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Tourismus

Trotz 132 Millionen Nächtigungen ist und bleibt Österreich ein Industrieland

Meinung / von Matthäus Kattinger / 15.12.2015

Den Anstoß für die folgende Analyse hat ein mediales Nicht-Ereignis geliefert, ein Rülpser eines Lokalpolitikers. Dass die Analyse trotzdem geschrieben wurde, hängt an dem offensichtlich weitverbreiteten Missverständnis, dass Österreich vom Tourismus und nicht von der Industrie lebt. Keine Frage, der Tourismus ist für Österreich sehr wichtig, die traditionell hoch positive Bilanz des Reiseverkehrs ist fast schon ein Garant für eine positive Leistungsbilanz – aber bildlich gesprochen bringt der Tourismus bestenfalls die Marmelade, Butter und Brot liefert die Industrie.

Wo die Industrie als „rufschädigend“ gilt

Der Vollständigkeit halber: Ein niederösterreichischer ÖVP-Abgeordneter, der zugleich Spiritus Rector einer mit extrem hohen öffentlichen Subventionen errichteten Therme (Linsberg Asia) ist, hat sich in den Niederösterreichischen Nachrichten (NÖN) dafür stark gemacht, das wirtschaftlich mit Abstand stärkste Viertel Niederösterreichs, das Industrieviertel, in Zukunft „Thermenviertel“ zu nennen.

Wie der Abgeordnete Hans Rädler erklärt, sei „der Name Industrieviertel überholt und werde der Tourismus- und Wellness-Region im südlichen Niederösterreich nicht mehr gerecht“, ja sei für diese geradezu „schädlich“. Nun sollte man solche und ähnliche Vorstöße von Lokalpolitikern nicht überbewerten, richtet doch ein großer Teil von ihnen seine Tätigkeit danach aus, sich so oft wie möglich „in der Zeitung“ zu sehen. Doch leider ist dieses Ineinandergreifen von Kleingeist und Größenwahn längst nicht mehr auf mediale Selbstbestätigung suchende Lokalpolitiker begrenzt.

Tourismus-Überschätzung versus Industriefeindlichkeit

In Abwandlung seines berühmten Zitates hätte Sonnenkönig Bruno Kreisky jedenfalls auf so einen Einwand wohl (mit Recht) geantwortet: „Lernen Sie Wirtschaft und Statistik, Herr Abgeordneter!“ Allerdings ist der Herr Abgeordnete Rädler aus Bad Erlach mit seiner verzerrten Sicht der Dinge nicht allein. Da spielen wohl zwei gefährliche, gegenläufige Dinge hinein: Erstens wird der Einnahmen- und noch mehr der Ertragseffekt des Tourismus weit überschätzt (wofür die weiterhin traurige Ertragslage und Eigenkapitalausstattung eines Großteils der Tourismusbetriebe zeugen), zweitens ist Österreichs Sachgüterzeugung mit einer weit verbreiteten, teilweise absurden Industriefeindlichkeit konfrontiert.

Wie die Zahlen zeigen, ist die Wahrheit nämlich eine ganz andere (das gilt im Übrigen auch für Bad Erlach, wo trotz der Therme der Flugzeugzulieferer List weit höhere Wertschöpfungsbeiträge und auch Kommunalsteuern liefert als die Therme). Selbst im klassischen Fremdenverkehrsland Tirol, wo der Bereich „Beherbergung und Gastronomie“ im österreichischen Vergleich unerreicht hohe 13,82 Prozent zur Bruttowertschöpfung beiträgt, wird er von der Tiroler Industrie um mehr als vier Prozentpunkte überboten.

Tiroler Industrie zeigt Krallen

Die weitgehend auf das Inntal sowie auf die Regionen Reutte und St. Johann beschränkte Tiroler Industrie kommt nämlich auf 17,93 Prozent der Bruttowertschöpfung. Nimmt man gar den gesamten produzierenden Bereich her (also Industrie, Stromproduzenten und Bauwirtschaft), dann entfallen in Tirol 28,64 Prozent der Bruttowertschöpfung auf die Produktion – also mehr als doppelt so viel, wie der Tourismus schafft. Auch wenn man das im selbstgefälligen Tiroler Tourismus, wo die Natur bedenkenlos als Produktionsfaktor missbraucht wird, gar nicht gern hört – wie eine vom Tourismusportal „Tourist Austria International“ treffend kommentierte Auseinandersetzung zwischen Wirtschaftskammer Tirol und Tiroler Hoteliervereinigung bestätigt.

Noch viel drastischer fällt der Vergleich zugunsten der Industrie naturgemäß in Niederösterreich aus: Im größten Bundesland trägt der gesamte produzierende Bereich 31,08 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei, die Industrie allein immer noch 18,74 Prozent – wohingegen Beherbergung und Gastronomie gerade auf 2,83 Prozent kommen. Zwar gibt es für die einzelnen Viertel keine offiziellen Vergleichszahlen, doch lässt sich ohne großes Risiko sagen, dass die Relationen im Industrieviertel für die Industrie noch besser als für das Land im Ganzen ausfallen.

Unangenehm klare Zahlen

In Summe dürfte das Industrieviertel Niederösterreich allein auf einen ähnlich hohen Industrieanteil zur Bruttowertschöpfung kommen wie die stärksten Industrieländer Österreichs, nämlich Oberösterreich (Industrieanteil 29,8 Prozent), Vorarlberg (28,5 Prozent) und die Steiermark (24,6 Prozent). Die Zahlen für Österreich gesamt lauten übrigens: Produzierender Bereich insgesamt 28,47 Prozent, Industrie 18,66 Prozent, Beherbergung und Gastronomie 4,92 Prozent.

An diesen eindeutigen Belegen für die ungleich größere Wichtigkeit der Industrie ändert sich auch kaum etwas, wenn man neben den direkten touristischen Wertschöpfungseffekten noch die indirekten dazurechnet (also die von den Lieferanten der touristischen Dienstleister, wie Hotellerie oder Seilbahnen, erbrachten Leistungen). Eine ähnlich große Diskrepanz ergibt das Bild übrigens, wenn man die öffentlichen Förderungen für Industrie und Tourismus quasi anteilsmäßig berücksichtigt – dann zeigt sich ebenso klar, dass der wirtschaftliche Effekt der in den Tourismus gepumpten öffentlichen Mittel wesentlich geringer ist als jener in die Industrie.

Abschreckendes Beispiel Großbritannien

Die Logik kann daher nur heißen: Seien wir froh über die Größe des heimischen Tourismus und über dessen anhaltende Attraktivität für ausländische Gäste (was aber kein Freibrief für den Raubbau an der Natur sein kann), aber verfallen wir nicht in den verheerenden Denkfehler, zu glauben, es geht mit weniger Industrie auch. Dass Österreich im europäischen Vergleich trotz der immer offener zutage tretenden strukturellen Probleme noch immer einigermaßen gut dasteht (etwa was Außenbilanz oder Beschäftigung betrifft), verdanken wir nämlich zu großen Teilen der nicht nur mit der ausländischen Konkurrenz, sondern auch der mit den Feinden im eigenen Lande kämpfenden Industrie.

Österreichs Industrie kann auf Dauer ihre Position nur halten, wenn den Unternehmen verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen geboten werden – wenn diese weder durch Aufschläge für das „System Österreich“ benachteiligt noch durch kurzsichtiges politisches Hakenschlagen behindert werden. Die Erfahrungen Großbritanniens (mit einem nur halb so hohen Anteil der industriellen Wertschöpfung) sollte abschreckendes Beispiel genug sein. Der durch den Kirchturm verkürzte Blick von Lokalpolitikern und das nur noch auf das Verteilen ausgerichtete Streben der Arbeitnehmervereinigungen sind jedenfalls die falschen Ratgeber.