APA/HERBERT PFARRHOFER

Paulus Mitterlehner spricht zu den Gemeinden

Meinung / von Michael Fleischhacker / 30.05.2016

Die Szene könnte aus einem Stück von Eugène Ionesco (Vorschlag: „Der König stirbt“) stammen:


Der Vizekanzler, Kammerfunktionär auf genetischer Basis, erklärt im Kurier, der Zeitung der institutionalisierten Revolution, dass sich die österreichische Sozialpartnerschaft „komplett“ ändern und endlich aufhören müsse mit ihrer Klientelpolitik. 

Die Vertreter von Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer und Gewerkschaft weisen die Zumutung empört zurück. Der Stillstand der vergangenen Jahre, erklären sie unisono, sei nicht von den Sozialpartnern zu verantworten, sondern von der Regierung. Man habe sich immer konstruktiv eingebracht, Lösungen gesucht und auch gefunden.

Szenengelächter.

Der Schlusschor deklamiert, angeführt von Arbeiterkammerpräsident Rudolf Kaske, der eine situationselastische Krawatte mit tausend blühenden Blumen trägt: „Wir sind nicht Teil des Problems, wir sind Teil der Lösung!“

Vorhang. Donnernder Applaus, brüllendes Gelächter.


Sagen wir so: Wie immer in Österreich haben alle recht. Denn natürlich stammt fast alles, was in den letzten Jahren an Maßnahmen in den Bereichen Wirtschaft und Arbeit umgesetzt wurde und Gesetzeskraft erlangte, aus den Schreibstuben der gescholtenen Institutionen.

Sie waren also immer Teil der Lösung. Und das war so, weil sie das Problem am besten kannten. Sie waren es ja selber. Dass Institutionen, die über Jahre in dem Bewusstsein agieren, das Problem und die Lösung zugleich zu sein, also gewissermaßen alles, irgendwann die restliche Welt nicht mehr verstehen, muss man verstehen.

Man muss auch verstehen, dass es die Kritisierten seltsam und auch etwas keck finden, dass jetzt jener Mann, gegen sie zu Felde zieht, der immer einer der Ihren war und sie aus Gründen der intellektuellen und praktischen Bequemlichkeit auch noch gewähren ließ, als er längst Minister und später Vizekanzler war.

Man muss sich den Vizekanzler also wohl eher wie den Apostel Paulus vorstellen, dem auf dem Weg in die Wirtschaftskammer der Bundeskanzler erschienen ist. Der erste Bekehrte wirkt manchmal auf seine unmittelbare Umgebung etwas seltsam.