Elisalex Henckel

Terrorismus-Prozess

Nicht ohne meine Schwester

von Elisalex Henckel / 09.02.2016

Melek Y. war 16, als sie mit ihrem „Ehemann“ nach Syrien fliegen wollte, um sich den Dschihadisten von Dschabhat-Al Nusra anzuschließen. Ihre Schwester Leyla sorgte dafür, dass die beiden am Flughafen verhaftet wurden. Im Gerichtssaal trafen die ungleichen Schwestern nun wieder aufeinander.

Leyla kann sich noch gut daran erinnern, als sie den Mann ihrer kleinen Schwester zum ersten Mal sah. Es war im Oktober 2014. Melek war gerade erst 15 geworden, er schon 23, ein Österreicher mit georgischen Wurzeln. Er hieß Giorgi, aber seit seinem Übertritt zum Islam nannte er sich Dschibril.

Melek war kurz vor Beginn des Schuljahres von zu Hause weggelaufen. Zu ihm, wie sich herausstellte, oder besser gesagt: zu seinen Eltern. Etwa zwei Wochen, nachdem die Familie sie vermisst gemeldet hatte, tauchte sie mit Giorgi wieder zu Hause auf.

Sie hätten geheiratet, sagten die beiden, nach islamischem Recht. Staatliche Gesetze und Formalitäten hätten für sie keine Bedeutung.

Leyla und ihre Eltern waren geschockt. Nicht nur über die Hochzeit, auch über den langbärtigen Mann, der da in kurzen Hosen vor ihnen stand und sie als „Ungläubige“ bezeichnete, obwohl sie schon viel länger Muslime waren als er. „Ich habe gedacht, das ist ein Terrorist“, sagt Leyla. „Ein Kämpfer.“

Aber weder Leyla noch die Eltern sagten gleich etwas. Sie wollten abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Melek ihre Erfahrungen machen lassen. Alles besser, als sie gleich wieder zu verlieren.

Sie wollten „unter Muslimen leben“

Melek Y. ist inzwischen 17 und musste sich am Montag gemeinsam mit Giorgi G., 24, wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor dem Wiener Straflandesgericht verantworten. Die beiden wurden vor zehn Monaten am Flughafen Schwechat verhaftet. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass sie nach Syrien wollten, um sich dort dem Al-Kaida-Ableger Dschabhat al-Nusra anzuschließen. Sie wirft Meleks Lebensgefährten außerdem vor, bereits von 2011 bis 2013 im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet für Al-Kaida gekämpft zu haben.

Die 17-Jährige sitzt bereits auf der Anklagebank von Saal 101, als ihr „Ehemann“ vorgeführt wird. Sie trägt ein langes blaues Gewand und einen Schleier, der nicht nur ihre Haare, sondern auch Arme und den ganzen Oberkörper bedeckt. Sie hat nur knapp drei Wochen in Untersuchungshaft verbracht und lebt jetzt in einer betreuten Wohngemeinschaft. Giorgi G. lächelt, als er in Handschellen den Saal betritt.

Giorgi G. hat als Schauspieler gearbeitet, bevor er zum Islam konvertierte. Der vorsitzenden Richterin zufolge „ekelt“ er sich „vor westlichen Leuten, die Alkohol trinken, Drogen nehmen, zu kurze Röcke tragen“ und versucht auch im Gefängnis, andere zu seinem Glauben zu bekehren.
Credits: Elisalex Henckel

Die beiden haben bereits am ersten Verhandlungstag im Dezember alle Terrorismus-Vorwürfe bestritten. Sie hätten zwar ursprünglich nach Syrien gewollt, um „unter Muslimen zu leben“. Dann hätten sie sich jedoch von Meleks Familie überreden lassen, stattdessen in die Türkei zu gehen.

Über seinen Aufenthalt in Pakistan sagt Giorgi G., er habe dort „das kärgliche Leben eines Pashtunen“ führen wollen. Verhaftet worden sei er wegen eines gefälschten Visums, nicht weil er gekämpft habe. Und auch das Geld, das ihm sein Vater vor der Rückschiebung nach Österreich überwies, sei keineswegs für Al-Kaida, sondern als Brautzahlung gedacht gewesen.

Zwei Schwestern, zwei Welten

Die beiden Angeklagten haben den Saal auf Anweisung der vorsitzenden Richterin verlassen, als Leyla am Montagvormittag den Zeugenstand betritt. Der Kontrast zu Melek könnte nicht größer sein: Ihre um fünf Jahre ältere Schwester hält nichts vom Verhüllen. Leyla, die als Kosmetikerin arbeitet, hat die blond gefärbten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und ihre Nägel rot lackiert. In ihrem Ausschnitt baumelt ein doppeltes Herz an einer Halskette.

Dass sich die Schwestern nicht nur äußerlich unterscheiden, wird an diesem Tag im Gericht noch sehr klar werden – und einmal mehr vor Augen führen, dass es keine Blaupause für das gibt, was wir Radikalisierung nennen. Höchstens so etwas wie Risikofaktoren, auf die Betroffene aber höchst unterschiedlich reagieren.

Melek und Leyla sind beide in Österreich geboren, als Töchter eines Türken, der schon vor 30 Jahren nach Österreich gekommen ist. Sie sind beide in einer Familie groß geworden, in der es Probleme gab. Sie werden im Gerichtsaal zum Schutze der minderjährigen Melek nur angedeutet: Die Mutter, eine Serbin, leidet an Schizophrenie, beide Eltern sollen Gewalt angewendet haben. Doch während Leyla einen Job fand, ausging und neue Städte erkundete, suchte Melek Halt in der Religion, die in ihrer Familie nie eine große Rolle gespielt hatte.

Melek habe sich schon vor ihrer Beziehung zu ihrem jetzigen „Mann“ mit dem Islam beschäftigt, sagt Leyla. Tschetschenische Freundinnen aus ihrer Hauptschule hätten ihr Interesse geweckt. Über das Internet habe sie dann einen Burschen kennengelernt, den sie ursprünglich habe heiraten wollen – bis ihr der Trauzeuge besser gefallen habe: Giorgi alias Dschibril.

Schauspieler, Konvertit, Terrorist?

Der gebürtige Georgier ist ein schmaler Jüngling mit großen braunen Augen und dunklen Locken. Er kam als Kleinkind nach Österreich und wollte nach der Matura eigentlich Schauspieler werden. 2009 war er in einer Jugendtheaterproduktion von „Die Welle“ zu sehen, danach hatte er einen Gastauftritt in einem „Tatort“, doch so richtig in Gang kam seine Karriere nie. Über einen anderen Konvertiten entdeckte er den Islam.

Den ersten Hinweis, dass er etwas mit Terrorismus zu tun haben könnte, habe sie von ihrer Cousine erhalten, sagt Leyla. Die habe aus einer Moschee gehört, dass er „für die Al Kaida im Krieg“ in Pakistan oder Afghanistan gewesen sei – und dann Leyla gewarnt. Die Richterin informiert Leyla, dass die Cousine das vor Gericht bestritten hat, aber Leyla bleibt bei ihrer Aussage. Die Cousine fürchte vielleicht um ihren Doktortitel, sagt Leyla.

Es gibt unterschiedliche Aussagen dazu, ob und wann Giorgi G. diesen Verdacht bestätigt hat. Er selbst sagt, die Familie hätte die Sache mit Al-Kaida erfunden, um ihn von Melek zu trennen. Aber nicht nur Leyla, auch ihr Vater, ihre Mutter und ein Cousin beharrten vor Gericht darauf, dass er ganz offen darüber gesprochen habe, dass er in Pakistan oder Afghanistan zwei Jahre lang gegen die Amerikaner gekämpft habe.

Auf Leylas konkrete Frage, ob er bei Al-Kaida gewesen war, habe er geantwortet: „Mach dir keine Sorgen, ich bin kein Terrorist, ich bin ein Muslim.“ Als die Richterin wissen will, warum die Familie zunächst nicht sofort Konsequenzen gezogen habe, sagt die Mutter: „Wir haben gesehen, dass wir nichts machen können, weil unsere Tochter so verliebt war.“ Und der Vater: „Ich dachte, er hat sich gebessert.“

Eine Villa in Syrien

Das änderte sich erst, als Melek und Giorgi verkündeten, dass sie nach Syrien ziehen wollten, weil sie in Wien aufgrund ihrer islamischen Kleidung angefeindet würden. Haram sollte es werden, ein Ort nahe der türkischen Grenze, den Dschabhat al-Nusra im Juli 2014 erobert hatte. Laut Darstellung der Familie Y. bat Giorgi seinen „Schwiegervater“ im April 2015 bei einem Gespräch im Augarten, sein Telefon auszuschalten – und erläuterte dann seine Pläne: Der Ort sei sicher, er kenne Leute, die Melek und ihn über die Grenze bringen würden, sogar eine Villa werde ihnen zur Verfügung gestellt.

Der Vater sagte: „Das geht nicht, dort ist Krieg, wenn er vorbei ist, könnt ihr leben, wo ihr wollt.“ Er schlug ihm vor, stattdessen nach Istanbul zu gehen. Er bot sogar an, ein Haus, das er in der Türkei besitzt, zu verkaufen, um den beiden dort finanziell unter die Arme zu greifen. Giorgi sagt, er habe daraufhin seine Syrien-Pläne aufgegeben. Meleks Familie bestreitet das.

„Ich glaube nicht, dass die Zweitangeklagte ein armes Opferlamm ist“, sagte die vorsitzende Richterin über Melek Y., die mit ihrem „Ehemann“ nach Syrien wollte.
Credits: Elisalex Henckel

Fest steht, dass Leyla noch einmal versuchte, die jüngere Schwester von ihrem Vorhaben abzubringen. „Der Islam macht mich reif“, sagte Melek auf Leylas Vorwurf, sie sei viel zu jung. „Hier gibt es Zwölfjährige, die nicht mehr Jungfrau sind, wie soll ich da nicht reif genug sein?“ Über Giorgis Zeit in Pakistan sagte sie: „Es war nicht so, dass er jeden Tag im Krieg war.“ Und auf Leylas Warnung, sie könne mit einem solchen Mann schnell zur Witwe werden, entgegnete sie: „Warum soll ich weinen, wenn er umkommt, das ist doch gut.“

Leyla zeichnete das Gespräch auf. „Für uns war die Grenze überschritten, als er meine Schwester in den Tod mitnehmen wollte“, sagt sie ein knappes Jahr später vor Gericht. „Ich wollte einen Beweis haben, dass er wirklich im Krieg war. Ich wollte zeigen, dass es ihm innerhalb von acht Monaten gelungen ist, einen komplett anderen Menschen aus ihr zu machen.“

Mit dieser Aufnahme ging Leyla zum Verfassungsschutz. Ihre Vorwürfe passten zu einem Verfahren gegen Giorgi G., das die Staatsanwaltschaft wegen dessen Aufenthalt am Hindukusch geführt, aber aus Mangel an Beweisen eingestellt hatte. Am 30. April 2015 wurden Giorgi und Melek am Flughafen Schwechat verhaftet.

Beide sind schuldig

Als die vorsitzende Richterin zehn Monate später die beiden Schuldsprüche des Schöffensenats verkündet, haben die beiden Angeklagten nur Augen füreinander. Beide hätten das Verbrechen der terroristischen Vereinigung nach Paragraf 278b begangen, sagt die Richterin. „Wir sind davon ausgegangen, dass sie bis zum Schluss nach Syrien wollten.“ Warum hätte Giorgi G. sich sonst den Bart abrasiert? Den Akku aus dem Handy genommen? Mehrere tausend Euro Bargeld eingepackt? Die Bilder von der Villa sprächen außerdem dafür, dass sie in Syrien bereits erwartet worden seien.

Das Gericht habe aber keine „Gewissheit“, dass Giorgi G. in Pakistan für Al-Kaida gekämpft habe, sagt die Richterin. Zehn Prozent Zweifel seien geblieben, deshalb habe der Schöffensenat G. von diesem Vorwurf freigesprochen.

Die Strafen fallen entsprechend milde aus: Das Gericht verurteilt Giorgi G. zu 22 Monaten unbedingter Haft, seine minderjährige „Ehefrau“ zu 14 Monaten bedingt. Es trägt Melek außerdem auf, drei weitere Monate in ihrer betreuten WG zu bleiben, anstatt zu ihren „Schwiegereltern“ zu ziehen, wie sie selbst es vorhatte.

Giorgi flüstert Melek etwas zu, bevor er abgeführt wird. Sie lächelt und schlägt die Augen nieder. Dann verlässt sie mit ihren Schwiegereltern den Saal, ohne ihre ältere Schwester eines Blickes zu würdigen.

Leyla zuckt mit den Achseln, als sie geht. „Wenigstens haben wir ein Jahr gewonnen“, sagt sie. Spätestens dann kommt Giorgi aus dem Gefängnis.