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Flüchtlinge in Österreich

Schlepper haben wieder Hochsaison

von Lisa Rieger / 13.07.2016

Seit einem halben Jahr ist die Balkanroute nun geschlossen. Ein Grenzübertritt in geregelten Bahnen ist daher nicht möglich. Stattdessen floriert das Geschäft der Schmuggler und Schlepper wieder. 

Die Flüchtlinge, die Österreich erreichen, passieren die Grenze an den verschiedensten Orten. „Etwa 150 bis 250 Menschen werden derzeit täglich aufgegriffen“, sagt Gerald Tatzgern von der Zentralstelle Bekämpfung von Schlepperkriminalität im Bundeskriminalamt. „Im Vergleich zum Sommer 2015 ist das nicht viel, dennoch ist die Zahl hoch.“ Ruth Schöffl vom UNHCR betont, die Zahlen seien mit Vorsicht zu genießen. Denn: Viele geschleppte Personen und Schlepper bleiben im Verborgenen. Nur die Asylanträge, die tatsächlich gestellt werden, können daher gezählt werden. Das sind derzeit 150 Anträge täglich. Auch die Ankünfte in Griechenland und Italien können erfasst werden. Denn: „Das geht nicht im Geheimen, die Boote kann man nicht verstecken“, sagt Schöffel.

Menschen suchen Arbeit

Rund 159.000 Menschen kamen 2016 laut UNHCR bisher in Griechenland an, 78.000 waren es in Italien. Zum Vergleich: Im Juni 2015 kamen rund 55.000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa, dieses Jahr waren es im Juni rund 24.000. Im Moment sind zwei Schauplätze von Relevanz. „In Nordafrika warten rund eine Million Menschen darauf, über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen. Die Menschen, die größtenteils in Libyen, aber auch teilweise in Ägypten warten, stammen hauptsächlich aus Somalia, Nigeria, dem Sudan und anderen afrikanischen Ländern“, sagt Tatzgern. Auch mehr und mehr Ägypter wagen die Überfahrt. So wurden zuletzt einige im Burgenland aufgegriffen – der Grund ist laut Tatzgern meist, dass die Menschen Arbeit suchen.

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In Griechenland kommen weiterhin jene Menschen an, die aus Krisenregionen im Nahen und Mittleren Osten flüchten – also Syrer, Afghanen und Iraker. Die Zahl der Ankommenden ist zuletzt aber gesunken. So kamen im Juni 2015 rund 31.000 Menschen in Griechenland an, im Juni diesen Jahres waren es rund 1.500. „Es hängt vom Deal zwischen der EU und der Türkei ab. Das Potenzial der Schleppungen von der Türkei nach Griechenland ist enorm, sie werden derzeit aber – noch – nicht zugelassen“, sagt Tatzgern. Stark frequentiert sind momentan die Schlepperrouten von der Türkei nach Bulgarien und von Griechenland nach Bulgarien. Auch die Grenzübertritte zu Mazedonien sind häufig – und nicht unmöglich, wie oft geglaubt.

Die meisten Aufgriffe gibt es an der bulgarisch-serbischen Grenze. Von dort geht es weiter Richtung Ungarn. Im Grenzgebiet von Serbien und Ungarn nimmt die Zahl der gestrandeten Flüchtlinge momentan zu. Etwa 1.100 Menschen halten sich derzeit an den Grenzübergängen auf. Grund dafür: Die ungarischen Behörden lassen jeden Tag nur 30 Menschen bei den Transitzonen um Asyl ansuchen. Trotz des Zauns sind in Ungarn irreguläre Grenzübertritte häufig. Der Zaun wird aufgezwickt oder aufgehoben. Oft helfen auch korrupte ungarische Polizisten dabei mit.

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Aufgriffe in Österreich täglich woanders

Die Schlepper, die Flüchtlinge von Ungarn nach Österreich bringen, gehen oft folgendermaßen vor: Sie halten knapp vor der Grenze an, lassen die Flüchtlinge aussteigen und schicken sie zu Fuß weiter. Für die Beamten ist es dadurch schwieriger, die Schlepper zu fassen. „Deswegen versuchen wir, eng mit den ungarischen Kollegen zusammenzuarbeiten“, so Tatzgern. Aber auch blinde Passagiere kommen vor: „Einmal hat ein LKW-Fahrer einen anderen angehalten und ihm gesagt, dass Füße unten herausschauen.“ Ob die LKW-Fahrer tatsächlich nichts von den blinden Passagieren wissen und kein Geld dafür bekommen, gilt es herauszufinden.

In Österreich werden die Menschen täglich an anderen Orten aufgegriffen. „Es ist tagesaktuell unterschiedlich, einmal im Norden bei der slowakischen Grenze, dann wieder von Nickelsdorf bis Oberwart. Teilweise wollen die Menschen in Österreich bleiben, teilweise eigentlich weiter. Speziell am Brenner, der Italien-Route, wollen die meisten weiter nach Deutschland. Deutschland bleibt das Hauptzielland. Derzeit sind die Aufgriffe in Tirol aber noch gering, weil Italien sehr bemüht ist, die Schlepperrouten zu versperren“, sagt Tatzgern.

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Rund 22.000 Menschen erreichten laut UNHCR alleine im Juni Italien. Die wenigsten davon wollen in Italien bleiben. Nachdem es keine Ausweichrouten gibt, führt der Weg durch Österreich. Für wie viele Menschen Österreich nur als Transitland fungiert, kann nicht gesagt werden. „Es könnten die Ankünfte in Deutschland hergenommen werden und jene in Österreich und dann die Differenz davon, aber das ist etwas ungenau“, sagt Schöffl. Im Juni gab es in Deutschland jedenfalls etwa 4.900 Asylanträge.