwa die wichtigsten Herkunftsländer der Wienerinnen und Wiener an, bekommt man folgendes Bild. 1,13 Millionen sind gebürtige Österreicher, 1,34 Millionen haben die österreichische Staatsbürgerschaft. Weil auch die Daten der Stadt Wien nach Staatsangehörigkeit ausgewiesen werden, geschieht das hier ebenfalls. Die wichtigsten Bevölkerungsgruppen (nach Staatsangehörigkeit) sind Serben (74.538), Türken (45.539) und Deutsche (42.190).

Wenn man nun die wichtigsten Herkunftsländer der in Wien lebenden Menschen mit den wichtigsten Ländern der Mindestsicherungsbezieher kombiniert, erhält man ein ähnliches Bild wie etwa bei den Arbeitsmarktdaten. Nicht alle „Ausländer“ hängen gleich im sozialen Netz, sondern es gibt eklatante Unterschiede.

Relativ wenige Bosnier, Ungarn oder Kroaten beziehen etwa Mindestsicherung (drei der zehn größten Minderheitengruppen in Wien). Besonders weit verbreitet ist die bedarfsorientierte Sozialleistung bei den wichtigsten Herkunftsländern für Flüchtlinge (Syrien, Afghanistan). Das ist logisch, denn gerade für diese Staatsbürger steht nach der Grundversorgung oft nichts anderes bereit als die Mindestsicherung.

Doch auch bei den Menschen mit russischer oder türkischer Staatsangehörigkeit bezieht noch jeder fünfte in Wien die Mindestsicherung. Dass es gerade bei diesen Bevölkerungsgruppen in der Vergangenheit Integrationsdefizite gegeben hat, wurde bereits an anderen Stellen thematisiert.

Die Daten zeigen freilich nicht die „Qualität“ des Mindestsicherungsbezugs. Werden andere Sozialleistungen aufgestockt? Wird ein Einkommen aufgestockt? Erhalten viele Kinder die BMS?

Sie zeigen aber sehr wohl die Quantität – und dass es auch abseits der Flüchtlinge Bevölkerungsgruppen gibt, bei denen die Mindestsicherung nicht so sehr der sozialpolitische Ausnahmefall ist, als die sie eigentlich konzipiert war.