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Vom Bahnhofskanzler zum Bundeskanzler – eine österreichische Karriere

Meinung / von Michael Fleischhacker / 12.05.2016

Das Bild war vielsagend. Als im Spätsommer 2015 hunderttausende Flüchtlinge über die ungarische Grenze kamen, um nach Deutschland oder Schweden weiterzureisen, stand der Wiener Westbahnhof als logistische Drehscheibe im Mittelpunkt des Interesses. Der Generaldirektor der Österreichischen Bundesbahnen stand auf einem der Bahnsteige und präsentierte sein Unternehmen als Transportmittel der Menschlichkeit. Der Einfachheit halber gab man ihm gleich selber das ORF-Mikrofon in die Hand. Er wurde nicht gefragt, er berichtete. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und das staatliche Bahnunternehmen verstanden sich gemeinsam als Promotoren der Willkommenskultur, kritische Distanz hätte die Stimmung gestört.

Christian Kern galt schon damals und nicht erst seit damals als eine der möglichen Alternativen zu Werner Faymann. „Bahnhofskanzler der Herzen“ nannten ihn damals Kollegen freundschaftlich-spöttisch und hoffnungsfroh zugleich. Warum, ist schwer zu sagen; was er politisch denkt, ist nicht überliefert, wofür ihm viele dankbar sein werden, weil das die lästige Einordnungsarbeit überflüssig macht. Die Medien wünschen sich einen wie ihn. Angeblich telegen, angeblich eloquent, „medial gut vernetzt“, wie es heißt. Das heißt vor allem, dass er als Chef eines der großen staatlichen Unternehmen über einen der großen staatsnahen Anzeigenetats verfügte. Da tat man immer gut daran, gut mit ihm auszukommen.

Gut investiertes Kapital

Im Winter war Christian Kern Gastgeber für die Ehrung der „Journalisten des Jahres“ gewesen. Eine österreichischere Veranstaltung wird man schwer finden: Journalisten zeichnen sich unter der Ägide eines sogenannten „Fachmediums“ selber aus. Als Gastgeber fungierte der ÖBB-Generaldirektor, ehemaliger Journalist und Politiker-Pressesprecher. Die Branche hofierte ihn, er hofierte die Branche, alles war gut. Für Kern sind solche kleinen Gesten der Großzügigkeit gut investiertes Kapital: Als die private Westbahn die Kosten für den Flüchtlingstransport zurückerstattet wollte, geißelten sie die medialen Exponenten der Willkommenskultur als kalte neoliberale Gierhälse, die aus dem Leid der Flüchtlinge Profit schlagen wollten. Als die ÖBB dasselbe taten, lobte man deren zivilgesellschaftliches Engagement.

Jetzt wird der Bahnhofskanzler der Herzen zum Bundeskanzler der Medien, und das ist ziemlich praktisch, weil sich an seinem Verhältnis zu den Medien dadurch nichts ändern muss. Unternehmenskommunikation für die ÖBB bedeutete ja nie Kommunikation mit den Kunden, sondern Kommunikation mit der Politik und mit den Medien. Also war es naheliegend, durchgehend Leute in diesem Bereich zu beschäftigen, die früher für sozialdemokratische Politiker gearbeitet hatten. (Überwiegend für Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer, weshalb „Auskenner“ mutmaßen, dass Gusenbauer für Kern und gegen Gerhard Zeiler lobbyiert habe, um sich an Michael Häupl zu „rächen“, auch das ist Österreich.)

Sag’ ma, es war nix

Es ist eigentlich ziemlich lustig, dass jene Medien, die am Abend des 24. April unter dem Einfluss einer Überdosis Angstlust-Testosteron über das Ende der Zweiten Republik entzückt waren, das, was jetzt in den beiden Regierungsparteien passiert, für das Natürlichste der Welt halten: eine SPÖ-Parteichefkür, wie sie im Drehbuch der 90er Jahre steht, und die bewährte ÖVP-Devise „Es gibt viel zu tun. Warten wir’s ab.“ Mit der Aussicht auf eine Fortsetzung des Bekannten mit einem neuen Gesicht sind sie gerne bereit, das zu sagen, was man in Wien immer sagt, wenn man es eigentlich gar nicht so streng haben will, wie man anfangs behauptet hat: „Sag’ ma, es war nix.“