Interaktive Karten

Spielfeld von oben

von Christoph Zotter / 07.11.2015

Wer verstehen will, was in Spielfeld passiert und warum, muss sich einen Überblick verschaffen. Vier interaktive Karten über die Grenze.

Der Flaschenhals, das Nadelöhr, der Ort, an dem sich die Flüchtlingskrise verdichtet. Spielfeld hat in den vergangenen Wochen viele Namen erhalten. Um zu verstehen, was dort passiert, hilft es, das Grenzgebiet in drei Bereiche zu unterteilen: den slowenischen, den österreichischen und den Korridor in der Mitte. Zwischen 4.000 und 6.000 Menschen werden seit mehreren Wochen jeden Tag von der einen auf die andere Seite gebracht. Mit herkömmlicher Grenzarbeit hat das kaum zu tun, es geht mehr um Logistik, wie sie bei Großveranstaltungen gebraucht wird. In regelmäßigen Abständen kommen Busse oder Züge mit hunderten und tausenden Menschen aus Notquartieren in ganz Slowenien oder direkt von der kroatischen Grenze. Damit kein Rückstau und damit eine humanitäre Krise entsteht, müssen sie möglichst schnell von Punkt 1 (Slowenien) über die Grenze (Punkt 2) nach Österreich (Punkt 3) gebracht werden. Jeder dieser drei Bereiche hat seine eigenen Zäune, seine eigenen Regeln und Ressourcen. Dabei hängt einer vom anderen ab, ist einer voll, gibt es Druck auf die anderen.

Anmerkung: Die Karten sind interaktiv, also klickbar. Zusätzlich können Sie mit Klicken und Halten in der Karte navigieren, den Ausschnitt nach oben, unten, links oder rechts verschieben. Das Satellitenmaterial stammt aus der Zeit vor der Flüchtlingskrise, markiert sind die Bereiche, in denen das Lager entstanden ist. Klicken Sie in ein Feld oder auf eine Markierung, erscheint ein kurzer Text, wahlweise auch mit Bild. Die Karte wurde von Fabian Lang gestaltet, Redaktion, Text und Fotos sind von Christoph Zotter.

1. Die Ankunft

Kurz nach zehn Uhr, Grenzlager Šentilj, vor der Absperrung warten die Journalisten. Eine Stunde können sie jeden Tag in die zwei slowenischen Camps, sich alles zeigen lassen, Fotos machen, mit den wartenden Flüchtlingen reden. Zwei Pressesprecherinnen geben sich Mühe, alles zu erklären, freundlich zu sein. „In Slowenien ist es ziemlich schlecht gelaufen“, gibt eine von ihnen zu. Das kleine Land sei überfordert gewesen, der Staat hatte sich vollkommen abgemeldet. Flüchtlinge wurden auf Parkplätzen abgestellt, auf offenen Feldern. Šentilj ist so etwas wie das Vorzeigeprojekt, das Lager, wo alles einigermaßen funktioniert. Sogar eine eigene Eisenbahnhaltestelle hat man gebaut. Logistisch gesehen könnten die Züge gleich über die Grenze fahren, weiter nach Deutschland, aber weil dort immer mehr Flüchtlinge pro Tag die Grenze passieren, muss auch hier im Süden alles langsamer gehen. Es ist 12.20 Uhr, als der erste Zug eintrifft.

2. Die Problemzone

Niemandsland nennen es die meisten, obwohl es das nicht ist. Ein Schritt trennt Österreich von Slowenien, die meisten Flüchtlinge übertreten hier zum ersten Mal die Grenze, ohne es zu merken. In der Über-die-Grenze-Bringmaschine ist hier die Zone, in der sich alles verdichtet, in der es knarrt, wo sich Druck aufbaut. Hier bringen die Slowenen die Menschen her, wenn die Lager zu voll werden, und die Österreicher lassen sie warten, weil ihre schon zu voll sind. NGO-Mitarbeiter behaupten, dass in den vergangenen Wochen immer wieder Menschen mehr als einen Tag lang ohne Essen und medizinische Versorgung in dieser Zone in der Kälte verbringen mussten. Die Polizeipressesprecher beider Seiten sagen, es wären nie mehr als acht Stunden gewesen. Fest steht: Hier wurden die Bilder von revoltierenden Flüchtlingen gefilmt, die vom Warten in der Kälte genug hatten und in der Nacht die Zäune stürmten. Die Polizei hat das Gebiet zur Sperrzone erklärt. „Da reingehen ist zu gefährlich, die Leute haben dort schon Journalisten attackiert“, sagt ein Pressesprecher. Von der slowenischen Seite kann man die Zone bequem betreten.

3. Auf der anderen Seite

Große, warme Zelte warten auf alle, die es durch das österreichische Schleusensystem schaffen. Dieses gibt es laut Polizeisprecher, weil es sich bewährt hat und man so die Massen besser unter Kontrolle halten kann. Der Preis sind längere Wartezeiten, zwischen 3.000 und 4.000 Menschen können auf dem kargen Holzboden in einem der beheizten Zelte schlafen. Die Slowenen haben gar keine Schleusensysteme, ihr Puffer ist der Korridor. Wird es im Lager zu viel, schicken sie die Menschen einfach hinunter. Auf der österreichischen Seite versuchen Soldaten und Polizisten, die Menschen nur in kleinen Gruppen ins Lager zu lassen (die Slowenen führen einfach alle auf einmal von Ort zu Ort). Eigentlich sollten hier alle Flüchtlinge registriert werden. Das heißt: Auf einem Formular werden Name, Alter und Geburtsdatum eingetragen. Überprüft werden die Angaben nicht. Die Polizei weiß auf Anfrage nicht einmal, wie viele Leuten schon registriert wurden. Es gibt keine Computer, nur Papier, sehen dürfe man den Prozess auch nicht. Wenn zu viele kommen, wird auf die Registrierung ohnehin verzichtet. Es dürften oft zu viele kommen, keiner der in Österreich auf den Bus wartenden Flüchtlinge kann ein Formular vorweisen. Im Lager heißt es hinter vorgehaltener Hand, registriert werde ohnehin nie, bevor die Menschen mit dem Bus weitergefahren werden.

Anmerkung: Die Lage in Spielfeld ist dynamisch, die hier geschilderten Abläufe wurden am Donnerstag dem 5. November beobachtet und dokumentiert. Besonders kontrovers wurde von einigen Lesern die Frage diskutiert, ob Menschen draußen schlafen müssen. Hier hat sich die Lage in der vergangenen Woche verbessert, was an besserer Kommunikation liegt, aber auch daran, dass in dieser Woche vergleichsweise weniger Menschen nach Spielfeld gebracht wurden (das könnte sich bald ändern, da ein Streik in Griechenland beendet wurde und 25.000 Menschen von dort auf den Weg in den Norden sind). Der Korridor war aber bei unserem Besuch am Donnerstag weiter eine Problemzone, da dort zwar Baustellenklos aufgestellt wurden, sonst aber kaum Versorgung besteht und die Flüchtlinge von slowenischer Seite auch nicht mehr zurückgelassen werden. Wir haben nun nachgetragen, dass sich die Behörden seit einigen Tagen bemühen, den Korridor bis 22 Uhr zu räumen, damit niemand im Freien übernachten muss.