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Prozessanalyse

Tod am Praterstern

von Elisalex Henckel / 25.05.2016

Die Staatsanwaltschaft Wien hat eine tödliche Messerstecherei am Praterstern als „absichtliche schwere Körperverletzung mit Todesfolge“ angeklagt. Ein Schöffensenat am Wiener Landesgericht wollte aber Mord nicht ausschließen – und erklärte sich deshalb für unzuständig. Nun wird wohl ein Geschworenengericht über den Fall entscheiden. Er zeigt jedoch jetzt schon, wie unterschiedlich Gewalt im öffentlichen Raum gewertet wird.

Es begann ziemlich genau um Mitternacht, vor dem Bahnhof Praterstern. Ein Mann stieß eine Frau zu Boden. Sie begann zu schreien, er lief weg. Als zwei andere Männer ihn stoppen wollten, zog der Flüchtige ein Messer und stach dreimal zu. Ein Mann starb noch in der gleichen Nacht, ein anderer überlebte schwer verletzt.

Der Fall vom vergangenen September blieb nicht unbemerkt: Mehrere Tageszeitungen berichteten – meist mit einem Fokus auf dem Risiko, das man mit Zivilcourage eingeht, der Kurier erwähnte auch, dass der Praterstern „seit Jahren ein Hotspot“ für Gewalt sei. Zu einer Art nationalem Angstraum wurde der Wiener Regionalbahnhof aber erst gut ein halbes Jahr später, als drei Asylwerber dort eine Studentin vergewaltigten.

Keine klassischen Sympathieträger

Dass sich das Interesse der Medien an der „tödlichen Rauferei“ im September in Grenzen hielt, dürfte unter anderem daran gelegen haben, dass die Polizei die Opfer bald dem „Suchtgiftmilieu“ zuordnete: Bei der Frau, die den Fall auslöste, handelte es sich um eine offenbar drogenabhängige Besitzerin eines Dobermannes.

Sie hatte den späteren Messerstecher, einen 39 Jahre alten Schwarzarbeiter aus Serbien, entweder um „Substi, Substi, Substi“ angebettelt – oder ihm mit diesen Worten das Heroin-Ersatzpräparat zum Kauf angeboten, bevor der Serbe sie von sich stieß. Einer der algerischen Asylwerber, die seine Verfolgung aufnahmen, war erst kurze Zeit zuvor wegen eines Drogendeliktes verhaftet worden.

Stiche in Brust und Auge

Schwieriger zu verstehen ist die Reaktion der Staatsanwaltschaft: Obwohl der mehrfach vorbestrafte und illegal in Österreich aufhältige Täter seinen beiden Opfern in die Brust und einem von ihnen obendrein noch ins Auge gestochen hatte, wurde er nicht etwa wegen (versuchten) Mordes, sondern wegen „absichtlicher schwerer Körperverletzung mit Todesfolge“ angeklagt.

Slobodan T. hat vergangenen September einen algerischen Asylwerber am Praterstern erstochen und einen weiteren schwer verletzt. Gestern stand er deswegen in Wien vor Gericht, die Anklage warf ihm schwere absichtliche Körperverletzung mit Todesfolge vor, der Schöffensenat konnte jedoch Mord nicht ausschließen und erklärte sich deshalb für unzuständig.
Credits: APA/HERBERT PFARRHOFER

Dem Angeklagten sei im Zweifel kein Tötungsvorsatz nachzuweisen, begründete sie ihre Entscheidung. Die Überraschung darüber thematisierte die APA sogar in ihrem Prozessvorbericht, einem Genre, das sonst meist ohne Wertung auskommt.

Vielleicht doch ein Mord?

Das Straflandesgericht Wien konnte die Einschätzung der Staatsanwaltschaft offenbar ebenfalls nicht nachvollziehen. Ein Schöffensenat unter dem Vorsitz von Richterin Gerda Krausam erklärte sich nach einem von zwei eingeplanten Verhandlungstagen am Dienstag für unzuständig, da er einen Mord nicht ausschließen wollte. Für dieses Delikt ist jedoch nicht ein Schöffen-, sondern ein Geschworenengericht zuständig.

Krausam schwächte die im Urteil implizite Kritik an der Anklagebehörde aber insofern ab, als dass sie in ihrer Begründung auf die mündliche Aussage des medizinischen Sachverständigen verwies. Dieser hatte im Gerichtssaal offenbar deutlicher als im schriftlichen Gutachten erklärt, warum es äußerst unwahrscheinlich sei, dass die Stichwunden der Opfer das Ergebnis einer Abwehrhandlung seitens des Täters gewesen sei, wie dieser behauptet hatte.

Jeder Stich: lebensbedrohend

Slobodan T., der Angeklagte habe nicht nur mit großer Kraft, sondern dreimal auf fast identische Art und Weise zugestochen, sagte der Gutachter sinngemäß. Jeder einzelne Stich sei auch für sich genommen potenziell lebensbedrohend gewesen.

Richterin Krausam sagte außerdem, dass sowohl der Angeklagte als auch sein als Zeuge geladener Freund dem Gericht wenig glaubwürdig erschienen seien. Beide hatten am Dienstag beteuert, der Angeklagte sei von seinen späteren Opfern und zwei bis vier weiteren Arabern angegriffen worden und habe sich nur verteidigen wollen.

Krausam betonte aber auch, dass das Gericht noch kein konkretes Beweisverfahren geführt habe – weder das überlebende Opfer noch die drogenkranke Frau haben am Dienstag als Zeugen ausgesagt: „Ob sich der Angeklagte tatsächlich in Notwehrsituation befunden hat oder nicht, wird von einem Geschworenengericht zu klären sein.“

Ein Fall für Geschworene

Sowohl der Angeklagte als auch die Anklägerin baten am Dienstag um die ihnen zustehende Bedenkzeit. Sobald das Urteil Rechtskraft erlange, sei wieder die Staatsanwaltschaft am Zug, erklärte die vorsitzende Richterin. Sie befinde sich dann wieder im Ermittlungsverfahren, könne es theoretisch auch einstellen.

Man kann aber wohl davon ausgehen, dass dies nicht passieren wird. Sondern dass demnächst Geschworene darüber entscheiden werden, ob der Tod des Algeriers Notwehr, eine schwere absichtliche Körperverletzung mit Todesfolge oder doch ein Mord war.

Fest steht hingegen, dass der Verstorbene Murat M. hieß. Er wurde 37 Jahre alt.