Elisalex Henckel

Freiwillige Rückkehrer

One-Way nach Syrien, bitte

von Elisalex Henckel / 06.02.2016

Osama hat mehr als 3.000 Kilometer zurückgelegt und 2.000 Dollar ausgegeben, um sich vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat in Sicherheit zu bringen. Seit seiner Ankunft in Österreich hat er aber nur noch einen Wunsch: nach Damaskus zurückzukehren. Die Geschichte einer versuchten Heimreise.

Der Tag, an dem Osama Österreich verlässt, ist kein schöner Tag. Es regnet, als er aus dem billigen Hotel neben der Wiener Stadthalle tritt, in dem er die vergangene Woche verbracht hat. Der Himmel hängt tief und grau über der Stadt. Das Thermometer zeigt sieben Grad an.

Osama überquert den Gürtel und marschiert zu einem gelben Zinshaus im achten Bezirk, in dem er die Menschen treffen soll, mit denen er zum Flughafen fahren wird. Er schwitzt, als er das Wartezimmer im ersten Stock betritt.

Vielleicht liegt es an dem ganzen Gepäck, das er hinter sich hergeschleift hat: eine große schwarze Reisetasche, eine kleine blaue und einen Penny-Sack, in den er sein Handgepäck gesteckt hat. Oder an dem Infekt, den er sich auf der Flucht eingefangen hat, am Vortag hatte er noch Fieber.

Möglicherweise hat es aber auch etwas mit dem Ziel der Reise zu tun, die er heute antritt. Denn Osama fährt nach Hause. Und sein Zuhause liegt in Syrien.

„Jedes Land ist besser als Syrien“

Seit vergangenem Herbst überqueren jede Woche tausende Flüchtlinge die österreichische Grenze. 2015 sind die allermeisten nach Deutschland weitergezogen, rund 90.000 haben hier Asyl beantragt. Aber nicht alle warten das Ende dieses Prozesses ab. Jeden Monat kehren ein paar hundert aus Enttäuschung über die Länge der Verfahren oder die Situation in den Flüchtlingsquartieren freiwillig in ihre Heimatländer zurück.

Die Caritas und der Verein Menschenrechte Österreich (VMÖ) helfen ihnen, alles Notwendige zu organisieren: Reisedokumente, Flugtickets und eine finanzielle „Reintegrationshilfe“ von bis zu 370 Euro. Die Kosten dafür teilt sich das Innenministerium mit Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) der EU. Vergangenes Jahr haben Caritas und VMÖ insgesamt 4.006 Menschen bei der Ausreise geholfen. Die meisten von ihnen hatten noch keinen Asylbescheid.

Osama hatte noch nicht einmal einen Antrag gestellt, als er sich an die Rückkehrhilfe der Caritas in der Wiener Blindengasse wandte. Er war gerade erst von der deutschen Grenze zurückgekommen. Dort hatte man ihn zurückgewiesen, weil er ursprünglich in die Niederlande weiterwollte.

Die Ablehnung der Deutschen sei jedoch nicht der Grund für seinen Heimreisewunsch gewesen, sagt er: „Jedes Land ist besser als Syrien. In Syrien schläfst du ein und weißt nicht, ob du wieder aufwachst. Überall sind Bomben, am Himmel, in den Autos, überall.“

Die Angst um die Familie ist zu groß

Er habe vielmehr erfahren, dass er seine Familie nicht, wie erhofft, innerhalb des Jahres nachholen würde können. Dass er vermutlich viel länger hätte warten müssen. Und das könne er nicht, sagt er: „So lange können sie sich ohne mich nicht versorgen.“

Osama ist 47 Jahre alt. Ein kleiner Mann mit grauen Haaren und dunklem Schnauzbart. Er stammt aus Damaskus und hat früher als Modedesigner gearbeitet. Er ist der einzige Syrer in der Gruppe, die ein Zivildiener der Caritas heute zum Flughafen begleiten soll. Drei Männer stammen aus dem Irak, zwei weitere und eine Frau aus dem Iran.

Die Konstellation ist kein Zufall. Seit Oktober stellen die Iraker die größte Gruppe der Heimkehrer, die Zahl der Iraner und Afghanen steigt ebenfalls. Syrer wollen nach wie vor nur sehr selten zurück. Aus gutem Grund.

Die Erinnerungen an die Flucht sind noch frisch

Die Sicherheitslage habe sich verschlechtert, seit er vor einem Monat seine Heimatstadt Damaskus verlassen habe, sagt Osama. Er glaube nicht, dass sein Haus noch stehe. Seine Frau lebe mit den drei Kindern inzwischen bei seinen Eltern. „Erst gestern hat sie mich angerufen“, sagt Osama, „und erzählt, dass mein jüngster Sohn aus Angst vor dem Bombenlärm ins Bett gemacht hat.“

Seine Frau habe ihn gebeten, in Europa zu bleiben, sie habe angeboten, sich selbst mit den Kindern auf den Weg zu machen, aber das könne er nicht zulassen. „Viel zu gefährlich.“

Die Erinnerungen an seine eigene Flucht sind noch frisch. Sie hat drei Wochen gedauert und 2.000 Dollar gekostet. Osama hat die bekannte Route genommen: zuerst in die Türkei, dann über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien nach Österreich an die deutsche Grenze. Er kennt jetzt ihre Tücken. Er weiß, wie gefährlich die Fahrt übers Mittelmeer ist und mit welcher Brutalität manche Grenzbeamte vorgehen.

„Die Österreicher mögen uns nicht“

„Yalla!“, ruft ein Übersetzer um viertel vor elf, „los geht’s“. Der Zivildiener lotst die Flüchtlinge zur nächsten U6-Haltestelle und von dort zum Westbahnhof, wo Osama und die sechs anderen in den Flughafen-Bus steigen.

Ali ist 26 und kommt aus Bagdad. Er habe früher für die US-Armee gearbeitet, sagt er. Nachdem mehrfach auf ihn geschossen worden sei, habe er sich zur Flucht entschlossen. Vor sieben Monaten sei er in Österreich angekommen, seither habe sich in seinem Verfahren kaum etwas getan, er wisse immer noch nicht, wann er seinen Bescheid bekomme.

Deshalb fliege er jetzt zurück in den Irak, erst nach Bagdad, von dort gleich weiter nach Erbil, in der Hauptstadt könne er nicht bleiben. „Wenn ich den Flughafen verlasse, werde ich erschossen.“

Alis Sitznachbar Ahmed holt sein Handy heraus und spielt eine Sprachnachricht ab. Gewehrsalven sind zu hören. „Bagdad“, sagt Ahmed, „gestern“, und Ali seufzt.

Ali (Mitte) und die zwei anderen Iraker beim Einsteigen in den Flughafenbus. Der Syrer Osama hat gebeten, weder seinen vollen Namen zu nennen noch sein Gesicht zu zeigen.
Credits: Elisalex Henckel

Was er in Erbil machen wird, weiß der 26-Jährige noch nicht. Er hofft, dass seine Eltern ihm Geld geben werden, damit er noch einmal versuchen kann, sich ein neues Leben aufzubauen.

Die Iranerin hat sich auf die andere Seite des Busses gesetzt. Sie sei nach Österreich gekommen, weil sie sich hier bessere Bildungsmöglichkeiten für ihre Söhne erhofft habe, sagt die 43-Jährige. Zwillinge seien es, 17 Jahre alt, vor vier Monaten hat sie die Burschen zum letzten Mal gesehen.

Während mit jedem Tag des Wartens ihre Hoffnung auf ein besseres Leben für ihre Kinder schwand, wuchs ihre Enttäuschung über die Bewohner des Landes. „Die Österreicher mögen uns nicht“, sagt sie. „Sie haben uns gesagt: Geht nach Hause. Ihr seid Terroristen.“

Ali, der Iraker, sieht das ein bisschen anders. „Die Österreicher sind gut“, sagt er, „aber die österreichische Polizei ist schlecht.“ Er sei ständig kontrolliert und gefragt worden, warum er so neue Kleider trage. Außerdem habe er Probleme gehabt, eine Unterkunft zu finden. Der Chef seines ursprünglichen Quartiers in Niederösterreich habe ihn aufgefordert, in ein anderes „Camp“ zu wechseln. Dort sei er aber nicht aufgenommen worden. „Ich stand auf der Straße“, sagte er, „ohne Geld, ohne eine E-Card, ohne eine Adresse, wo ich hin sollte.“ Zuletzt habe er am West- und am Hauptbahnhof geschlafen.

Ein Schokoladennikolaus für die Kinder

Osama hat nur eine einzige Nacht in einer Flüchtlingsunterkunft geschlafen. Ohne Asylantrag hatte er auch keinen Platz in der Grundversorgung. Die zehn Übernachtungen in einem Hotel hinter dem Gürtel haben ihn insgesamt 150 Euro gekostet – das entspricht genau jenem Betrag, der ihm vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl als „Rückkehrhilfe“ gewährt wurde.

Wie er in Damaskus über die Runden kommen soll, weiß er noch nicht. Arbeit gebe es schon lange nicht mehr, sagt er, gleichzeitig sei alles unfassbar teuer geworden. Trotzdem hofft er, dass er durch den Verkauf seiner Habseligkeiten irgendwann das nötige Geld beisammen haben wird, um erneut zu flüchten, diesmal mit Frau und Kindern.

Seine Tochter sei bereits 17, die beiden Söhne zwölf und neun. Er habe ein Geschenk für sie gekauft, sagt er und kramt aus seinem Penny-Sack einen Schokoladennikolaus hervor. „Meine Kinder lieben Schokolade“, sagt er und lächelt, das erste Mal auf dieser Fahrt.

Wann genau er sie wiedersehen wird, weiß er noch nicht. Er fliegt über Istanbul nach Beirut, dann will er mit einem Taxi über die Grenze. „Vielleicht verhaften sie mich schon bei der Einreise“, sagt er. „Ich weiß es nicht, in Syrien ist nichts mehr normal.“ Die Hoffnung auf Frieden hat er aufgegeben. „Der Krieg dauert schon fünf Jahre, alle haben getötet, es gibt keine Guten mehr.“

Hat er wirklich alle Dokumente?

Der Bus erreicht den Flughafen. „Vergesst eure Sachen nicht“, sagt der Zivildiener und steigt aus. Osama und die anderen sechs folgen ihm, er lotst sie durch die Ankunftshalle, in den ersten Stock, bis zur großen Check-in-Halle.

Dort wartet bereits ein schnauzbärtiger Vertreter von IOM, der Internationalen Organisation für Migration, und übernimmt die Iraker und die Iraner. Er hat nicht nur die Tickets für die sechs organisiert, sondern wird ihnen auch die Rückkehrhilfe aushändigen und sie zum Gate begleiten.

In den Fliegern nach Istanbul sitzen jeden Tag mindestens fünf Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurückwollen, sagt die Frau hinter dem Check-in-Schalter.
Credits: Elisalex Henckel

Für Syrien-Rückkehrer bietet IOM dieses Service nicht an, deshalb geht der Zivildiener mit Osama zum Check-in für den Flug PC992 nach Istanbul-Sabiha. Die Frau hinter dem Schalter begrüßt Osama auf Arabisch, als er ihr seinen Pass überreicht, dann blättert sie die Seiten durch. Wo ist der Einreisestempel? Das Schengen-Visum? Wie ist er ins Land gekommen?

Von Slowenien aus, sagt Osama, mit einer großen Gruppe Flüchtlinge. Die Frau nickt. Flüchtlinge auf der Rückreise, die gebe es inzwischen auf jedem Istanbul-Flug. Aber dann brauche Osama zumindest ein Dokument, das bestätige, dass er das Land freiwillig und mit Wissen der Behörden verlasse. Osama zuckt die Achseln, der Zivildiener ruft im Caritas-Büro in der Blindengasse an.

Eine halbe Stunde und eine längere Unterhaltung mit zwei Grenzpolizisten später fällt Osama ein, dass er in seinem Waschsack noch ein paar Dokumente verstaut hat. Die Papiere der Serben, der Mazedonier, der Kroaten und Slowenier, die Einreiseverweigerung der Deutschen, die fremdenpolizeiliche Ladung der Österreicher – und die gesuchte Bestätigung, dass die Caritas ihn bei der freiwilligen Rückreise unterstütze.

Wien – Istanbul – Beirut – und retour

„Passt“, sagen die Grenzpolizisten, und die Frau von der Fluglinie druckt die Bordkarte aus. „Gate D28“, sagt der Zivildiener und marschiert los. Bei der Sicherheitskontrolle muss Osama zu seinem Ärger zwei Halbliterflaschen Wasser abgeben, aber sonst geht alles glatt. Um 14:25 Uhr hebt der Syrer in Richtung Heimat ab.

Ziemlich genau 24 Stunden später verschickt Osama eine Sprachnachricht per WhatsApp. „Hallo“, sagt er. „Ich bin hier am Flughafen. Von Wien. Ich bin immer noch da.“ Er meint: Ich bin wieder da.

Osama hatte kein Visum für den Libanon. Bei der Caritas ist man davon ausgegangen, dass er auch ohne 48 Stunden lang bleiben kann. So lief es bei einem anderen Syrer, der über Beirut heimkehrte. Aber so läuft es offenbar nicht mehr. Die Libanesen schickten ihn zurück in die Türkei, die Türken zurück nach Österreich.

Inzwischen ist Osama in einem Caritas-Heim untergebracht. Kommenden Freitag hat er wieder einen Termin bei der Rückkehrhilfe. Aber ob er ein Visum für den Libanon bekommen werde, wisse man nicht, heißt es aus dem Büro. Es sei derzeit nicht einmal klar, ob er noch einmal versuchen wolle, nach Hause zu kommen, sagt seine Betreuerin. Er müsse erst einmal zu sich kommen.

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