Anna Polzhofer

Clubabend

Österreich ist nicht gespalten

von Moritz Moser / 07.06.2016

Ist Österreich ein gespaltenes Land? Eher nein, befinden der Wahlkampfleiter Van der Bellens und zwei Politikwissenschafter beim NZZ.at-Clubabend unisono. Aber warum eigentlich nicht?

Ein knapper Wahlausgang zwischen zwei Kandidaten der äußeren politischen Pole, erklärt Laurenz Ennser-Jedenastik vom Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien, bedeute noch lange nicht, dass die Gesellschaft polarisiert sei. Die Datenlage zeige klar, dass sich die Österreicher politisch nach wie vor in der Mitte verorten.

Gleichzeitig erhalte die FPÖ immer weiteren Zulauf, so die Politikwissenschafterin Kathrin Stainer-Hämmerle von der Universität Klagenfurt. Das könne nun bedeuten, dass die FPÖ in die Mitte gerückt sei, oder dass deren Wähler sich für die Mitte hielten.

Hoffnungslose und Hoffnungsvolle

Was man sehen könne, sei eine gewisse Teilung der Wähler in Unzufriedene und Hoffnungsvolle. Das erkläre womöglich auch die Tendenz junger Frauen, die Grünen zu wählen und den Hang von jungen Männern zur FPÖ. Frauen seien durchschnittlich besser gebildet und sähen für sich in der Zukunft mehr Chancen. Das sehe man auch daran, dass Frauen eher in die Städte ziehen würden als Männer.

Derzeit hätten etwa 42 Prozent der Bevölkerung Abstiegsängste, erklärt Stainer-Hämmerle. In dieser Zahl spiegle sich auch das Unvermögen von SPÖ und ÖVP wider, integrativ zu wirken. Zornige und ängstliche Menschen fühlten sich von den beiden Parteien nicht mehr angesprochen.

Träger der Information ist die Emotion.

Lothar Lockl

Die emotionale Stimmung während des Bundespräsidentenwahlkampfes sei grundsätzlich nichts Schlechtes gewesen, meint Lothar Lockl, der Wahlkampfleiter Alexander Van der Bellens. Es sei unglaublich viel über Politik gesprochen worden. Die Situation lasse sich höchstens mit den Debatten um Zwentendorf und Hainburg vergleichen.

Die Wirtschaft macht sich nicht selber schlecht

Im Wahlkampf habe man gezielt auf einen Positivwahlkampf gesetzt und sei auf Negativ Campaigning wie die Kolportierung von Krankheitsgerüchten nicht eingegangen. Negative Kommunikationsstrategien, wie sie die Politik kennt, gebe es in der Wirtschaft nicht. Wer den Mitbewerber schlechtrede, beschädige am Ende die ganze Branche.

Wirtschaftsbranchen hätten trotz aller Konkurrenz noch eher gemeinsame Interessen als politische Parteien, gibt Ennser-Jedenastik zu bedenken. Dort gelte, dass der Misserfolg des anderen der eigene Erfolg sei. Insgesamt würden die Parteien in Österreich etwa gleich viel Negativ Campaigning machen.

Die Quote der negativen Kommunikation über die politischen Mitbewerber liege bei etwa 40 Prozent. Dabei seien positive Auswirkungen kaum zu messen. Negativ Camaigning sei „vermutlich das am schlechtesten investierte Wahlkampfgeld“, so Ennser-Jedenastik.

Zumindest in Kärnten sei Negativ Campaigning vor 2013 exzessiv betrieben worden, meint Stainer-Hämmerle. Van der Bellens Positivwahlkampf habe sich zumindest in den Umfragen nicht widergespiegelt, das Hauptmotiv seiner Wähler sei schließlich die Verhinderung Hofers gewesen.

Fühlen sich nur die Journalisten polarisiert?

Polarisierung ist nicht, dass viele Leute anderer Meinung sind als man selbst.

Laurenz Ennser-Jedenastik

Warum fühlen denn so viele eine Polarisierung, die offensichtlich nicht gegeben ist? Das könne auch an der Wahrnehmung der Medienvertreter liegen, vermutet Ennser-Jedenastik. Viele Journalisten hätte eher linksliberale Ansichten und würden die Präferenz von fast 50 Prozent für Hofer als Bruch mit ihrem Weltbild ansehen.

Zur klassischen Links-rechts-Achse in der politischen Konfliktzone seien unterschiedliche Ansichten zu Globalisierungsprozessen, wie Freihandel und Fluchtbewegungen, als neue Konfliktlinie hinzugetreten.

Laurenz Ennser-Jedenastik tritt auch der weit verbreiteten Annahme entgegen, dass das Einkommen stark mit dem Wahlverhalten korreliere. Das Verhältnis sei tatsächlich nur sehr schwach ausgeprägt. Viel stärker sei der Zusammenhang zwischen Bildung und Wahlverhalten. HTL-Absolventen mit besserem Einkommen als beispielsweise Geisteswissenschafter tendierten eben trotzdem eher zur FPÖ.