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Einladungspolitik im ORF

Rot, rot, rot sind meine Lieblingsgäste

von Bence Jünnemann / 18.03.2016

Der Österreichische Rundfunk wird seit Jahren für mögliche politische Tendenzen kritisiert. Insbesondere bei der Einladungspolitik für Diskussionssendungen sollen diese stark zur Geltung kommen, lautet der Vorwurf. Beim NZZ.at-Clubabend zum Thema „Lügenpresse“ versprachen wir unseren Lesern eine Recherche dazu. Wir haben die Gästeliste der Sendung „Im Zentrum“ aufgearbeitet – das Übergewicht ist relativ deutlich zu erkennen.

Kritik an der Unabhängigkeit des ORF existiert nicht erst seit dem Einzelinterview mit Bundeskanzler Werner Faymann – vor allem der Blog „ORF Watch“, ein selbsternanntes Kontrollorgan des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, beklagt, dass die Einladungen zu Diskussionssendungen politisch gesteuert werden. Seit Jahren wird vor allem aus dem konservativen Eck kritisiert, dass der ORF vermehrt und bevorzugt links denkende Menschen in seinen Studios sitzen hat.

In den Programmrichtlinien erhebt der öffentlich-rechtliche Sender selbst Anspruch auf Ausgewogenheit. Dort heißt es:

Die ORF-Angebote haben auf verbindlichen programmlichen Grundstandards wie Objektivität, Respektierung der Meinungsvielfalt (…) zu beruhen.

In einer Diskussionssendung sollte das bedeuten, dass ein ausgewogenes Meinungsverhältnis herrscht und politischen Parteien in annähernd gleichwertiger Häufigkeit eine Bühne geboten wird.

Auch bei unserem Clubabend zum Thema „Lügenpresse“ am 20. Jänner dieses Jahres kam die Einladungspolitik des ORF zur Sprache. Schnell entbrannte eine hitzige Diskussion zwischen Publikum und unserem Gast Oliver Ortner, dem Sendungsverantwortlichen der „Zeit im Bild“. Wir versprachen dem Publikum, der Sache nachzugehen. Als Grundlage der Analyse wurde die Diskussionssendung „Im Zentrum“ herangezogen. Jeden Sonntagabend diskutieren in dieser Sendung bis zu fünf Studiogäste über aktuelle politische Themen. Der von Ingrid Thurnher moderierte Polit-Talk hat einen durchschnittlichen Marktanteil von etwa 20 Prozent und ist damit eines der erfolgreichsten Formate des Senders.

Politisch kaum repräsentativ

Ein Blick auf die Gästeliste der Diskussionssendung legt gleich mehrere Tendenzen offen: In erster Linie fällt auf, dass schon bei Berufspolitikern ein klarer Überhang zu einer sozialdemokratischen Überzeugung besteht. Die regierenden Sozialdemokraten stellten 18 der insgesamt 67 Politgäste, der Koalitionspartner ÖVP lediglich 12. Nun ließe sich irgendwie argumentieren, dass das Verhältnis der Gäste den Machtverhältnissen der österreichischen Politik entspricht. Allerdings stellten die Grünen, die auf der nationalen Politebene deutlich unbedeutender sind, genauso viele Gäste wie die Volkspartei. Die Freiheitlichen kamen hingegen lediglich auf acht Besuche. Nur knapp dahinter landet die griechische SYRIZA: Fünfmal saß ein Vertreter der Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Alexis Tsipras im Studio.

Trotz vielfacher Versuche, beim ORF ein Statement einzuholen, war keiner der Sendungsverantwortlichen dazu bereit. Die Gästeliste, die der ORF unserer Redaktion erst nach mehreren Anfragen zur Verfügung stellte, war nicht besonders aussagekräftig. Beruf, Arbeitgeber und ähnliche Informationen zu den Studiogästen waren darauf nicht zu finden.

Derjenige, der den ORF in den vergangenen Jahren wohl am lautesten kritisierte, ist Andreas Unterberger, ehemaliger Chefredakteur der Presse und einer der Autoren des „ORF Watch“-Blogs. Er ortet nicht nur bei Politikern, sondern auch bei Experten eine politische Denkrichtung. „Hinter dem Titel des Experten lässt sich die eigene Meinung immer bestens durchbringen. Man muss nicht einmal alle Gäste kennen, damit eine klare Schlagseite erkenntlich wird.“

Eine „linke“ oder „rechte“ Denkweise – was auch immer das bedeuten mag – lässt sich natürlich nicht belegen. Der Versuch, den jeweiligen Gästen eine solche zuzuordnen, hat sich im Laufe unserer Recherche als aussichtslos erwiesen. Regelmäßige Zuschauer der Sendung können aber zumindest einen Teil der anwesenden Experten einer klaren politischen Richtung zuweisen.

Seit Jahresanfang hat sich die Lage ein wenig verändert. Selbst die strengsten Kritiker mussten einen Rückgang der politischen Tendenzen bemerken. Unterberger vermutet hinter dieser Entwicklung einen Zusammenhang mit der politischen Kehrtwende der SPÖ. Außerdem steht am 9. August die Wahl des ORF-Generaldirektors an. „Im Hinblick auf eine mögliche Wiederwahl steht es ganz im Interesse von Alexander Wrabetz, eine ausgewogene Berichterstattung voranzutreiben“, sagt Unterberger.

Die Gästeliste 2015