Österreich hat eine Unabhängigkeitserklärung? Ja, wirklich!

von Moritz Moser / 25.04.2015

Wer kennt die österreichische Unabhängigkeitserklärung? Die Wenigsten haben eine Idee, wer sie geschrieben haben könnte; zum Inhalt haben aber die meisten eine Meinung. NZZ.at hat nachgefragt.

Mit der österreichischen Unabhängigkeitserklärung können nicht viele etwas anfangen. Es ist ein schwieriger Text, der erste Doppelpunkt kommt erst nach mehr als 400 Worten. Manche, denen man einen Auszug zu lesen gibt, halten die Erklärung gar für Nazipropaganda. Dabei will sie eigentlich das Gegenteil erreichen. Die Österreicher: Das erste Opfer des Dritten Reiches. An diesen Grundtenor des Textes glauben spätestens seit der Waldheim-Debatte 1986 nur noch die Wenigsten.

Es stimme nicht, was da steht, meint eine Frau am Wiener Judenplatz, als man ihr einen Ausschnitt aus der Erklärung zeigt. Da wolle jemand Österreich aus einer Verantwortung herausnehmen, die es aber tragen müsse.

Nicht alle teilen diese Meinung. Besonders Touristen aus deutschsprachigen Ländern wollen lieber nichts dazu sagen oder wägen ihre Antwort sorgfälltig ab. Junge Menschen haben ihre Probleme mit der Unabhängigkeitserklärung. Das stimme schon, was da stehe, meint nur einer. Viele tun sich schwer mit einer zeitlichen Einordnung der Texte. Eine Teenagerin hat sogar noch nie etwas vom Anschluss 1938 gehört: „Wie peinlich“, befindet sie selbst.

Auch wenn die meisten anderen Menschen, die auf den Straßen und Plätzen Wiens ihre Meinung zur österreichischen Unabhängigkeitserklärung abgeben, vom Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wissen: Die österreichische Unabhängigkeitserklärung, die diesen Besetzungszustand im Jahr 1945 beendet hat, erkennt niemand an ihrem Wortlaut.

Besonders bei älteren Menschen ist die Zeit um 1945 emotional besetzt. Sie könne leider kein Interview dazu geben, meint eine ältere Dame. Ihr Vater sei im Krieg gefallen, wenn sie den Namen Hitler nur höre, müsse sie weinen. Eine andere Dame erzählt, wie sie von der Hitlerjugend aus den Kirchenchorproben geholt worden sei. Ihrer Mutter habe der Ortsgruppenleiter der NSDAP gesagt, es gebe genug Bäume, an denen man Leute wie sie aufhängen könnte. Ein Blödsinn sei das, was da stehe, meint eine Frau und zitiert die letzte Radioansprache von Kurt Schuschnigg vor dem Anschluss.

Wer ein Interesse daran gehabt haben könnte, so etwas zu schreiben? Die FPÖ, rät ein Mann, die Sozialisten, meint ein anderer. Strache, Israel, die ÖVP? Die Opferthesen, die Karl Renner im Frühjahr 1945 in die Unabhängigkeitserklärung aufnahm, sind schwer einzuordnen.

Eine Touristenführerin bittet, die Aufnahmen von ihr nicht zu verwenden. Es könnte negative Auswirkungen für sie haben, dass sie die Unabhängigkeitserklärung nicht erkannt und einen Text von Karl Renner als dumm bezeichnet habe.