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Straches Meister

Gastkommentar / von Johannes Huber / 05.09.2016

Der freiheitliche Präsidentschaftskandidat zeigt seinem Parteichef, wie man Wählervertrauen gewinnt. Dieser kann daher nur hoffen, dass Norbert Hofer nach dem 2. Oktober in die Hofburg entschwindet.

Wären am kommenden Sonntag Nationalratswahlen, die Freiheitlichen würden auf Platz eins kommen, und Heinz-Christian Strache hätte damit beste Chancen, Kanzler zu werden. Das verheißen zumindest die Umfragen. Doch die haben schon viel gesagt. Und gerade im vorliegenden Fall muss man vorsichtig sein: Zumal eben nicht gewählt wird, hat sich nur ein kleiner Teil der Österreicher ernsthaft Gedanken darüber gemacht, wem er seine Stimme geben könnte. Also kommt die Antwort aus dem Bauch heraus. Irgendeine halt. Wären nun aber wirklich Wahlen, würden sich die Kandidaten in eine bestimmte Rolle begeben und Herr und Frau Österreicher würden genauer hinschauen und sich allmählich eine fundierte Meinung bilden. So ist das jedenfalls in der Regel. Und daher kommt es bei so gut wie jeder Wahl anders als erwartet bzw. zu einem überraschenden Ergebnis.

Der FPÖ-Chef kennt das; er hat schlechte Erfahrungen damit gemacht: Vor einem Jahr, als es auf die Wiener Gemeinderatswahl zuging, lag er mit seiner Partei fast schon gleichauf mit den Sozialdemokraten. Als es dann aber ernst wurde und nicht nur Bürgermeister Michael Häupl aufwachte, sondern sich auch er selbst in Stellung brachte, ging es bergab für ihn. Am Ende trennten ihn ganze neun Prozentpunkte vom Ziel. Wobei sehr viel dafür spricht, dass es daran lag, dass er sich offen als Bürgermeister-Kandidat angeboten hatte.

Auf das Maß eines Oppositionspolitikers begrenzt

Das war ein Fehler. Der heute 47-Jährige geht bei den Wählern nämlich als sehr viel durch. Als derjenige, über den man es Rot und Schwarz einmal so richtig zeigen kann. Oder als scharfzüngiger Retter des christlichen Abendlandes vielleicht. Am wenigsten aber als vertrauenerweckende Persönlichkeit, der man die Führung des Landes überlassen möchte.

Das ist Straches Problem: Er ist begrenzt auf das Maß eines Oppositionspolitikers. Und um Kanzler werden zu können, müsste er viel mehr sein. Das weiß er. Seine Versuche, daran zu arbeiten, sind bisher jedoch gescheitert. Im ORF-Sommergespräch mit Susanne Schnabl war er beispielsweise nicht in der Lage zu erklären, was er anders machen würde; wie er die Wirtschaft in Schwung oder das Kunststück zusammenbringen möchte, zwölf Milliarden Euro einzusparen, ohne Pensionen zu kürzen oder zehntausende Beamte fristlos zu entlassen und so weiter und so fort.

Strache begibt sich höchstpersönlich in jede Niederung

Vielleicht ist „HC“, wie er sich gerne nennen lässt, ja auch zufrieden mit dem, was ist. Dafür spricht, dass er sich in sozialen Medien höchstpersönlich in jede Niederung begibt. Dass er sich auf Facebook etwa vergangene Woche auf eine Auseinandersetzung mit Falter-Chefredakteur Florian Klenk einließ, der einen Drogentest von ihm gefordert hatte, spricht Bände: Einer, der als Kanzlerkandidat ernst genommen werden möchte, darf so etwas nicht tun. Sonst macht er sich die Hände schmutzig und den Angreifer im Übrigen viel größer, als er ist. Daher überlässt er das in der Regel einem Mann fürs Grobe, Sekretären oder allenfalls Anwälten.

Doch Strache greift wie gesagt selbst ein. Und daher wird es für ihn schwer werden, weitere elf Jahre an der Spitze der FPÖ zu stehen. So viel Geduld werden seine Parteifreunde kaum noch aufbringen, zumal einer nach dem anderen aus ihren Reihen zeigt, wie’s geht: Der oberösterreichische Landesvorsitzende Manfred Haimbuchner hat sich in den vergangenen Jahren unauffällig, aber von wachsenden Bevölkerungskreisen respektiert, nach oben gearbeitet; heute ist der 38-Jährige stellvertretender Landeshauptmann.

Die wirklich große FPÖ-Nummer ist jedoch ein anderer. Einer, dem man das ursprünglich gar nicht zugetraut hat. Norbert Gerwald Hofer nämlich. Der Präsidentschaftskandidat ist schon sehr weit gekommen: Ende Mai fehlten ihm gegen Alexander Van der Bellen gerade einmal 30.863 Stimmen auf das höchste Amt im Staat. Das muss man, aus einer extremen Partei kommend, erst einmal zusammenbringen. Hofer gelingt das, weil er nur selten durchblicken lässt, wo er wirklich steht; in der Regel schafft er es, den Politiker zu geben, der es mit allen gut meint. Das kommt an: Laut APA/OGM-Index genießt er im Unterschied zu Strache in der Bevölkerung mehr Ver- als Misstrauen.

 

Und laut den Analysen, die das Sozialforschungsinstitut SORA bei den bisherigen Wahlgängen erstellt hat, erhielt Hofer nicht nur Stimmen, weil man Rot und Schwarz eins auswischen wollte, sondern auch, weil man ihm zutraute, überparteilich handeln und bei innenpolitischen Konflikten vermitteln zu können. Folglich brachte er sogar das Kunststück zusammen, von insgesamt fast so vielen ÖVP- und SPÖ-Anhängern wie Freiheitlichen und sogar von 12.000 Grünen gewählt zu werden.

 

Der erfolgreichste FPÖ-Politiker der Zweiten Republik

Im Hinblick auf die Stichwahl am 2. Oktober legt Hofer nun nach: Um nur ja vergessen zu machen, dass er einst gewarnt hat, dass man sich noch wundern werde, was alles gehe, wenn er Bundespräsident wird, lässt er plötzlich wissen, dass er ein „besonnener Mensch“ sei. Und mit der Regierung will er auch nicht mehr ganz so hart ins Gericht gehen; im Gegenteil, er lobt sogar ausdrücklich Innenminister Wolfgang Sobotka und Integrationsminister Sebastian Kurz (beide ÖVP) sowie Verteidigungsminister Hans-Peter Doskozil (SPÖ), die einen Asylkurs ganz nach seinem Geschmack fahren. Ja, auch Neuwahlen erwartet er nicht mehr für den Fall, dass er gewinnt; die Große Koalition werde vielmehr die volle Legislaturperiode bis 2018 halten, meint er neuerdings.

Gibt sich da gar schon einer als Bundespräsident aller Österreicher? Hofer versucht es zumindest. Gut möglich, dass er sich damit durchsetzen wird. Und wenn er scheitern sollte, dann wäre das für ihn selbst auch nur halb so schlimm; dann könnte er die vertrauenerweckende Rolle immerhin noch als freiheitlicher Spitzenkandidat bei der nächsten Nationalratswahl spielen. Schließlich ist er der erfolgreichste FPÖ-Politiker der Zweiten Republik: 2.220.654 Stimmen hat noch keiner geholt. Nicht einmal Jörg Haider, geschweige denn Heinz-Christian Strache.