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Netzwerk Österreich

Sauschädeldatenbank

Meinung / von Michael Fleischhacker / 07.01.2016

Wenn man über jemanden etwas wirklich Schlimmes sagen will, dann sagt man gelegentlich, er sei ein „begabter Netzwerker“. Das heißt ungefähr: Sonst ist der Typ für so gut wie nichts zu gebrauchen, aber er schmeißt sich immer an die richtigen Leute ran, und darum schwimmt er die meiste Zeit oben.

Netzwerke haben keinen guten Ruf. Sie stehen im Verdacht, ein Karrierebeförderungsinstrument für Menschen zu sein, die ohne solche Instrumente keine Karriere machen könnten, weil ihnen die entscheidenden Qualifikationen fehlen. Einer der Benediktinerpatres, mit denen ich es als Jugendlicher zu tun hatte, pflegte über jene Mitschüler, die sich über ihre Mitgliedschaft beim Mittelschülerkartellverband (MKV) ein Stückchen Freiheit vom Internatsleben verschafften, in kroatisch gefärbtem Idiom zu sagen: „Koa Hirrn, obarr a Kaapl.“

Darin kam eine Verachtung für Netzwerke zum Ausdruck, die sehr weit verbreitet ist. Und die dazu führt, dass auch jenen Netzwerken, die geradezu von Formalität durchdrungen sind, der Charakter des Informellen und damit ein wenig auch des Unmoralischen zugeschrieben wird. Der große Bruder des MKV zum Beispiel, der Cartellverband (CV), ist ziemlich transparent und unglaublich formell, gilt aber unter österreichischen Innenpolitikauskennern als nahezu freimaurerischer Geheimbund, in dem die dunkle Seite der Macht ihre Heimstatt gefunden hat.

Die Verwaltung von großen Gemeinwesen ist auf Netzwerke angewiesen, auf formelle genau so wie auf informelle. Die formellen Netzwerke werden durch den Bauplan der Republik vorgegeben, sie bilden, wenn man so will, das Traggerüst der österreichischen Institutionenarchitektur. Und sie bilden das Grundgerüst der Netzwerkstrukturen, die wir in unserer Datenbank „Netzwerk Österreich“ visualisieren.

Als Paradebeispiel für die informellen Netzwerkstrukturen als eigentliche Basis für Machtausübung der österreichischen Art gilt das jährliche „Sauschädelessen“ im obersten Stock des Raiffeisenhauses am Donaukanal. Kardinal, Bundeskanzler und Bundespräsident, die ziemlich vollzählige Regierungsmannschaft, die Chefs der großen Unternehmen und Medien, alle da. Eine Art Datenbanktreffen, das Raiffeisen jährlich für uns organisiert. Das „Sauschädelessen“ gilt für jene, die sich als die Anti-Establishment-Fraktion im Lande verstehen, als Synonym für die Verkommenheit des Systems, für Mauschelei, Korruption und Kumpanei.

Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen sagen: Es ist sehr harmlos. Und es ist kein Skandal. So wie die Netzwerkverbindungen, die wir in unserer Datenbank visualisieren, nicht der Skandalisierung dienen sollen, sondern der Orientierung. Das Problem, das Österreich in Bezug auf die Netzwerke der Macht hat, besteht ja eben nicht darin, dass sich um die formellen Strukturen herum informelle gelegt hätten, die für Intransparenz sorgen. Das Problem ist, dass die formellen Strukturen auf transparente Weise für Intransparenz sorgen.

Das Paradoxon bleibt das logische Prinzip der österreichischen Politik.